• The Wall Street Journal

Das Herz Athens versinkt im Drogensumpf

    Von GORDON FAIRCLOUGH
Francesco Anselmi/Contraso/Redux Pictures

Razzia in der Nähe des Omonia-Platzes: Die Athener Polizei bekommt das Drogenproblem nicht in den Griff.

ATHEN – Einst war er das geschäftige Herz der griechischen Hauptstadt. Heute sind die Hotels am Omonia-Platz in Athen verrammelt, die Läden geschlossen. Der Platz ist zum Treffpunkt für Dealer, Drogensüchtige und Prostituierte geworden - und wird damit immer mehr zum Symbol für den Niedergang des Landes.

Der Platz, dessen Name „Harmonie" bedeutet, wurde vom wirtschaftlichen Abstieg, der Flut illegaler Einwanderer und dem Sparprogramm der Regierung besonders getroffen. Der städtische Verfall zeigt, wie tief Griechenlands Probleme im sechsten Jahr der Rezession gehen. Und er ist auch eine Warnung an andere Krisenländer, wie schnell der Abstieg gehen kann, sobald ein gewisser Punkt überschritten ist.

„Das war einmal unser Times Square. Jetzt ist es wie Bagdad"; sagt Yiannis Politis, der in der Nähe ein kleines Hotel betreibt. „In den vergangenen drei Jahren sind alle Probleme zusammengekommen." Die Polizei kann das Chaos kaum unter Kontrolle bringen. Ultranationalisten greifen in der Umgebung des Omonia-Platzes Einwanderer an und verwüsten ihre Läden und Marktstände. Mit Anarchisten liefern sie sich Straßenschlachten.

Klaffende Wunde

Auf dem Platz und seiner Umgebung trifft der hohe Zustrom an illegalen Einwanderern mit dem Mangel an Arbeitsplätzen in der dahinsiechenden Wirtschaft zusammen. Es gibt kaum noch öffentliche oder karikative Mittel, um den Migranten zu helfen. Viele Griechen und Ausländer werden kriminell, um sich über Wasser zu halten und handeln etwa mit Drogen. Das Angebot rund um den Omonia-Platz ist so groß, dass es eine Dosis vom sedierenden Heroin oder dem aufputschenden Crystal Meth schon für weniger als 5 Euro gibt. Die Dealer verstecken die Päckchen mit dem Stoff im Mund oder ihren Schuhen.

Der Abstieg von Athens Omonia-Platz

Francesco Anselmi/Contrasto/Redux Pictures

Seit den 1960er Jahren war der Omonia-Platz mit seinen Kaufhäusern, Cafés und Hotels das Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs Griechenlands. Für Besucher aus anderen Landesteilen war er traditionell die Anlaufstelle in Athen. Doch jetzt ist er eine klaffende Wunde in der Seele der Hauptstadt. „Dies war einmal der Mittelpunkt des griechischen Traums", sagt der Schriftsteller und Historiker Eleftherios Skiadas. Er leitet den Verband der Athener, der sich für den Erhalt historischer Stätten einsetzt. „Aber alles, was wir uns aufgebaut haben, ist in kurzer Zeit zerfallen."

Polizisten fahren auf ihren Motorrädern in Schutzweste Streife, während zu Fuß hauptsächlich junge Rekruten unterwegs sind, die die Einwanderer aus Südasien und Afrika kontrollieren. „Es ist gefährlich", sagt ein 19-jähriger Polizist aus Nordgriechenland, der seit vier Monaten in Athen eingesetzt wird. „Ich war schockiert. So etwas habe ich noch nie gesehen. Der Drogenmissbrauch ist furchtbar", sagt er. „Es gibt so viele illegale Einwanderer, dass uns für andere Dinge keine Zeit bleibt." Seit August hat die Polizei mehr als 65.000 Migranten überprüft, etwa 4.000 von ihnen wurden wegen fehlender Papiere festgenommen. 6.000 Einwanderer wurden in ihre Heimat abgeschoben. Wenn er die Einwanderer kontrolliert, sagt der junge Polizist, hat er Angst vor Krankheiten.

Nadeln und Kondome für Junkies

Aber die Migranten machen auch der Polizei Vorwürfe. Ein 24-jähriger Mann aus Bangladesch, der sich Tanjim nennt, berichtet, dass die Polizei oft nachts das kleine Zimmer stürmt, in dem er mit sieben anderen Migranten schläft. Dann nehmen sie alles Geld und alle Handys, die sie finden können. Tanjim, der eine befristete Aufenthaltsgenehmigung hat, sagt, die Polizei habe zwei Mal seine Einkaufswagen beschlagnahmt, mit denen er „schrotten" geht – er sammelt Papier, Glas und Metall aus Mülltonnen und verkauft es an Recycler. „Einmal haben sie mir Milch über den Kopf gegossen", sagt Tanjim, der in Bangladesch in der Hauptstadt Dhaka in einem Hotel gearbeitet hat. „Es gibt keine Jobs und Probleme mit der Polizei. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nie gekommen."

Die Polizei erklärt, dass sie Übergriffe nicht toleriert und jeden Vorwurf von Fehlverhalten untersucht. „Unsere oberste Sorge ist es, die Menschen- und Bürgerrechte zu respektieren, egal welche Hautfarbe jemand hat", sagt Polizeisprecher Christos Manouras. „Wir haben keinen Zauberstab, mit dem wir überall und immer alles gut werden lassen können." Dafür mache die Polizei Fortschritte bei der illegalen Einwanderung. Der Zustrom lässt nach, sagt Manouras.

Ab und an sind Konstantina Karanika und Maria Dimitropoulou von der Drogenhilfe nachts auf dem Platz unterwegs und verteilen saubere Nadeln und Kondome an Süchtige aus Griechenland, Südasien, dem Nahen Osten und Georgien sowie einer Gruppe bulgarischer Prostituierter. Beim letzten Mal beschwerten sich einige Süchtige, dass die Spritzen nicht lang genug sind. Sie wollen sich die Drogen direkt in die Oberschenkelvene spritzen, wie es unter langjährig Abhängigen üblich ist.

„Wenn wir einen Krankenwagen rufen, würden sie dann mit uns kommen?", fragt Karanika den Heroinsüchtigen Mohamed Aziz, der bei einem Verkehrsunfall verletzt wurde. Auf Holzpaletten unter Decken liegend lehnt er ab. Die Spritzen aber nimmt er – manche davon will er weiterverkaufen.

Die Drogenberater kümmern sich um die medizinische Versorgung der Süchtigen, die auf der Straße leben. Aber die meisten von denen wollen den Kontakt mit den Behörden vermeiden. Eine Rumänin, die als Amalia bekannt war, starb im Oktober auf einer Brachfläche in der Nähe des Omonia-Platzes an einer Blutinfektion. „Wenn es keine stabile soziale Ordnung gibt, dann passieren solche Dinge. Es hängt alles mit der Krise zusammen.", sagt Tasos Panopoulos von der Drogenhilfe. „Damit leben wir jetzt jeden Tag in der Innenstadt."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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