• The Wall Street Journal

Bangladesch: Warnungen vor Großbrand verpufften ungehört

    Von SYED ZAIN AL-MAHMOOD, TRIPTI LAHIRI und DANA MATTIOLI
[image] Associated Press

In dieser Fabrik in der Nähe von Dhaka brannte es im vergangenen Monat. 112 Menschen kamen ums Leben.

Bei einem verheerenden Brand in einer Kleiderfabrik in der Nähe von Dhaka in Bangladesch kamen im vergangenen Monat 112 Menschen ums Leben. Ihr Tod hätte möglicherweise verhindert werden können, wäre einem Brandschutzbericht aus dem Jahr 2011 Beachtung geschenkt worden. Die Inspektoren, die damals im Auftrag eines Zulieferers des US-Einzelhandelsriesen Wal-Mart Stores die Fabrik von Tazreen Fashions untersuchten, hatten schwere Mängel bei der Feuersicherheit gemeldet. Dies geht aus Dokumenten hervor, die das "Wall Street Journal" in dem zerstörten Gebäude gefunden hat.

Trotz der Warnungen wurde nur einige Wochen vor der Brandkatastrophe an den Fertigungsbändern der Fabrik größtenteils für Wal-Mart genäht. Sandfarbene Mädchen-Shorts mit dem Wal-Mart-Label "Faded Glory" fanden sich ebenfalls zwischen dem Schutt und in der Asche der Werkshallen.

Wal-Mart lehnte eine Stellungnahme zu den Feuerschutzbedenken in dem Gebäude ab. Tazreen sei schon "vor Monaten" von der Liste der autorisierten Fabriken des Einzelhändlers gestrichen worden, sagte ein Wal-Mart-Sprecher, ohne weitere Einzelheiten nennen zu wollen. Er wollte sich auch nicht dazu äußern, ob Wal-Mart seine Lieferanten von der Streichung in Kenntnis gesetzt hat. Ein Zulieferer habe Kleider an Tazreen geschickt, ohne dazu befugt gewesen zu sein. Wal-Mart untersuche derzeit, ob andere Lieferanten ähnlich vorgegangen sind.

Der Eigentümer der Fabrik, Delwar Hossain, konnte nicht erreicht werden, um zum Entzug der Bevollmächtigung Stellung zu nehmen. Er hatte zuvor beteuert, dass die für Wal-Mart vorgenommenen Prüfungen keine Brandsicherheitsmängel in dem Textilwerk zu Tage gefördert hätten.

Unübersichtliches Überprüfungssystem bei Wal-Mart und anderen Einzelhändlern

Das verheerende Feuer rückt die offenkundigen Versäumnisse westlicher Einzelhändler in den Blickpunkt. Sie hatten sich in den vergangenen Jahren darum bemüht, für bessere Bedingungen für die Textilarbeiter in den aufstrebenden Märkten zu sorgen – im aktuellen tragischen Fall offensichtlich ohne Erfolg.

In Bangladesch und in anderen Ländern verlassen sich Wal-Mart und andere große Einzelhändler auf bestimmte Prüf- und Zulassungsmechanismen. So soll sichergestellt werden, dass ihre Zulieferer nur Kleidung von Produzenten erhalten, die die Kriterien erfüllen; also für sichere Arbeitsplätze garantieren und keine Kinder für sich arbeiten lassen.

Doch es liegt in der Natur des Systems, dass Warnsignale oft übersehen werden, sagen Branchenexperten und Arbeitnehmergruppen. Die Kontrolle und Überprüfung der Werke durch die Einzelhändler wird üblicherweise von Drittparteien vorgenommen. Und sie werden dafür von den Zulieferern bezahlt, nicht von den Einzelhändlern selbst. Gemäß dem Handbuch von Wal-Mart, das die einzuhaltenden Standards der Lieferanten festhält, müssen die Zulieferer offen legen, welche Fabriken sie nutzen.

Und wenn tatsächlich Probleme festgestellt werden, oder wenn eine Produktionsstätte von der autorisierten Liste eines Lieferanten gestrichen wurde, kann es passieren, dass dieser Umstand anderen Zulieferern oder den Fabriken selbst nicht mitgeteilt wird, berichten Führungskräfte der Branche.

Blockierte Ausgänge und Treppen, keine Informationen über Fluchtwege

Im Fall des Tazreen-Werks in Bangladesch hatte ein Lieferant tatsächlich nicht mehr in der Fabrik produzieren lassen, nachdem im vergangenen Jahr die Mängel beim Brandschutz festgestellt worden waren. Andere Zulieferer wiederum ließen dort weiter Kleider nähen, wie aus Aussagen führender Tazreen-Mitarbeiter und aus Dokumenten hervorgeht, die das Wall Street Journal geprüft hat. Warum sie das Werk weiter nutzten, ist unklar.

Das Gebäude von Tazreen Fashions war im Mai 2011 inspiziert worden. Der Wal-Mart-Lieferant NTD Apparel aus Kanada hatte die Brandschutzuntersuchung in Auftrag gegeben, wie auf der Website der Tazreen-Muttergesellschaft Tuba Group zu lesen und aus Dokumenten ersichtlich ist, die vom Wall Street Journal in der ausgebrannten Ruine gefunden wurden. Das Unternehmen, das die Sicherheitskontrolle vornahm, wurde nicht genannt.

Die Brandschutzinspektoren fanden den Dokumenten zufolge in dem Gebäude blockierte Ausgänge und Treppen vor. Die Arbeiter waren nicht über die Fluchtwege informiert. Es fehlte an Ausrüstung für die Brandbekämpfung. Laut den Unterlagen versprach die Tuba Group, die Missstände bis Ende Juni 2011 zu beheben.

Eine Folgeinspektion im vergangenen Dezember lag in den Händen von STR Responsible Sourcing, die zur amerikanischen Firma UL gehört. Dies geht aus einem Deckblatt hervor, das in den Trümmern der Fabrik gefunden wurde. Die weiteren Seiten des Prüfberichts, die die Ergebnisse dieser Inspektion beschrieben, waren nicht mehr auffindbar. UL, die STR im vergangenen Jahr übernommen hatte, reagierte nicht auf Kommentaranfragen zur Überprüfung des Textilwerks. Es ist nicht klar, ob die Brandschutzmängel behoben wurden.

Tazreen Fashions sei von NTD Apparel im März von der Liste der genehmigten Produzenten entfernt worden, schrieb Michael Eliesen, der Präsident der kanadischen Firma, in einer E-Mail. Als der Brand ausbrach, habe Tazreen keine Aufträge für NTD erledigt.

„Ein wirklich ethischer Einkauf ist für Käufer fast unmöglich"

Es sei eine Herausforderung, die Lieferkette so zu kontrollieren, dass die Einhaltung der Standards für die Beschaffung nach ethischen Gesichtspunkten gewährleistet werde, sagte Jahangir Alam. Er war bis Ende des vergangenen Jahres in der Niederlassung von Wal-Mart in Dhaka für den Einkauf gemäß ethischer Standards zuständig. "Da mehrere Subunternehmer eingebunden werden, ist es für die Käufer fast unmöglich geworden, einen wirklich ethischen Einkauf im eigentlichen Sinne zu praktizieren", meinte er.

Das Wal-Mart-Büro in Dhaka sei früher nicht direkt mit der Kontrolle von Fabriken befasst gewesen, von denen die Lieferanten des Einzelhändlers ihre Produkte bezogen, erzählte Alam. Das änderte sich im Jahr 2010. Damals waren 21 Menschen bei einem Brand in einem Werk in der Nähe von Dhaka gestorben. "Jetzt behält die hiesige Niederlassung alle Fabriken im Blick, die Produkte mit Wal-Mart-Label herstellen", sagte Alam.

Der aktuelle Prüfungsleiter im Büro des Einzelhandelsriesen in Dhaka wollte nicht auf die Frage antworten, ob seine Abteilung eine Rolle dabei gespielt hat, dass Tazreen die Bevollmächtigung entzogen wurde, und warum in der Fabrik trotzdem noch Kleider für Wal-Mart genäht wurden.

Reuters

Nach dem Brand im vergangenen Monat stapeln sich die Überreste der Kleidungen in der Tazreen-Fabrik. Die meisten davon waren für Wal-Mart bestimmt.

Nach Angaben von Wal-Mart habe ein Zulieferer, dessen Name der Einzelhändler nicht nennen wollte, die Tazreen-Fabrik entgegen der Richtlinien der US-Firma genutzt. Dem Lieferanten sei gekündigt worden. "Wenn wir feststellen, dass andere Zulieferer eine deaktivierte Fabrik genutzt haben, um Waren für Wal-Mart zu produzieren, dann kommt dies einer Verletzung unserer Verhaltensnormen für Lieferanten gleich", sagte Wal-Mart-Sprecher Kevin Gardner. "Falls dies zutrifft, dann ist das inakzeptabel und wir werden angemessene Schritte einleiten."

Mahbub Rahman arbeitet in der Marketing-Abteilung der Tazreen-Muttergesellschaft Tuba Group. Er behauptet, Wal-Mart habe seiner Firma nicht mitgeteilt, dass Tazreen nicht mehr länger befugt sei, Kleider für den Einzelhändler zu fertigen. Dass Tazreen von Wal-Mart die Bevollmächtigung entzogen worden war, habe seine Firma erst den Zeitungsberichten über das Feuer in der Fabrik entnommen.

Wal-Mart wollte nicht erklären, wie das Unternehmen Zulieferer oder Fabriken davon in Kenntnis setzt, dass sie wegen Missachtung der Unternehmensrichtlinien von der Produktion ausgeschlossen werden.

Vier Wal-Mart-Zulieferer vergaben Aufträge an Tazreen – trotz Streichung von der Liste

Tazreen führte in diesem Jahr mehrmals Aufträge zur Herstellung von Wal-Mart-Textilien aus, selbst nachdem vorherige Inspektionen Schwachstellen beim Brandschutz aufgedeckt hatten, und die kanadische NTD Tazreen von der Liste verbannt hatte. Dies zeigen Unterlagen, die das Wall Street Journal an der Brandstätte gefunden hat sowie zusätzliche Dokumente, die Arbeitnehmervertreter fotografiert haben. Eine Produktionsübersicht von Tazreen vom 13. September zum Beispiel weist aus, dass rund 60 Prozent der rund 4.100 Kleidungsstücke, die in der Fabrik täglich produziert wurden, für Wal-Mart bestimmt waren.

Laut den Unterlagen arbeiteten vier Wal-Mart-Zulieferer in diesem Jahr mit Tazreen zusammen. Zwei der Lieferanten nutzten die Fabrik noch wenige Monate, bevor sich der Brand ereignete.

Die New Yorker Firma International Intimates, Zulieferer von Wal-Mart, ließ in dem Textilwerk pflaumenfarbene Pyjamas und schwarze Satinschlafanzüge fertigen, steht in den Dokumenten zu lesen. Das New Yorker Unternehmen habe dazu den Auftrag erteilt, bestätigte ein Tazreen-Manager.

Er habe erst in der vergangenen Woche von dem Geschäft seiner Firma mit Tazreen erfahren, sagte dagegen René Rofé, der Chef von International Intimates. Er behauptete, ein Subunternehmer aus Hongkong habe den Auftrag ohne seine Erlaubnis bei Tazreen eingereicht. "Wir haben niemals wissentlich eine Order bei Tazreen platziert", sagt er. Seine Firma fungiere immer noch als Anbieter für Wal-Mart.

Faisal Textile Resources, ein Zulieferer aus Bangladesch, ließ Tazreen am 1. November einen umfangreichen Auftrag für sandfarbene Wal-Mart-Shorts zukommen, belegen Dokumente, in die das Wall Street Journal Einblick hatte. Faisal-Eigentümer Kamal Hossain wollte dies nicht kommentieren.

Der in New York ansässige Wal-Mart-Lieferant Success Apparel ließ in der Fabrik ebenfalls kurze Hosen herstellen. Einige seiner Aufträge waren über einen Subunternehmer bei Tazreen eingegangen. "Success war sich weder bewusst, dass unsere Textilien in der Fabrik gefertigt wurden, in der sich diese Tragödie ereignete, noch hat sie auf irgendeine Weise die Produktion dort genehmigt", teilte das Unternehmen mit. "Diese Fabrik ist nicht auf unserer Matrix und wir haben noch nie Geschäfte mit ihnen gemacht."

Nach Angaben von Success hat ein Subunternehmer einen kleinen Teil des Auftrags von Success an die Tuba Group vergeben, die die Stoffe an Tazreen geliefert hat. Ein Vertreter von Success in Bangladesch habe am 8. November von dieser ungenehmigten Weitervergabe des Auftrags erfahren und verlangt, dass die Arbeit dort eingestellt würde, führt die Firma weiter aus. "Die Aufzeichnungen lassen darauf schließen, dass die Stoffe und Schnitte zwischen dem 12. November und dem 18. November zurückgegeben wurden."

Doch ein Bericht der Qualitätskontrolle, der in der ausgebrannten Fabrik gefunden wurde und sich augenscheinlich auf Shorts der Marke "Faded Glory" bezog, ist auf den 22. November datiert, also zwei Tage vor dem Brandunglück. Und er führt Success Apparel als Käufer auf. Das Unternehmen wollte zu diesem Bericht nicht Stellung beziehen.

Anspruch und Wirklichkeit der billigen Textilproduktion

Den Dokumenten zufolge nutzte im März auch der Kinderbekleidungslieferant Topson Downs of California die Tazreen-Fabrik für Wal-Mart-Aufträge. Auf seiner Website behauptet der Anbieter, die Fabriken, die er nutzt, "fast hundertprozentig" zu überprüfen. Dies geschehe entweder durch ein unternehmenseigenes Team oder indem man den Bereich STR der Firma UL heranziehe.

Nach Angaben von UL hat die Firma in diesem Jahr für Topson Downs in Bangladesch vier Prüfungen vorgenommen. Aber keine davon bei Tazreen Fashions. Der bei Topson Down für die Einhaltung sozialer Standards zuständige Manager reagierte nicht auf Kommentaranfragen.

Die Regierung überprüfe nach dem Brand die Richtlinien für den Arbeitsschutz, sagte Mikhail Shiper, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit und Beschäftigung von Bangladesch. Man werde dafür sorgen, dass Produktionsstätten, die den Arbeitsgesetzen und den Sicherheitsstandards nicht entsprächen, still gelegt würden. "Das Feuer bei Tazreen hat uns wach gerüttelt", sagte er.

In der Vergangenheit hatte die Regierung gezögert, sich für eine Verbesserung der Sicherheit in den Fabriken stark zu machen. Der politische Einfluss der Textilbranche sei groß, berichten Branchenexperten. Mehr als zwei Dutzend Eigentümer von Textilfabriken sitzen im Parlament von Bangladesch.

—Mitarbeit: Erica Orden in Los Angeles und Shelly Banjo in Dallas

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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