• The Wall Street Journal

Der Pyrrhussieg der Fed über das Gold

    Von LIAM DENNING

Gold-Fans haben in den letzten Tagen ordentlich eins auf den Deckel bekommen, und jetzt wirken die weltweiten Börsenparkette noch tückischer als gewöhnlich.

Einerseits sieht der jüngste Kursrutsch von Gold – um fast 13 Prozent in den vergangenen beiden Tagen auf 1.360,60 US-Dollar je Feinunze – wie die uralte Geschichte vom Spekulationsexzess aus, der ein jähes Ende findet. Aber wenn ein Trend so drastisch zusammenbricht wie dieser, deutet das andererseits auf eine Umkehr im Gruppendenken der Märkte hin. In dem Fall liegt die Versuchung nahe, von einem Triumph der Zentralbanker zu sprechen.

Reuters

Die Zentralbanken haben mit ihrer lockeren Geldpolitik die Angst vor der Inflation verdrängt. Aber ihr Triumph ist nur ein Teilerfolg.

In den vergangenen Jahren wirkte die Entwicklung des Goldpreises mehr denn je wie eine tägliche Kritik an der Geldpolitik und dem Glauben an das von Zentralbanken gedruckte Fiat-Geld. Selbst als steigende Preise die Schmuckverkäufe einbrechen ließen, stiegen die Investoren noch ein: Ihr Anteil an der Goldnachfrage schnellte von 10 Prozent im Jahr 2007 auf 29 Prozent im vergangenen Jahr hoch.

Die lockere Geldpolitik und regelmäßig wiederkehrenden Schübe von „Euro-Angst" haben die Anziehungskraft des Goldes für Investoren nach der Jahrtausendwende verstärkt. Negative Realzinsen verringerten einerseits die Attraktivität normaler Geldanlagen und ließen andererseits die negative Verzinsung von Goldanlagen weniger schwerwiegend erscheinen.

Und jetzt, da mit Zypern erneut ein kleines Peripherieland Europa ärgert und Japans Zentralbank schweres Geschütz auffährt, müsste Gold eigentlich einen neuen Höhenflug erleben. Aber der findet nicht statt. Vielmehr setzt sich der 2011 beim Allzeithoch von 1.900 Dollar je Feinunze begonnene Abwärtstrend fort. Sogar die langjährige Korrelation zwischen Goldpreis, negativen Realzinsen und der Größe der Fed-Bilanz ist in den vergangenen Monaten zusammengebrochen.

Kurzum, die Angst vor einem inflationären Schub oder einem Finanzmarktdebakel, wie es im Jahr 2008 stattfand, scheint abgeebbt zu sein. In dieser Hinsicht haben der Chef der Federal Reserve, Ben Bernanke, und seine ausländischen Zentralbankkollegen gepunktet. Dem Inflationsargument für den Besitz von Gold stehen eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in vielen Industrieländern und das Deflationsrisiko entgegen, das sich für Schlüsselmärkte wie den Häusermarkt bei möglichen Zinserhöhungen ergibt.

Für all diejenigen, die sich gerade über die Prügel für den Goldpreis freuen, könnte es jedoch ein böses Erwachen geben, denn nicht nur der Goldpreis steht momentan unter Druck. Die meisten wichtigen Industrierohstoffe – mit Ausnahme des wetterabhängigen Erdgases in den USA und einem einzigen anderen Bodenschatz – haben all die Gewinne wieder eingebüßt, die sie kurz vor der im September angekündigten Lockerungsrunde der Fed aufgebaut hatten.

Die Furcht vor einer Wachstumsschwäche in China, gestützt durch die neuesten BIP-Zahlen zum ersten Quartal, wiegt stärker als die Inflationssorgen. Der einzige andere Bodenschatz, der trotz allem seit September noch im Plus steht, ist Palladium. Das liegt auch am starken Verkauf von US-Fahrzeugen, in deren Katalysatoren das Metall verwendet wird. Aber selbst der Kurs von Palladium ist jüngst gefallen – um 8 Prozent allein in diesem Monat.

Der Sturz des Goldpreises zeigt, dass die Angst der Investoren vor einem zu starken Eingreifen der Zentralbanken in Resignation umgeschlagen ist - Resignation darüber, dass die Notenbanken zwar die Katastrophe verhindern konnten, aber es nicht schaffen, die Weltwirtschaft und damit auch die Inflation deutlich anzukurbeln.

Die Zentralbanker, die sich gerade noch den Schmutz von den Ärmeln klopfen, können höchstens einen Teilerfolg vorweisen. Anleger auf dem Aktienmarkt sollten das bedenken.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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