• The Wall Street Journal

Pizza-Krieg im Start-up-Land

Die Deutschen bestellen gerne Pizza nach Hause - das ist unbestritten. Streit tobt jedoch darum, wer den Lieferdienst per Internet vermitteln darf. Insbesondere Lieferheld hat dabei offenbar mit schmutzigen Tricks gearbeitet.

    Von MARCUS PFEIL
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Die Deutschen bestellen sich am liebsten Pizza nach Hause, war kürzlich einer Statistik zu entnehmen. Immer schon. Früher telefonisch, neuerdings bestellen sie bevorzugt im Netz oder über ihr Smartphone. Die Liebe zur Pizza mag ein Grund sein, warum Pizza.de unter zahlreichen Lieferportalen das beliebteste ist. Pizza.de-Gründer Jochen Grote muss sehr viel Pizza bestellt haben.

Er wusste jedenfalls früher als andere, dass Hungrige zuerst nach dem Wort Pizza suchen, deshalb hat er einem Teenager viel Geld für die Domain bezahlt. Jahrelang ist er damit gut gefahren, sein Unternehmen wuchs organisch wie Hefeteig. Bis in den vergangenen fünf Jahren auch die Firmen Lieferservice.de, Lieferando und Lieferheld bemerkten, dass sich die Vermittlung von Bestellungen hierzulande wunderbar skalieren lässt. Je nach Studie soll der deutsche Markt zwischen einer und vier Milliarden Euro groß sein.

Wie wird die Pizza aufgeteilt?

Eine Pizza lässt sich auf drei verschiedene Arten teilen: In gleichgroße Stücke, der Stärkste bekommt das größte Stück oder der Hungrigste. Das hat Dennis Meadows mal in einem seiner Vorträge über die Grenzen des Wachstums verraten. Wäre der Markt für Lieferportale eine Pizza, die für alle reichen würde, läge es nahe, dass die vier marktbeherrschenden Unternehmen die Pizza zu gleichen Teilen aufteilen, ganz so, wie es Deutschlands Energieversorger vormachen. Weil aber wohl nicht genug Pizza für alle da ist, will jeder der vier der Stärkste sein, genauer genommen, der Schnellste. Wer einmal einen Kunden für seine App erwärmt hat, dem bleibt dieser treu. So halten es die Deutschen auch mit ihrer Bankbeziehung.

Der schnellste im Markt zu sein, bedeutet vor allem, möglichst schnell möglichst viele Restaurants unter Vertrag zu nehmen. Dazu ist es nötig, die Speisekarten, also das, was früher als Flyer an Pinnwänden in Teeküchen wucherte, in eine Datenbank einzupflegen. Je nachdem, wie viele Durchmesser eine Pizza hat, ob mit oder ohne Plockwurst und/oder extra viel Käse extra kostet, dauert es auch für geübte Praktikanten zwei bis drei Stunden, solch ein Menü zu digitalisieren. Das kann nerven.

Die Firma Lieferheld war davon im Herbst 2010 so genervt, dass sie eine Software geschrieben hat, die auf die mühsam manuell erfassten Speisekarten der Konkurrenz zugreifen kann. Das hat die Berliner Staatsanwaltschaft in den vergangenen zwei Jahren herausgefunden. Lieferheld habe, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, die Anschriften, Telefax- und Telefonnummern von 990 Lieferdiensten aus der Datenbank des Wettbewerbers Pizza.de GmbH mittels einer Software unberechtigt und ohne Zustimmung ausgelesen, gespeichert und danach öffentlich wiedergegeben.

Seit Montag nun ist der Strafbefehl gegen sieben Lieferhelden rechtskräftig, die dafür mit 90 Tagessätzen büßen müssen. Ob das gerecht ist? Einzuwenden wäre, dass Speisekarten ein öffentliches Gut sind, und das Urheberrecht doch bei den Restaurants liegt. In einem Markt, in dem die Pizza noch verteilt wird, gelangte das Gericht aber zu der Ansicht, eine Viertel Datenbank zu klauen tangiere durchaus die Rechte des Konkurrenten.

Bevor der Verteilungsmarkt ein Verdrängungsmarkt wird, ist der jüngste Eklat nicht das einzige Scharmützel, und sicher nicht das letzte. Es hagelte Abmahnungen, einstweilige Verfügungen, Strafanzeigen - wegen angeblich zu ähnlich gewählter Namen, und der Übertragungstechnik. Und auch Lieferando kupferte anfangs bei Pizza.de ab, ließ das aber bleiben, nachdem der Marktführer auf Unterlassung drängte. Noch laufen Ermittlungen gegen Lieferheld, weil die Firma die Server von Lieferando und Pizza.de über so genannte Denial-of-Service-Attacken lahm gelegt haben soll. Weil diese, wenn sie dezentral eine Vielzahl von Rechnern auslösen, schwerer nachzuweisen sind (distributed denial of Service), hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen unbekannt in einem weiteren Verfahren kürzlich wieder eingestellt.

100.000 Euro für sachdienliche Hinweise

Lieferando und Pizza.de haben deshalb jetzt eine Belohnung von 100.000 Euro aufgerufen. Sachdienliche Hinweise nimmt der Kriminaltechnische Dauerdienst des Landeskriminalamtes Berlin unter der Rufnummer 030/4664-0 entgegen. Eine nette PR-Idee, der unliebsamen Konkurrenz auch auf diesem Weg noch eins mitzugeben. Dabei ist Lieferheld ohnehin auf dem besten Weg, die junge über Pro Sieben Sat1 teuer aufgebaute Marke zu ruinieren.

Kopfgelder scheinen indes wieder in Mode zu kommen. Auch für StudiVZ-Mitgründer Ehssan Dariani war der Strafbefehl gegen Lieferheld ein gefundenes Fressen, um seinen Feldzug gegen die Internet-Investoren Alexander, Marc und Oliver Samwer (Rocket Internet), Holtzbrinck und Team Europe – dem Inkubator gehört ein Teil von Lieferheld – fortzuführen. Für Hinweise auf kriminelle Machenschaften der drei Investoren-Gruppen hat er ein „Kopfgeld" ausgelot.

„Kopfgeld" auf Investoren

„Von einem südafrikanischen Schießstand aus, wo er den Jahreswechsel verbracht habe", zettelte Dariani einen Sturm der Entrüstung an, der im Netz ähnlich, aber nicht netter genannt wird. Das Webmagazin t3n.de zitierte ihn mit den Worten: Dariani verspreche jedem 25.000 Euro und anwaltlichen Beistand, der sich gegen diese Investoren wehre. „Bitte tragt euren Beitrag dazu bei, diese Branche nicht in Korruption, Kriminalität und Berlusconismus versinken zu lassen. Wann sehen wir endlich Samwer im Knast? Wann Holtzbrinck?", schrieb er in einem Kommentar auf der Website des Branchendienstes Deutsche-Startups.de.

Es ist ein persönlicher Rachefeldzug Darianis, der sich seit dem Verkauf von StudiVZ über den Tisch gezogen fühlt. Hat Dariani längst ein Niveau erreicht, das in die Selbstisolation führt statt in eine anregende Debatte darüber, was Unternehmertum für Gründer eigentlich bedeutet? Besteht ein Geschäftsmodell darin, Unternehmen wie Lieferheld mit einer längst funktionierenden Idee in Rekordzeit gerade soweit aufzupumpen, dass sich noch ein Verlag oder ein reicher Erbe findet, der dafür einen Millionenbetrag zahlt? Oder ist dieses Fastfood-Wachstum der einzig gangbare Weg, um am Ende ein möglichst großes Stück Pizza abzubekommen? Und falls ja, geht schnell nur schmutzig? Es geht in dieser Debatte auch darum, welche Kultur Berlin und Deutschland haben will, haben soll, verträgt.

PS:

Die Statistik, wonach die Deutschen am liebsten Pizza im Netz bestellen, hat Lieferheld angefertigt. Das Unternehmen wurde diese Woche als Startup des Jahres für den „TNW Startup Awards Europe 2013" nominiert. Und Ehssan Dariani legt übrigens Wert auf die Feststellung, er sei lediglich zum Zeitpunkt des Telefonats mit t3n.de auf dem Schießplatz gewesen und habe dort nicht etwa den gesamten Jahreswechsel verbracht.

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Über den Autor

Marcus Pfeil ist freier Journalist in Berlin. Für das Wall Street Journal Deutschland beobachtet er die Entwicklung der Startup-Szene in der Hauptstadt und berichtet darüber alle zwei Wochen in der Kolumne "Gründerjahre".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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