• The Wall Street Journal

US-Versicherer AIG klagt doch nicht gegen USA

    Von LESLIE SCISM und JOANN S. LUBLIN

Der mit Milliarden Dollar vom Staat gerettete US-Versicherer AIG verzichtet nach Protesten in der Bevölkerung auf eine Klage gegen die US-Regierung. Der Konzern beteiligt sich nicht an der Schadensersatzklage eines ehemaligen Großaktionärs gegen das Weiße Haus. Damit reagiert das Unternehmen auf einen Aufschrei in der Öffentlichkeit, die sich gegen die ihrer Meinung nach gierigen und undankbaren Manager gewendet hatte.

Der US-Steuerzahler hatte im Zuge der Finanzkrise den schwer angeschlagenen Versicherer mit 182 Milliarden Dollar vor dem Konkurs gerettet. Der einstige Großaktionär Starr International fühlte sich bei dieser Rettungsaktion übervorteilt und hat den Rechtsweg eingeschlagen. Kurzzeitig hatte AIG geprüft, sich an der Klage zu beteiligen, die AIG-Direktoren votierten aber einstimmig gegen eine Teilnahme an dem Gerichtsverfahren.

Ein entscheidender Grund: Der Versicherer fürchtet laut einer informierten Person ansonsten einen schweren Reputationsverlust. "Heute hat sich das Board entschlossen nach vorne und nicht zurück zu blicken", sagte CEO Robert Benmosche in einer Mitteilung an seine Mitarbeiter.

Hinter dem laufenden Gerichtsverfahren steckt der frühere AIG-Chef Maurice R. "Hank" Greenberg. Der 87-Jährige leitet inzwischen das Unternehmen Starr International, das ein Großaktionär von AIG war. Dem Konzern seien bei der staatlichen Notübernahme zu schwerwiegende Auflagen gemacht worden, moniert Greenberg. Er fordert von der Regierung in Washington 25 Milliarden US-Dollar Schadensersatz. Ein Bundesgericht in der US-Hauptstadt ließ im Juli die Klage zu, obwohl das Weiße Haus sich um eine Niederschlagung bemüht hatte.

dapd

Das AIG-Logo am Firmensitz in Manhattan.

AIG geht mit der Entscheidung zwei Risiken ein. Zum einen könnten dem Unternehmen hohe Dollarbeträge durch die Lappen gehen, sofern der Prozess erfolgreich verläuft. Zum anderen droht dem Board eine Klage gegen seine jetzige Entscheidung. Der Vorwurf könnte lauten, dass das Führungsgremium die Aktionärsinteressen nicht ausreichend vertritt.

Als durchgesickert war, dass AIG einen rechtlichen Schritt gegen das Weiße Haus erwog, hatte sich über dem Konzern ein Gewitter entladen. Die Öffentlichkeit war empört: Der Versicherer galt als undankbar gegenüber dem Steuerzahler. Die Rettungsaktion für das Unternehmen war eine der größten während der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009.

Noch während die Board-Sitzung lief, brach ein Sturm der Entrüstung los. Der New Yorker Finanzaufseher Benjamin Lawsky rief an, um AIG-Chef Benmosche seine Besorgnis zu übermitteln, wie eine mit dem Anruf vertraute Person sagte. AIG solle sich nicht an dem Verfahren beteiligen, da der Imageschaden das Geschäft des Versicherers nachhaltig untergraben dürfte. Sollte AIG jemals wieder auf staatliche Hilfe angewiesen sein, wären die Türen im Weißen Haus zudem verschlossen, warnte der Finanzaufseher. Der Behördenchef ist zudem einer der wichtigsten Regulierer des AIG-Versicherungsgeschäfts.

Unklar bleibt, ob das Telefonat irgendeinen Einfluss auf die Entscheidung des Board hatte. Ein AIG-Sprecher lehnte zunächst jeglichen Kommentar ab. Im Zentrum der Diskussion im Board habe die Frage gestanden, ob ein Prozess überhaupt Erfolg haben könne, sagte eine mit dem Konzern vertraute Person. Die Dauer und die Kosten des Rechtsstreits seien ein weiteres Kriterium gewesen. Letztlich hätten auch das wahrscheinlich angekratzte Image und die Auswirkungen auf die Unternehmensführung eine wichtige Rolle gespielt. Die Sitzung habe viereinhalb Stunden gedauert - mit nur einer kurzen Unterbrechung. Das Treffen sei fast wie ein Prozess abgelaufen. Rechtsanwälte von Starr, dem US-Finanzministerium und der US-Notenbank hätten allesamt Plädoyers gehalten.

Die Entscheidung des Führungsgremiums ist ein Sieg auf ganzer Linie für die US-Regierung. Die Direktoren sprachen sich nicht nur gegen eine Teilnahme am Prozess und damit gegen die Möglichkeit aus, Gelder aus dem Staatssäckel zu erstreiten. Sie kündigten zudem an, Starr rechtlich daran hindern zu wollen, in dem Prozess auch andere Aktionäre zu vertreten und für diese Schadensersatz zu erstreiten.

Der ehemalige AIG-Großaktionär kritisierte den Schritt des Versicherungskonzerns. Die Entscheidung von AIG konterkariere die Interessen der Anleger, erklärte Starr-Rechtsanwalt David Boies. Starr werde die Schadensersatzansprüche einfordern, auch wenn der Versicherer diese nicht unterstütze. Ob die AIG-Direktoren Starr davon abhalten können, Schadensersatz für andere Aktionäre zu erkämpfen, werde zudem erst vor Gericht geklärt. Starr habe gewisse andere, separate Schadensersatzklagen gegen die Regierung am Laufen, ergänzte Boies, ohne konkreter zu werden.

Unternehmen fährt Imagekampagne

Vergangenen Monat hatte die US-Regierung ihre letzten AIG-Anteile veräußert. Der Steuerzahler erzielte mit der vorübergehenden Verstaatlichung des einst größten Versicherers der Welt insgesamt sogar einen Gewinn.

Seit Jahresbeginn fährt der Konzern eine bundesweite Anzeigenkampagne, in der sich das Unternehmen bei den Steuerzahlern bedankt. In den Anzeigen betont AIG, wie gut sich das Unternehmen von der Krise erholt hat. Die Entrüstung über eine Klage hätte den Imagegewinn durch die Werbekampagne wieder zunichte gemacht.

Seit dem Beinahe-Kollaps und dem großen Rettungspaket im Jahr 2008 musste AIG immer wieder als Blitzableiter für Kritik herhalten. Diese Woche erreichte eine Flut von E-Mails den Konzern, wie eine damit vertraute Person sagte. Die Schreiber bezeichneten AIG als gierig, da der Konzern eine Teilnahme an der Schadensersatzklage von Starr nicht ausschließe. Einige Politiker stimmten in die Kritik mit ein.

Der angesehene, demokratische Abgeordnete Elijah Cummings zeigte sich jetzt aber versöhnt. "Ich bin zufrieden, dass AIG den Steuerzahler nicht verklagt, nachdem die Regierung das größte Rettungspaket für ein Privatunternehmen in der US-Geschichte geschnürt hatte." Bei früherer Gelegenheit hatte Cummings die Idee einer Beteiligung an dem Prozess als "unglaublich" bezeichnet. Der Vertreter vom Finanzministerium, Timothy G. Massad, bezeichnete die AIG-Entscheidung als richtig. Ein Vertreter der US-Notenbank wollte sich nicht äußern.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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