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Erste Festnahmen in der Libor-Affäre

Im Zuge der Ermittlungen wegen der versuchten Manipulation des Libor-Zinssatzes sind drei Briten festgenommen worden. Das teilte die britische Behörde zur Bekämpfung schweren Betrugs (Serious Fraud Office, SFO) am Dienstag mit.

Nach Angaben des SFO wurden die drei Männer im Alter von 33, 41 und 47 Jahren auf einer Londoner Polizeistation verhört, ihre Häuser in Surrey und Essex wurden von der Polizei durchsucht.

Die Festnahmen sind die ersten im Zuge der weltweiten Untersuchungen der jahrelangen versuchten Manipulationen des Libor-Satzes durch Bankmitarbeiter. Das SFO hatte die mit den strafrechtlichen Ermittlungen im Juli aufgenommen. Kurz zuvor hatte die britische Bank Barclays mit Regulierern in Großbritannien und den USA einen Vergleich geschlossen, der unter anderem eine Strafzahlung in Höhe von 450 Millionen Dollar vorsah. Als Teil des Vergleichs gestand Barclays, dass einige seiner Führungskräfte und Händler den Libor manipuliert hatten. Auch anderen Banken drohen Strafen. US-Strafbehörden ermitteln schon wesentlich länger wegen möglicher Zinsmanipulationen, haben bisher aber niemanden deswegen verurteilt.

Der London Interbank Offered Rate (Libor) ist einer der wichtigsten Zinssätze weltweit. Er gibt an, zu welchen Zinsen sich Banken untereinander Geld leihen. Weltweit orientieren sich zahlreiche Anlageprodukte am Libor. In die Kritik kam der Zinssatz wegen seiner Ermittlungsmethode. Eine Gruppe von Banken meldet jeden Tag den Satz, den sie für Leihgeschäfte zahlt, an die British Bankers' Association (BBA), die aus den Daten einen Durchschnittswert ermittelt. Gerade in der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 bestand für die Banken ein Anreiz, ihren Wert zu niedrig auszuweisen, um den Verdacht zu vermeiden, man stehe mit dem Rücken zur Wand und komme nur noch schwer an frisches Kapital. Die Manipulationen des Libor sollen aber bereits in den Jahren vor der Finanzkrise begonnen haben.

Ein Barclays-Sprecher wollte die Festnahmen nicht kommentieren. Auch Sprecher der UBS und der Royal Bank of Scotland wollten sich nicht äußern. In früheren Berichten war spekuliert worden, dass Mitarbeiter der Banken zu den ersten gehören würden, die das SFO bei seinen Ermittlungen festnehmen werde.

Ein Sprecher der Betrugsbehörde wollte sich zu Details der Inhaftierungen nicht äußern, auch ein Sprecher der Londoner Polizei lehnte einen Kommentar ab.

Mit den Festnahmen läuten die Behörden eine neue Phase in den weitreichenden zivil- und strafrechtlichen Ermittlungen ein. Mehr als ein Dutzend Banker aus mehreren Ländern werden verdächtigt, an den Manipulationen des Libor und anderer Zinssätze beteiligt gewesen zu sein. Nachdem dem Fokus bisher vor allem darauf lag, den Banken Fehlverhalten nachzuweisen und ihnen hohe Strafzahlungen aufzubrummen, sind nun erstmals einzelne Personen im Visier.

In Großbritannien können Behörden Verdächtige bereits in einem frühen Stadium der Ermittlungen festnehmen, wenn es darum geht, Informationen zu sammeln. Eine Inhaftierung bedeutet nicht automatisch, dass die Personen letztlich auch wegen eines Verbrechens verurteil werden.

Zur Identität der drei Festgenommenen machten die Ermittler keine Angaben. Strafeverteidiger, die im Libor-Fall involviert sind, gehen aber davon aus, dass es sich um Händler großer Banken handelt, die sich über Emails und Kurznachrichtendienste mit Mitarbeitern anderer Institute abgesprochen haben sollen, um die Manipulationsversuche zu koordinieren.

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