• The Wall Street Journal

Journalisten in China setzen sich gegen Zensoren durch

    Von PAUL MOZUR, JOSH CHIN und BRIAN SPEGELE
Associated Press

Ein Aktivist demonstriert am Dienstag in Guangzhou. Auf seinem Plakat ist zu lesen: "Unterstützt Southern Weekly, boykottiert Nachrichtenzensur und gebt mir meine Redefreiheit zurück."

GUANGZHOU – Die Journalisten der chinesischen Wochenzeitung, die im Mittelpunkt eines Zensurskandals steht, haben sich mit den Provinzbehörden darauf geeinigt, die nächste Ausgabe wie geplant erscheinen zu lassen. Die Mitarbeiter der vielbeachteten Southern Weekly aus der südchinesischen Provinz Guandong hatten ein Ende der Vorabzensur verlangt und damit gedroht, die anstehende Ausgabe am Donnerstag nicht zu veröffentlichen. Darüber hinaus wollten die Journalisten sich in der Ausgabe über den Vorfall äußern, wie ein Redakteur erklärt.

„Es gibt eine mündliche Vereinbarung. Im Prinzip ist alles wieder wie vorher, aber wir werden sehen wie beide Seiten in Zukunft miteinander umgehen", sagte der Redakteur am Dienstag. Laut der Vereinbarung wird kein Journalist wegen seiner Teilnahme an den Protesten bestraft. Dazu wollen die Propagandabehörden nicht mehr direkt in die Inhalte vor dem Druck eingreifen.

Laut Medienberichten soll auch der Herausgeber der Zeitung Beijing News, an der die Southern Media Group Anteile hält, zurückgetreten sein. Die Propagandabehörden hatten die Zeitung dazu gezwungen, einen Leitartikel aus der nationalistischen Global Times nachzudrucken. Darin wurde Dissidenten und anderen Menschenrechtsaktivisten vorgeworfen, sie würden von ausländischen Interessengruppen gesteuert. Diese Berichte konnten nicht unabhängig bestätigt werden, der Herausgeber Dai Zigeng war für einen Kommentar nicht zu erreichen. Auf den sozialen Netzwerken in China fuhren die Zensoren aber alle Schranken hoch. Der Titel der Zeitung, Dais Name sowie der Suchbegriff „Peking Zeitung" waren allesamt gesperrt.

Auch am Dienstag hatten wieder Demonstranten vor der Zentrale von Southern Weekly protestiert und die Journalisten unterstützt. Sie wurden aber von etwa einem Dutzend Regierungsanhänger gestört, die chinesische Fahnen schwenkten und riefen „Unterstützt Meinungsfreiheit, aber kämpft gegen verräterische Meinungen". Es kam zu mehreren Handgemengen, bei denen die Polizei eingreifen musste. Die Demonstranten verspotteten das Regierungslager, indem sie Geld hochhielten – was andeuten sollte, dass diese für ihren Protest bezahlt wurden.

Der Streit wurde durch einen Leitartikel in der Neujahrsausgabe von Southern Weekly ausgelöst. Laut Redakteuren der Zeitung wurde dieser auf Anweisung der Propagandachefs der Region, Tuo Zhen, ohne Rücksprache mit der Redaktion umgeschrieben. Aus einem Plädoyer an die Regierung, die Freiheitsrechte der chinesischen Verfassung zu achten, wurde so ein Lobpreis der Erfolge der Führung in Peking.

Video auf WSJ.com

Demonstrators protesting for free speech outside a newspaper office in Guangzhou, China scuffled with leftist nationalists on the second day of anti-censorship protests. Video by WSJ's Paul Mozur via #WorldStream.

Southern Weekly gilt bei vielen Menschenrechtsaktivisten als Vorreiter, wie weit Journalismus in China gehen darf. Genau beobachtet wird nun, wie der neue Staatschef Xi Jinping mit den Beschränkungen für Medien verfährt. Der Skandal um den überarbeiteten Leitartikel hat viele Reformanhänger auf den sozialen Netzwerken Chinas mobilisiert. Seit seinem Amtsantritt im November hat Xi mehrfach angekündigt, gegen den Machtmissbrauch von Kadern vorzugehen. Zu weitergehenden politischen Reformen hat er sich dagegen kaum geäußert.

Die Parteiführung macht gerne „ausländische Kräfte" für Unruhen in China verantwortlich. Der Begriff gehörte am Dienstag zu den meistgesuchten auf dem Twitter-ähnlichen Netzwerk Sina Weibo. „Was für ein magisches Land – für alles kann man ausländische Kräfte verantwortlich machen", schrieb ein Mikroblogger dort.

Der Blogger und Sportjournalist Li Chengpeng machte sich in einem Weibo-Eintrag über die Vorstellung lustig, dass ausländische Agenten sich in innere Angelegenheiten Chinas einmischen, und spielte auf die zahlreichen Politikerskandale der jüngeren Vergangenheit an: „Diese ausländischen Kräfte sind widerlich: Sie stehlen das Geld des chinesischen Volkes und horten es auf ihren Schweizer Konten. Ihre Kinder fahren Ferraris und kümmern sich nicht, wenn Schulbusse verunglücken."

—Mitarbeit: Yang Jie

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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