• The Wall Street Journal

GM-Chef Akerson erwartet Kehrtwende bei Opel

    Von JEFF BENNETT

In diesem Jahr wird sich herausstellen, ob der US-Autobauer General Motors wirklich wiedergeboren wurde. Die Neustrukturierung verschwindet langsam im Rückspiegel. Einfache Gewinne durch Personalabbau und Werksschließungen und eine saubere Schuldentafel machen jetzt den Weg für neue Herausforderungen frei – eine ungleich wachsende Industrie mit mächtigen Konkurrenten.

dapd

GM-Vorstandschef Dan Akerson spricht im Interview mit dem Wall Street Journal über die Herausforderungen, vor denen sein Unternehmen steht.

GM muss nun beweisen, wie sehr das Unternehmen mit seinen amerikanischen Kunden verbunden ist. Denn die sind für die amerikanische Autoindustrie die größte Hoffnung auf stetige Zuwächse. Und GM muss zeigen, dass die gute Beziehungen zu den eigenen Arbeitern in guten wie in schlechten Zeiten bestehen.

Die Entscheidung der US-Regierung, sich aus der Position bei GM zu lösen, ermöglicht dem weltgrößten Autobauer auf dem Heimatmarkt die Chance, das Image der „Government Motors" zu beenden. Im Ausland, vor allem in Europa, China und Lateinamerika, muss GM seine strauchelnden Werke schützen. Impulse, wie sie es schon seit Jahren nicht mehr gegeben hat, könnten dabei durch neue Verkaufsräume in China sowie durch neue Modelle kommen.

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GM-Chef Dan Akerson hat sich mit dem Wall Street Journal zusammengesetzt und über die bevorstehenden Herausforderungen gesprochen. Dabei spricht er besonders gern über seine Pläne, wie er GMs Unternehmenskultur wiederbeleben und außerdem die bisher nur auf dem Heimatmarkt erfolgreichen Chevrolet und Cadillac in weltweite Marken verwandeln möchte. Von der europäischen Tochter Opel erwartet er einen deutlichen Abbau der Verluste.

Vor welchen Herausforderungen steht die Branche derzeit in den USA und im Ausland?

Akerson: Wenn Sie sich die Autos von heute anschauen, dann werden sie größtenteils noch mit Verbrennungsmotoren betrieben und sie haben vier Räder – abgesehen davon, dass sie größer, sicherer und PS-stärker geworden sind. Aber das muss sich ändern. Als Industrie sind wir nicht nur einfach die Autoindustrie, sondern auch für den Transport zuständig. Menschen wollen mobil sein; sie wollen von A nach B kommen. Wie stellen wir das an?

Gerade noch wurde die Fiskalklippe verhindert, wie wird nun das laufende Jahr 2013 aussehen, speziell in den USA?

Meine Angst ist, dass es nur eine kurzweilige Euphorie sein wird. Der Kongress hat nur ein Teil des Problems gelöst. Ich befürchte, dass wir in zwei oder drei Monaten wieder an gleicher Stelle stehen, das hängt von der nächsten Krise ab. Wir sind ein tolles Land. Wir sind kein Drittweltland. Man kann die größte Wirtschaftsnation der Welt nicht einfach von Monat zu Monat und Quartal zu Quartal führen. Ich befürchte, dass wir in den kommenden 60 Tagen mehr Unsicherheit haben werden als zuvor. Und ich glaube nicht, dass das gut ist.

Ende vergangenen Jahres hat sich das Finanzministerium dazu entschlossen, seine Beteiligung an General Motors aufzulösen. 200 Millionen Anteile gingen zurück an GM und die verbleibenden 300 Millionen gehen in diesem Jahr in den freien Handel. Was bedeutet das für das für das Unternehmen?

Es zeigt dem Markt, dass dieses Kapitel in der Geschichte von GM bald abgeschlossen sein wird. Keine Frage, in den vergangenen zwei bis drei Jahren haben wir große Fortschritte gemacht, um das Unternehmen zu stärken und es von einem guten in ein sehr gutes zu verwandeln. Dort sind wir noch nicht angekommen, aber wir haben schon ein gutes Stück hinter uns gebracht… Ich glaube allerdings auch, dass wir unseren Spitznamen „Government Motors" in einigen Augen sicher erst loswerden, wenn die Regierung auch die letzten Anteile verkauft hat.

Wann wird GM in Europa die Verlustserie beenden?

Wir dachten, wir könnten Mitte des Jahrzehnts die Gewinnschwelle erreichen. Das ist unser Ziel. Wir machen gute Fortschritte, aber in Europa ist das gerade ein hartes Stück Arbeit. Meiner Meinung nach haben wir nicht nur mit unserer eigenen Marke (Opel), sondern auch mit unseren Partnern PSA (Peugeot Citroen) gute Fortschritte gemacht. Ich bin also vorsichtig optimistisch. Aber ich bin auch realistisch, dass die europäische Wirtschaft nicht stark ist, sondern sich abschwächt. Sie fällt zwar nicht ins Bodenlose, schwächt sich aber ab. Das wird auch weiterhin zu Herausforderungen führen. Aber unser Ziel bleibt, bis 2015 aus den roten Zahlen herauszukommen.

Ist es immer noch GMs Ziel, Opel zu behalten? Oder gibt es Überlegungen, die Tochter zu verkaufen?

Nein, die gibt es nicht.

Was beschäftigt GM derzeit?

Als wir aus der Pleite kamen, hatten wir fünf wesentliche Schwächen und 14 signifikante Mängel. Wir hatten kein operatives Risikomanagement in der Firma. Das haben wir heute. Wir hatten verschiedene Bücher für verschiedene Unternehmensteile. Wir haben und acht bis zehn Wochen Zeit genommen, um diese Bücher zu schließen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir aber immer noch die fünf wesentlichen Schwächen. Heute können wir per Fahrzeugnummer die Wirtschaftlichkeit nachverfolgen. Meiner Meinung nach gibt es derzeit niemanden, der seine Finanzen besser systematisiert hat als wir. Vielleicht gibt es eins, aber das kenne ich dann noch nicht. Wir haben es geschafft, aus der Krise gestärkt hervorzugehen und sind nun vorne mit dabei.

Was wollen Sie in Ihrer Laufbahn als Vorstandschef erreichen?

Ich würde es gern erleben, dass sich Cadillac zu einer globalen Marke entwickelt. Ich möchte gerne, dass Opel seine Verluste um einen Betrag zwischen einem Drittel und der Hälfte reduziert. Ich möchte, dass Chevrolet zu einer wirklich weltweiten Marke wird. Derzeit ist sie die Nummer vier. Ich denke, sie muss noch weiter wachsen. Ich werde Ihnen nicht sagen, an welchen Rang ich dabei denke, aber mit dem vierten Platz bin ich noch nicht zufrieden. Ich würde in diesem Jahr gern eine erstklassige Anlagebonität erreichen. Ich würde gern die restlichen Anteile kaufen oder auf die ein oder andere Weise, dass die Regierung sich komplett zurückzieht. Das sind ziemlich ambitionierte Ziele für Ende 2013, Anfang 2014.

Wie lange wollen Sie dabei bleiben und welche Nachfolgeregelungen gibt es?

Darüber möchte ich nicht sprechen. Ich bin jetzt 64. Mit dem Verwaltungsrat sprechen wir regelmäßig über Nachfolgepläne und potenzielle Kandidaten. Meiner Meinung nach würde es sich für dieses Unternehmen hinsichtlich der Kontinuität so gehören, dass sich das Unternehmen für ein Eigengewächs für meine Position entscheidet. Vielleicht ist das nicht die Meinung des Vorstands. Aber letztlich muss jeder Vorstandschef einen Vorschlag abgeben. Die Entscheidung obliegt natürlich dann dem gesamten Verwaltungsrat.

Von Vorstandschefs wie Ihnen scheint häufiger die Sorge durchzuklingen, ob man im laufenden Jahr die Finanzen in Ordnung bringen kann.

Wenn man sich als Geschäftsmann keine Sorgen machen würde, dann hieße das, man denkt nicht nach. Es gibt immer etwas, das schief gehen kann. Es gibt Dinge, über die du mehr Kontrolle hast. Beispielsweise hatte Japan keine Kontrolle über ein Erdbeben und den Tsunami. Ich weiß, dass beide Parteien in diesem Land das Problem verstehen, aber beide haben verschiedene Lösungsansätze. Ich möchte das erklären: Kompromiss ist nichts Schlechtes. Denn irgendwie müssen sie ja eine gemeinsame Lösung schaffen, die für alle passt. Wir sind zuerst Amerikaner, nicht Demokraten oder Republikaner. Ich würde an jeder der Parteien etwas auszusetzen haben. Und ich würde an beiden zweifeln, wenn sie keinen Kompromiss fänden.

Im Grunde müssen alle einmal nach Detroit kommen und sich selbst ein Bild davon machen, wie sich die Arbeitslosigkeit auswirkt. Plötzlich ist der Laden an der Ecke verschwunden. Danach steht das Nachbarhaus leer. Es ist ein Brand, der sich ausbreitet. Denn er besorgt die Schulutensilien, die neue Jacke für die Kinder, Lebensmittel, Geschäfte und andere Jobs. Es ist ein kapitalistisches System. Es ist das Wirtschaftssystem dieses Landes. Wir brauchen Jobs. Mit Arbeitsplätzen haben Unternehmen einen gewissen Grad von Sicherheit, dass sie weiter investieren können. Wir verstehen das Steuersystem, auch wenn ich glaube, es könnte besser sein. Wir können und nicht 45 bis 47 Cent vom Dollar, den die Regierung ausgibt, leihen. Das ist kein geeignetes Modell. In gewisser Hinsicht hatte GM ähnliche strukturelle Probleme wie unser Land. Wir mussten einige schwere Entscheidungen hinsichtlich der Renten und Arbeitsverträge treffen. Auch wir mussten Kompromisse finden. Und das haben wir getan, weil wir wussten, dass wir keine andere Möglichkeit haben. Dieses Land hat andere Möglichkeiten. Aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr dieser Flexibilität wird verlorengehen. Die Möglichkeiten werden weniger werden und unklarer sein.

Was erwarten Sie für den globalen Markt für das laufende und das kommende Jahr?

Auf der Welt wird es immer Unterschiede geben. Auch wenn ich nicht denke, dass unser Wachstum robust war, so gab es doch Wachstum. Und darauf bin ich als Amerikaner stolz. Ich freue mich darüber zu sehen, dass die weltgrößte Wirtschaftskraft sich ganz gut schlägt. Nicht prima, aber ganz okay. China wird in 2013 und 2014 sehr stark sein. Das Land hatten einen Führungswechsel genau wie wir ihn hatten – wir hatten eine Wahl, sie hatten einen Prozess, der für sie so einzigartig war wir unsere Wahlen es für uns sind. Meiner Meinung nach werden sie nun mehr im Fokus stehen. Ich bin froh, dass die Wahlen nun vorbei sind, wenn eine der Unbekannten in der Gleichung ist nun bekannt. Wir wissen nun, was wir von dieser Regierung erwarten können. Hoffentlich wird es zwischen den Parteien etwas Höflichkeit und Respekt geben, sodass wir mit einer gestärkten Führung vorangehen können. Das werden wir meiner Meinung nach in China erleben. In Europa sehe ich diesen Prozess zumindest in der nächsten Zeit noch nicht. Es gibt zu viele verschiedene Lager, zu viele Meinungen, keine einziger gemeinsamer Standpunkt. Jetzt beobachten wir, wie Deutschland anfängt, in eine Rezession abzurutschen. In Großbritannien ist das schon passiert. Ich würde behaupte, einige der Mittelmeerländer wie Spanien sind derzeit schon nahe einer Depression. Dort herrscht eine Arbeitslosenquote von 25 Prozent. Das sind Werte wie in einer Depression. Aber was ändern sie daran?

Was war das erste Auto, das sie besessen haben?

Einen 1970er Oldsmobile Cutlass. Jetzt fahre ich einen Volt und meine Frau einen SRX. In unserem Haus im Süden habe noch einen Buick Lacrosse. Ich finde, das ist eines der besten Autos, das wir herstellen.

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