• The Wall Street Journal

Die "schwarze Kasse" des Pentagon

    Von JULIAN E. BARNES
MotionDSP

Auf dem kleinen Dienstweg beschafft: Die Software von MotionDSP erlaubt dem US-Militär auch bei Videos mit geringer Auflösung einen besseren Blick hinter den "militärischen Nebel".

Amerika fährt sein Engagement in Afghanistan zurück, doch die Programme zur beschleunigten Beschaffung von Kriegsgerät für Kampfgebiete werden auch nach dem Ende des Truppenabzugs weiterlaufen. Das machten Pentagon-Vertreter deutlich.

Konkret geht es um die Sonderabteilung „Rapid Fielding" (Schneller Einsatz), die das US-Verteidigungsministerium 2009 formell ins Leben gerufen hatte, um langwierige Beschaffungsprozesse zu verkürzen.

Die Abteilung hat in der Zwischenzeit verschiedene Technologien erprobt, um den militärischen Einsatz der US-Truppen in Afghanistan zu unterstützen. Etwa besorgte sie mit Kameras bestückte Luftschiffe für ferngesteuerte militärische Außenposten.

Nach den Erfolgen halten Militärvertreter die Abteilung für sehr wichtig, um neue Ausrüstung zu entwickeln, damit die US-Streitkräfte eine Antwort auf militärische Spitzentechnologie der Chinesen bekommen oder Gerät für den Einsatz bei Antiterrormaßnahmen.

US-Army braucht manchmal schnelle Lösungen

Nach Angaben von Earl Wyatt, der in der zentralen Abteilung des Pentagon für Beschaffung, Technologie und Logistik für Rapid Fielding verantwortlich ist, haben die Kommandanten in Kriegsgebieten - die sogenannten Co-Coms – regelmäßig bei ihm Ausrüstung ausgewählt, um auf drohende Gefahren vorbereitet zu sein, deren Beschaffung auf regulärem Wege über den Militärhaushalt zu lange gedauert hätte.

„Co-Coms sehen den künftigen Bedarf viel besser voraus", sagte Wyatt. „Jeder von ihnen hat auf bestimmte Gefahren hingewiesen und gesagt: Ich muss auf das Unerwartete vorbereitet sein."

Die Abteilung Rapid Fielding versucht, in großem Maße die Leitlinien des früheren Verteidigungsministers Robert Gates umzusetzen. Gates hatte beklagt, dass bei der militärischen Beschaffung zu viel Geld ausgegeben werde, um die perfekte Waffe zu entwickeln. Aus seiner Sicht sollte sich das Pentagon auf günstigere Technik konzentrieren, die zu „70-prozentigen Lösungen" führe.

Nicht alle Kongressabgeordneten sind von der Idee begeistert. Zwar ist das Budget der Abteilung Rapid Fielding mit 310 Millionen US-Dollar jährlich vergleichsweise überschaubar ausgestattet – vor allem verglichen mit dem Pentagon-Haushalt insgesamt, der sich zuletzt auf 646 Milliarden Dollar belief. Trotzdem gefällt es einigen Politikern nicht, dass hier die Vergabe weitgehend freihändig verläuft und die genaue Kontrolle fehlt, die bei militärischen Großaufträgen stattfindet.

Ein Kongressmitarbeiter sagte, es gebe etliche Abgeordnete, die für eine generelle Überholung der Prozesse bei der militärischen Auftragsvergabe seien, mit denen sich neue Waffensysteme schneller und günstiger entwickeln ließen.

Kritiker: System ist Einfallstor für Verschwendung

Kritisch äußert sich auch Winslow Wheeler von der unabhängigen Organisation Project on Government Oversight, die sich seit über 30 Jahren in den USA mit Korruption, Verschwendung von Steuergeldern und anderem Fehlverhalten von Behörden, Staatsagenturen und Kongressabgeordneten auseinandersetzt.

Wheeler sagt, mit Rapid Fielding werde das System der kompletten Tests von Waffensystemen des Pentagon umgangen. „Die Gags aus der neuen Zeit sind vorgeblich ganz normales Geschäft, maskiert von rhetorischem Kauderwelsch und dem üblichen Managementgehabe", kritisiert er.

Mehr Durchblick an der Front

Es gibt einige kleinere Unternehmen, die davon profitiert haben, dass sich das Pentagon für kommerzielle Technologien interessiert hat, die auch militärisch einsetzbar waren.

MotionDSP aus dem kalifornischen Burlingame etwa hat die Computersoftware entwickelt, mit der sich verwackelte Bilder bei Videoaufnahmen aus der Hand verhindern lassen. Die Technik eignet sich aber auch dazu, Videobilder zu verbessern, die von Drohnen, Aufklärungsflugzeugen oder mit anderen Überwachungsgeräten gemacht werden.

Software für hochauflösende Aufklärungsvideos

MotionDSP-Chef Sean Varah vergleicht es mit der früheren Fernsehtechnik. Die Zuschauer haben sich seinerzeit auch Bilder angesehen, die wegen schlechten Empfangs nur schemenhaft zu erkennen waren. „Man konnte noch das Wesentliche erkennen, obwohl das Bild unscharf war", sagte Varah. „Das Gehirn ist in der Lage, das störende Bildrauschen drumherum herauszufiltern und sich auf das zu konzentrieren, was dort zu sehen ist. Das genau leistet auch unser Algorithmus."

Die Technik von MotionDSP wird von Spezialeinheiten bei den US-Streitkräften eingesetzt. Die Firma glaubt, dass ihre Technik dem Militär auch dann noch von Nutzen sein wird, wenn die Afghanistan-Mission abgeschlossen sein wird. Grobkörnige Videoaufnahmen werden beim Durchlauf durch die Softwareprogramme von MotionDSP deutlich klarer. Das Programm wandelt gesendete Bilder einer Drohne umgehend in eine Karte jener Gegend um, die von dem unbemannten Fluggerät observiert wird.

In den vergangenen Monaten bekam MotionDSP zwei Aufträge im Wert von 3 Millionen Dollar, um die Bilder aus der Übertragung der Überwachungskameras der Luftwaffe zu verbessern. „Es kommt zu großen Veränderungen im Verteidigungsministerium", sagte Varah. „Sie sind interessiert an Neuerungen und erkennen, dass die die Prozesse verändern müssen, um sich neue Technologien zu beschaffen."

Vertreter des Verteidigungsministeriums wollten sich zu Einzelaufträgen nicht äußern, bestätigten aber, dass es in der Abteilung Rapid Fielding vornehmlich um Projekte der Aufklärung und Bildübertragung geht. „Auf der Militärakademie unterweisen sie uns über den Nebel des Krieges", sagte Abteilungschef Wyatt. „Ich glaube, dass wir heute den Krieg mit hochauflösenden Bildern führen."

David Berteau ist Wissenschaftler am Zentrum für internationale und strategische Studien in Washington. Er sagt, es gibt bisher wenige Daten zu der Frage, ob die Abteilung Rapid Fielding besser und kostengünstiger bei der Technologiebeschaffung arbeitet als das Ministerium.

Doch zeige die Einschätzung des Pentagons, dass es eine Behörde brauche, um den normalen Beschaffungsprozess am Ende zu überwachen, wie schwierig das Thema der Beschaffung insgesamt beim Militär sei.

„Am Ende zeigt sich, dass mit der Beschaffung grundsätzlich etwas schief läuft", sagte Berteau.

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