• The Wall Street Journal

Türkisches Wachstum gerät unter Druck

    Von YELIZ CANDEMIR und EMRE PEKER
AP/dapd

Die BIP-Prognose der türkischen Regierung für 2012 könnte trotz einer vorherigen Senkung immer noch zu hoch angesetzt sein.

Das türkische Wirtschaftswachstum hat sich im dritten Quartal deutlich verlangsamt, gleichzeitig brach die Industrieproduktion ein – beides Zeichen, dass sich Ankara dem globalen Abwärtstrend doch nicht entgegenstemmen kann. Danach hatte es über weite Teile des Jahres ausgesehen.

2011 war die türkische Wirtschaft um 8,5 Prozent gewachsen – unter den großen Nationen lagen weltweit nur China und Argentinien vor der Türkei. Das schürte Sorgen vor einem zu schnellen Wachstum. Seit Juli erklären türkische Politiker allerdings, das Land habe eine "sanfte Landung" geschafft. Indem man die Exporte gefördert und dem kreditfinanzierten Inlandskonsum Einhalten geboten habe, sei das BIP-Wachstum gut austariert worden.

Türkei verfehlt BIP-Prognose

Die jüngsten Daten deuten allerdings darauf hin, dass die Regierung ihre BIP-Prognose für 2012, die sie im Oktober bereits von 4 auf 3,2 Prozent gesenkt hatte, verfehlen könnte. Das Geschäftsklima sinkt kontinuierlich und liegt jetzt auf dem niedrigsten Stand des Jahres. Die Unsicherheit im Zuge der Euro-Schuldenkrise drücken die Verkäufe in die Europäische Union, dem wichtigsten Handelspartner Ankaras. Zudem leidet die Inlandsnachfrage unter den Spannungen in Nahost wie dem Konflikt in Syrien.

Laut Daten der türkischen Statistikbehörde hat sich das türkische Wachstum im dritten Quartal auf 1,6 Prozent verlangsamt. Damit lag es nicht nur deutlich unter der durchschnittlichen Analystenprognose von 2,6 Prozent, sondern auch so niedrig wie seit 2009 nicht mehr, als die Wirtschaft um 4,7 Prozent geschrumpft war.

Die Behörde teilte außerdem mit, dass die Industrieproduktion im Oktober um 5,7 Prozent abgenommen habe, dreimal schneller, als Analysten erwartet hatten. Im Vormonat hatte die Produktion noch um 6,2 Prozent zugelegt.

Türkische Zentralbank dürfte eingreifen

Der unerwartet schwache Wirtschaftsausblick dürfte nach Meinung von Ökonomen die türkische Zentralbank auf den Plan rufen. Notenbankchef Erdem Basci, der seit dem 5. November, als Moody's der Türkei Investment-Grade-Status verlieh, wiederholt vor dem Aufwertungsdruck auf die Landeswährung Lira zum Thema gewarnt und angekündigt hat, dass die Zentralbank weitere Währungsgewinne aktiv unterbinden werde, dürfte nun die Zinsen wieder senken, um die Kreditvergabe und das Wirtschaftswachstum anzuheizen.

"Ich war sehr zuversichtlich für das türkische Wachstum, aber die schwachen Daten haben mich überrascht. Sie zeigen, dass auch die Türkei nicht immun gegen globale Trends ist", sagt Tim Ash, Leiter des Schwellenländer-Research der Standard Bank in London. "Es kommen eine Reihe von Faktoren zusammen, die die türkische Wirtschaft ziemlich dramatisch bremsen."

Zwar hat die Türkei ihre Auslandsmärkte gut diversifiziert – das rasante Wachstum in Nahost, Afrika und Asien kompensiert die schleppende Nachfrage aus Europa – und hat die Verkäufe im Ausland im November auf ein Rekordhoch von 139 Milliarden Dollar gesteigert. Aber alleine die Exporte, die für 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts stehen, können die Wirtschaft nicht voranbringen.

Wirtschaftsminister Zafer Caglayan nahm die jüngsten Daten, die auf eine Abschwächung hindeuten, zum Anlass, nach der Notenbank zu rufen: "Der Export war dieses Jahr der Wachstumsmotor, für ein nachhaltiges Wachstum im Jahr 2013 und darüber hinaus sollten aber Inlandsnachfrage und Netto-Exporte das Wachstum gleichermaßen unterstützen", sagte er.

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