• The Wall Street Journal

Nordkorea provoziert mit erfolgreichem Raketentest

    Von EVAN RAMSTAD
DigitalGlobe

Abschussrampe der Testrakete in Nordkorea. Die Regierung in Pjöngjang meldet, der Übungsflug sei geglückt, ein Satellit ins All bugsiert worden. Jetzt bangen Länder wie die USA, Südkorea und Japan um die militärische Gefahr, die von Nordkorea ausgeht.

SEOUL—Nordkorea hat am Mittwochmorgen seine Ankündigungen wahrgemacht und mit einer selbst gebauten Rakete offensichtlich erstmals den Weltraum erreicht. Die abgefeuerte Mehrstufenrakete sei bis zum Ende der geplanten Fluglaufbahn in der Luft geblieben und habe ein Objekt im Weltall abgesetzt, sagen Beobachter. Das Land selbst verkündete, der Test sei ein Erfolg gewesen. Damit scheint der fünfte solche Raketentest Nordkoreas erstmals geglückt zu sein.

Die Rakete war kurz vor 10 Uhr morgens Ortszeit abgehoben und dann nach Süden über das Gelbe Meer, das ostchinesische Meer und die Philippinen geflogen, berichten japanische Militärbehörden, die den Test aus Angst um ihr Land genau verfolgt hatten.

Verdeckte Übung für Langstreckentechnologie?

Nordkorea selbst erklärte in einer kurzen Stellungnahme, die Rakete habe erfolgreich einen Satelliten ins All katapultiert. Andere Staaten aber halten den Testflug für eine verdeckte Übung zur nordkoreanischen Langstreckentechnologie.

Das US-Militär bestätigte die Flugbahn und sagte, es gebe „erste Anzeichen, dass das Geschoss ein Objekt in die Erdumlaufbahn gebracht habe. Ein hochrangiger amerikanischer Militärvertreter räumte ein, dass es Nordkorea offensichtlich gelungen war, einen Satelliten ins All zu befördern.

Finanzmärkte in Asien zeigten zunächst keine größeren Reaktionen auf den Raketentest.

Die USA hatten die Vorbereitungen Nordkoreas bis zuletzt kritisch verfolgt. Das Land fürchtet um die Sicherheit seiner Verbündeten in Asien, speziell um Südkorea und Japan. Die USA sorgen sich aber auch um ihre eigene nationale Sicherheitslage.

REUTERS

Militärische Bedrohung aus Nordkorea: Ein japnaischer Soldat rennt zu einem Raketenabwehrsystem vom Typ "Patriot" in der südlichen Okinawa-Präfektur, über welche die Testrakete geflogen war.

Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, Tommy Vietor, verurteilte den Raketenstart am späten Dienstagabend als „hochgradig provokativen Akt, der die regionale Sicherheit bedroht". Nordkorea habe sich über die geltenden UN-Beschlüsse hinweggesetzt. Das Verhalten des Landes sei „unverantwortlich".

Russland nannte Nordkoreas Raketentest am Mittwoch „zutiefst bedauerlich" und verwies ebenfalls darauf, dass das abgeschottete Land die geltenden UN-Beschlüsse verletzt habe. Laut Nachrichtenagentur Reuters teilte das russische Außenministerium zudem mit, dass die Übung die Instabilität in der Region erhöht habe. Andere Staaten sollten sich von Aktivitäten zurückhalten, welche die Spannungen noch weiter verschärfen könnten.

Japan will UN-Sicherheitsrat anrufen

Auch Japan äußerte umgehend scharfe Kritik am Vorgehen Nordkoreas und forderte eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats. Der Raketenstart sei unerlaubt, sagte Regierungssprecher Osamu Fujimura. Zudem seien bei dem Test im Westen der koreanischen Halbinsel sowie im Osten der Philippinen Trümmer niedergegangen. Zugleich rief Fujimura die Japaner zur Ruhe auf.

Südkoreas Präsident Lee Myung Bak wollte noch am Mittwoch eine Krisensitzung zur nationalen Sicherheit einberufen. Außenminister Kim Sung Hwan drohte Nordkorea mit gravierenden Konsequenzen.

Nordkorea hat schon vier Mal derartige Raketentests unternommen. Keines der früheren Geschosse hatte aber zuvor jemals den Weltraum erreicht. Erst im April hatte das Land eine Rakete gezündet, die aber schon 80 Sekunden nach dem Start westlich von Südkorea ins Gelbe Meer gestürzt war.

Der offensichtlich geglückte Flug am Mittwoch dürfte Nordkoreas technologischem Ehrgeiz neuen Auftrieb verleihen und mögliche Kunden nordkoreanischer Raketen auf den Plan rufen. Militärstrategen außerhalb des Landes glauben, dass Vertreter aus dem Iran beim Raketenstart dabei waren. Iran hatte schon früher nordkoreanische Raketentechnologie gekauft.

Beobachter glauben zudem, dass Nordkorea inzwischen so viel passendes Material beisammen hat, dass es bis zu 12 Atomraketen bauen könnte. Entsprechend umstritten sind die wiederholten Tests im Westen.

Blühender Waffenhandel mit Iran und Syrien

Nordkorea unterhält längst einen blühenden Waffenhandel mit politischen Gegnern der USA wie Iran und Syrien. Die USA und ihre Verbündeten haben in den vergangenen Monaten bereits Lieferungen von Rüstungsmaterial aus Nordkorea abgefangen, das nach Teheran, Damaskus und Myanmar gehen solle. Washington fürchtet, dass die Regierung in Pjöngjang irgendwann auch noch hoch gerüstetere Waffen exportieren könnte.

Bruce Bechtol, ein ehemaliger Analyst des US-Militärgeheimdienstes, der jetzt Politikwissenschaften an der amerikanischen Angelo State University lehrt, hält die mögliche militärische Aufrüstung für die „dringlichste Bedrohung". Er sagt, wenn der Test wirklich erfolgreich verlaufen sein sollte, würden „die Iraner zweifelsohne mehrere dieser [Raketen] kaufen und auf verschiedene Art und Weise selbst starten".

Etwa eine Stunde nach dem Abschuss erklärten Beamte des südkoreanischen Verteidigungsministeriums, sie überprüften noch, ob der Raketenflug ein Erfolg oder ein erneuter Fehlschlag gewesen sei. Südkorea verfolgte die Rakete mit Hilfe von drei Schutzschiffen, die speziell für diesen Zweck stationiert worden waren, wie ein Militärsprecher sagte. Er fügte hinzu, dass man keine ungewöhnlichen Bewegungen des nordkoreanischen Militärs festgestellt habe. Der Süden Koreas hatte das per Satellit beobachtet.

„Unsere Regierung verurteilt Nordkorea scharf dafür, dass es diese Provokation vorangetrieben hat – in Missachtung wiederholter Warnungen und Froderungen der internationalen Gemeinschaft, den Start abzusagen", sagte Südkoreas Außenminister Kim Sung-Hwan. Nordkorea werde schwerwiegende Konsequenzen tragen müssen.

Die japanische Regierung setzte unmittelbar nach der Beobachtung des Raketenstarts einen sorgfältig vorbereiteten Schlachtplan in Kraft. Ministerien und Provinzregierungen wurden über ein spezielles Netzwerk informiert, keine 30 Minuten nach dem Abschuss hielt der oberste Regierungssprecher eine Pressekonferenz.

Alle Raketenteile stürzten wie vorgesehen ins Meer

Die schnelle Reaktion Japans stand im scharfen Kontrast zu der im April, als Pjöngjang zuletzt eine Rakete gezündet hatte. Damals war die japanische Regierung in die Kritik geraten, weil sie fast eine Stunde gebraucht hatte, um den Start zu bestätigen.

Japans oberster Kabinettssekretär Osamu Fujimura nannte die Aktion Nordkoreas eine „Bedrohung für den Frieden und die Stabilität in der Region". Der Raketenstart, der die Resolution der Vereinten Nationen verletze, sei „extrem bedauerlich und kann nicht toleriert werden".

Die Rakete überflog einige kleine Inseln im japanischen Regierungsbezirk Süd-Okinawa, westlich der Hauptinsel von Okinawa, auf der Japan und die USA Militärstützpunkte haben. Japans Regierung erklärte, sie habe dem Militär keine Anweisungen gegeben, mögliche Überbleibsel des Objekts abzuschießen. Nach Angaben von Fujimura stürzten alle drei Teile der nordkoreanischen Rakete in den vorgesehenen Gebieten ab.

Japans Verteidigungsminister Satoshi Morimoto erklärte, man habe nach dem Start alle „relevanten" Projektile im All erkennen können. Allerdings arbeite man gemeinsam mit den USA noch an genaueren Analysen, die einige Zeit brauchen könnten. Sollte die Rakete vom Mittwoch der gleiche Typ gewesen sei, dessen Abschuss im April fehlschlug, wäre das ein Zeichen, dass Nordkorea technologische Fortschritte gemacht habe.

Bei der Ankündigung des jüngsten Starts, dessen genauer Termin geheim war, erklärte die nordkoreanische Regierung, dass die Wissenschaftler des Landes aus den Fehlern im April gelernt hätten. Analysten nehmen an, dass Nordkoreas autoritäres Regime bewusst vor Ende dieses Jahres eine neue Rakete habe starten wollen, um den 100. Geburtstag des Landesvaters Kim Il Sung zu feiern, der Großvater des aktuellen Staatsführers Kim Jong Eun.

Das Land hatte für den Testflug ein Zeitfenster zwischen dem 10. und 22. Dezember angegeben. Am Montag hatte Nordkorea wegen technischer Schwierigkeiten den Zeitrahmen auf den 29. Dezember ausgeweitet. Viele Beobachter hatten deshalb erst in der nächsten Woche mit dem Start gerechnet.

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