• The Wall Street Journal

China will Europa mit Atomstrom versorgen

    Von SELINA WILLIAMS und GERALDINE AMIEL

LONDON - Atomtechnik in Europa könnte künftig erstmals aus China kommen. Die französische Electricité de France SA (EDF) verhandele mit der staatlichen China Guangdong Nuclear Power über den gemeinsamen Bau von Kernkraftwerken in Großbritannien, sagten informierte Personen. Für den Energiekonzern aus dem Reich der Mitte wäre es der Durchbruch in Europa. Von dem Einstieg der Asiaten würden aber auch EDF und die britische Regierung profitieren.

Seit der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima vor knapp zwei Jahren steht die Branche Kopf. Während Deutschland die Energiewende ausgerufen hat, stellt die britische Regierung die Kernkraft ins Zentrum ihrer Energiepolitik. Asiatische Großkonzerne suchen seitdem aktiv nach neuen Märkten im Ausland - mit Erfolg. Die japanische Hitachi hatte erst im Oktober das britische Atomgeschäft von RWE und E.ON übernommen. Großbritannien gilt asiatischen Energieriesen als gute Ausgangsbasis für die Expansion in Europa.

dapd

Ein Atomkraftwerk von EDF in Frankreich. Vielleicht stehen schon bald gemeinsame Kernkraftwerke von EDF und Guangdong Nuclear Power in Großbritannien.

Zuletzt hatte es bei den Briten Sorgen über die Zukunft der Atomenergie gegeben. Bei mehreren neuen Reaktoren gab es Verzögerungen, zudem gab es Zweifel daran, ob EDF und der bisherige Partner, die britische Centrica, die finanziellen Mittel für ihre Pläne auch bereitstellen können. Mit einem Einstieg der Chinesen wäre zumindest die Frage des Geldes geklärt - China Guangdong gilt als finanziell ziemlich gut ausgestattet und ist den Franzosen nicht unbekannt. Beide Konzerne arbeiten bereits in China zusammen.

EDF muss derzeit mehrere Baustellen gleichzeitig beackern. Der französische Staatskonzern leidet unter den schwierigen Bedingungen auf dem Heimatmarkt. Aktuell wird ein Sparprogramm auf den Weg gebracht, das auch die Investitionen in Großbritannien treffen könnte.

Eine Kooperation mit einem solventen chinesischen Partner, der zudem auf seinem Heimatmarkt schon Reaktoren baut, wäre nicht nur aus finanzieller Sicht sinnvoll, sagte ein Informant dem Wall Street Journal. Es sei sogar die einzige Option. Bei einem Scheitern der Gespräche könnte es für die Atompläne von EDF in Großbritannien schwierig werden, fügte die informierte Person hinzu.

Aktuell sieht es aber offenbar ganz gut aus. Die Verhandlungen hätten ein ordentliches Niveau erreicht, und die Chinesen seien der bevorzugte Partner von EDF. Allerdings dürfte es mit einem schnellen Abschluss nichts werden. Zunächst müssten sich die Franzosen mit der britischen Regierung über garantierte Preise für Strom aus dem geplanten Atomkraftwerk Hinkley Point einigen, ergänzte ein weiterer Informant.

Die China Guangdong Nuclear Power Holding war für einen Kommentar nicht zu erreichen. Eine Sprecherin von EDF lehnte einen Kommentar ab. Vom britischen Energieministerium hieß es, dass Investitionen aus dem Ausland in den Energiesektor grundsätzlich begrüßt werden. In vielen Teilen der Energiebranche gebe es bereits ausländische Investments.

In China bauen EDF und China Guangdong bereits gemeinsame Kernkraftwerke

Der bisherige EDF-Partner Centrica dürfte sich vom Bau neuer Atomreaktoren wegen befürchteter Mehrkosten verabschieden. Zudem könnten die indirekten Subventionen der Regierung am Ende zu gering ausfallen, weshalb sich die Investition möglicherweise für Centrica nicht rechnet, sagte ein weiterer Informant.

Probleme mit dem Bau von Atomkraftwerken gibt es nicht nur in Großbritannien. Sowohl EDF als auch die ebenfalls französische Areva hängen beim Bau von neuen Kernreaktoren des Typs EPR dem Zeitplan hinterher. Zusätzlich belasten die Konzerne massive Kostensteigerungen. Alleine bei einem Areva-Projekt in Finnland haben sich die Kosten mittlerweile mit über 8 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Das Kraftwerk hinkt fünf Jahre hinter dem Zeitplan hinterher.

In China sieht das ganz anders aus: Gemeinsam mit EDF liegt China Guangdong beim Bau zweier Reaktoren genau dieses Typs im Zeitplan - und im Rahmen der Kostenschätzung.

EDF ist bereits der größte Stromanbieter in Großbritannien und sollte die Renaissance der Atomenergie auf der Insel anführen. Plänen zufolge sollen vier Atomkraftwerke gebaut werden, abhängig vom finanziellen Rahmen. Alleine diese neuen Werke könnten genug Strom produzieren, um etwa 40 Prozent der britischen Haushalte zu versorgen.

Deutschlands Energieriesen hatten einst auch große Pläne mit der Atomkraft auf der Insel. Eon und RWE wollten mit ihrem Gemeinschaftsunternehmen Horizon Nuclear Power bis 2025 neue Kernkraftkapazitäten im Umfang von rund 6.000 Megawatt errichten. Geplant waren Investitionen von rund 15 Milliarden Britischen Pfund. Nach der Energiewende zogen die beiden Konzerne dann die Reißleine - und verkauften das Joint Venture nach Asien - an die japanische Hitachi.

—Mitarbeit: Wayne Ma

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