• The Wall Street Journal

Japans riskanter Kampf gegen die Deflation

    Von WILLIAM MALLARD

Shinzo Abe ist Favorit bei der Wahl in Japan am Sonntag. Und er hat einen erklärten Feind, den er mit aller Kraft bekämpfen will: die dauerhafte Deflation, die sein Land fest im Griff hat. Doch die Lösung dieses Problems könnte ein neues hervorrufen – es könnte den riesigen Staatsanleihemarkt des Landes umstülpen. Der bleibt bisher überraschend stabil, obwohl die Regierung die höchsten Staatsschulden weltweit angehäuft hat.

"Eine Gefahr liegt im Prozess selbst: Versucht eine Regierung die Deflation zu durchbrechen, untergräbt sie das Vertrauen in ihre Fähigkeit, die Schuldensituation im Griff zu behalten", sagt Masayuki Kichikawa, Chefökonom von Merrill Lynch Japan Securities.

Zum Teil liegt das daran, dass die Deflation trotz allen Schadens, die sie anrichtet, auch Vorteile bringt. Unter anderem haben die fallenden Preise der japanischen Regierung eine extrem billige Refinanzierung ihrer Schulden - die rund doppelt so hoch sind wie das BIP des Landes – ermöglicht, da sie die Renditen für Staatsanleihen auf einem sehr niedrigen Niveau verharren lassen.

dapd

Shinzo Abe - er will die Deflation in Japan bekämpfen. Bei den Wahlen am Sonntag gilt er als Favorit.

Sollte Abe Premier werden und tatsächlich eine Inflation antreiben können, sei dies „ein riskantes Vorgehen" für den japanischen Anleihemarkt, sagt der ehemalige Notenbanker Masaaki Kanno, jetzt Chefökonom bei J.P. Morgan Chase in Tokio.

Obwohl der Schuldenberg während der vergangenen Jahre stetig gewachsen ist, widersteht der Bondmarkt allen düsteren Prophezeiungen eines Zusammenbruchs. Nicht einmal Anzeichen erster Risse sind zu beobachten. Sogar vorsichtige Volkswirtschaftler wie Kanno und Kichikawa sagen, in ihren Augen gebe es keine unmittelbaren Probleme. In der Tat: Anleihekäufer haben Abes reflationäres Versprechen bis jetzt positiv aufgenommen. Die langfristige Rendite der Referenzanleihen fiel auf ein Neunjahrestief von 0,7 Prozent.

Neue Wege in Tokio

Doch Abes Wahlversprechen repräsentiert einen bedeutenden und noch nie zuvor ausprobierten Wechsel in der Politik Japans angesichts der beiden verschwisterten Probleme Deflation und Staatsverschuldung.

Bislang haben die japanischen Politiker, um die japanische Wirtschaft anzukurbeln, stets auf die Zentralbank gesetzt. Doch deren Chef Masaaki Shirakawi hat gewarnt, dass eine aggressive Aufstockung der Anleiheaufkäufe durch die Bank of Japan – Hauptmethode zur Stimulierung der Wirtschaft bei Zinssätzen, die gegen null gehen – als Freibrief für die Politiker angesehen werden könnte, immer mehr Geld zu borgen und so zu einem „Ereignis führen könnte, das die Rendite nach oben springen lässt."

Der amtierende Ministerpräsident Yoshihiko Noda hat in diesem Sommer zur Bekämpfung des Schuldenberges eine Anhebung der Umsatzsteuer durchs Parlament gebracht - ein Grund für seine Unbeliebtheit, die ihn bei der Wahl am Sonntag den Job kosten dürfte.

Sowohl Noda als auch Notenbankchef Shirakawa haben wenig gegen den Preisverfall unternommen, der Japan mehr oder weniger seit dem Platzen der Spekulationsblase 1990 quält. Nun will Abe den Schwerpunkt verschieben. „Wir werden unser politisches Instrumentarium zur Eindämmung der Deflation nutzen", sagte er dem Wall Street Journal im vergangenen Monat. Er präsentierte einen 2,4 Milliarden Dollar schweren Ausgabenplan.

Er ziehe zudem in Betracht, Nodas hart erkämpfte Steuererhöhungen zu verzögern, „wenn wir feststellen, dass wir nicht auf dem Weg aus der Deflation sind", sagte Abe. Der Vorsitzender der oppositionellen, rechtskonservativen Liberaldemokratischen Partei (LD) fordert "unbegrenzte" geldpolitische Lockerungen der Bank of Japan, bis die Preise um 2 Prozent steigen würden. Er verlangt Anleihekäufe der Zentralbank zur Finanzierung eines ehrgeizigen Infrastrukturprogramms, in dessen Rahmen Brücken und Straßen gebaut werden sollen.

Abes Wahlkampfversprechen wirft die große Frage auf, ob Japan eine Schuldenkrise vermeiden kann, während gleichzeitig die Deflation bekämpft werden soll. Abes Vorstoß kommt zu einem Zeitpunkt, an dem einige der Säulen wegbrechen, die bislang für die Stabilität des Staatsanleihenmarktes gesorgt haben.

Die Bilanz kippt

Mehr als 90 Prozent der japanischen Staatsschulden werden im Land selbst gehalten. Doch dieser Kapitalzufluß ist am Schrumpfen. "Die Uhr tickt in dem Sinne, dass die Ersparnisse der japanischen Privatunternehmen und –haushalte zu sehr abnehmen, um das Regierungsdefizit noch weiter finanzieren zu können", sagt Hiromichi Shirakawa, Leiter des Japan-Research bei der Credit Suisse (nicht verwandt mit dem Zentralbanker Shirakawa).

In den meisten Monaten seit dem Erdbeben, dem Tsunami und der Atomkatastrophe im März 2011 hat Japan zudem ein Handelsdefizit verzeichnet. Das dreifache Unglück hatte die Schließung fast aller Atomkraftwerke des Landes zur Folge und ließ die Importe von fossilen Brennstoffen ansteigen. Der Leistungsbilanzüberschuss des Landes schrumpft – sollte es defizitär werden, dürfte Japan zur Refinanzierung Kapital von außen importieren müssen – und die Investoren dürften eine höhere Rendite fordern als die einheimischen Kreditgeber.

Für die Stabilität des Bondmarktes hat bislang auch das Vertrauen gesorgt, dass die Politiker alles unter Kontrolle halten. Niedrige Anleiherenditen spiegeln laut Notenbank-Gouverneur Shirakawa die Zuversicht wieder, dass die Regierung Steuerreformen in Angriff nimmt und dass die Bank of Japan die Preise stabil hält.

Schon eine leichte Veränderung in der Psychologie des japanischen Staatsanleihemarktes könnte schmerzhaft ausfallen. Das Finanzministerium schätzt, dass ein Renditeanstieg von zwei Prozentpunkten bei den zehnjährigen Anleihen die jährlichen Zinszahlungen der Regierung innerhalb von drei Jahren um 8 Billionen Yen (rund 75 Milliarden Euro) erhöhen würde.

Yoshimasa Hayashi, ehemaliger Wirtschaftsminister und Abe-Parteigänger, sagt, Japan müsse die Chance nutzen – trotz der Gefahren, die von neuen Deflationsbekämpfungs-Maßnahmen ausgehen. Er vergleicht die aktuelle Situation des Landes mit einem Mann, der sich aus Furcht vor einer Grippeinfektion weigert, aus dem Haus zu gehen. Aber wenn er nur zu Hause bleibe, könne er seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten und müsse hungern, sagt Hayashi. „Ab einem gewissen Punkt muss man das Haus verlassen und manche Risiken eingehen, und einen anderen Weg finden, um den Virus zu bekämpfen," sagt er. „Es ist ein heikler Balanceakt."

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