• The Wall Street Journal

Thyssen-Krupp macht reinen Tisch

    Von STEFANIE HAXEL und URSULA QUASS

Die Stahlwerke in den USA und Brasilien wurden für Thyssen-Krupp zum Milliardengrab . Am Montagabend wurde das Ausmaß des Debakels offenbar: Die Abschreibungen drückten den Stahlkonzern unter dem Strich rund 5 Milliarden Euro in die Miesen. Vor Zinsen und Steuern verdiente Thyssen-Krupp zwar mehr Gewinn als von Analysten erwartet. Überraschend kam für den Markt aber, dass das Unternehmen den Aktionären die Dividende strich. Nach einem anfänglichen Minus von drei Prozent liegt die Aktie mittlerweile im Plus.

Der Konzern sieht sich beim geplanten Verkauf der Verlustbringer in Brasilien und den USA nun in einem derart fortgeschrittenen Stadium, dass diese nicht mehr als fortgeführte Aktivitäten bilanziert werden. Das allerdings zog erneute Abschreibungen in Höhe von 3,6 Milliarden Euro nach sich.

dapd

Unter Druck: Der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Thyssen-Krupp AG, Gerhard Cromme.

Der Konzern hofft nun, bald einen Schlussstrich unter das leidige Thema ziehen zu können. Personell stehen die Zeichen bereits auf Neuanfang, der halbe Vorstand wird zum Ende musste vergangenen Woche seinen Hut nehmen. Die Bestellung von Olaf Berlien, Jürgen Claassen und Edwin Eichler wurde zum Jahreswechsel aufgehoben.

Ohne Inoxum, Steel Americas und einige kleinere Verkäufe sinkt der Umsatzanteil der Stahlproduktion von 40 Prozent auf nur noch knapp 30 Prozent, wie Konzernchef Heinrich Hiesinger erklärte. Damit werde der weitaus größere Teil nicht mit der Stahlproduktion, sondern mit Material- und Logistikdienstleistungen und Industriegüter-Geschäften erzielt.

Für das kommende Jahr gibt sich der Stahlkonzern vorsichtig. Das wirtschaftliche Umfeld habe sich nicht verbessert, erklärte Hiesinger auf der Bilanz-Pressekonferenz am Dienstag. Angesichts von Preisdruck und Volumenrückgängen werde sei im Geschäftsjahr 2012/13 mit einer schwächeren Dynamik zu rechnen. Die Kurzarbeit in deutschen Stahlwerken soll verlängert werden.

Das Unternehmen erwartet für die fortgeführten Aktivitäten einen Konzernumsatz höchstens auf dem Niveau des Vorjahres von etwa 40 Milliarden Euro. Das bereinigte Ebit aus fortgeführten Aktivitäten soll bei rund 1 Milliarde Euro liegen. Ob Thyssen-Krupp dann wieder eine Dividende zahlen wird, ließ der Konzern offen.

Seit 9 Uhr läuft die Bilanzpressekonferenz - nun dürften auch auf Aufsichtsratschef Gerhard Cromme jede Menge unangenehme Fragen zukommen. Die alles überlagernde Frage lautet: Wie kann es sein, dass die vom Milliardengrab in den USA und Brasilien bis zu Korruptionsvorwürfen reichende Liste immer neuer schlechter Nachrichten von dem ausgewiesenen Branchenexperten und Chefkontrolleur übersehen werden konnte?

Die Frage ist, ob Cromme und die übrigen Aufsichtsratsmitglieder ihre Kontrollaufgaben erfüllt haben und die Kostenexplosion auf zwölf Milliarden Euro hätten verhindern können. Cromme hatte dazu bereits mehrere Gutachten in Auftrag gegeben. Eine neuerliche Prüfung kam nun zu dem Schluss, dass zu optimistische und falsche Annahmen der geschassten Vorstände wesentlich zu den Fehlentwicklungen bei den Stahlprojekten in den USA und Brasilien geführt hatten.

Kontakt zum Autor: stefanie.haxel@dowjones.com und ursula.quass@dowjones.com

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