• The Wall Street Journal

Chinesen kommunizieren im Internet mit Geheimcode

    Von XIAO QIANG und PERRY LINK

Der Aufstieg von Online-Plattformen in China hat der chinesischen Bevölkerung beispiellose Möglichkeiten für die Veröffentlichung der eigenen Meinung gegeben. Weil sich die Chinesen jedoch in einem stark überwachten Medium austauschen, müssen die „Netizens" ihre Rufe nach mehr Freiheit mit Hilfe einer codierten Sprache und in Metaphern verpacken, um Zensur zu verhindern. Der chinesische Cyberspace ist Geburtshelfer einer Reihe von neuen Begriffen, um die Kommunistische Partei zu entlarven, kritisieren und lächerlich zu machen. Die von jungen „Störenfrieden" erdachten Begriffe haben sich längst in breiten Teilen der Bevölkerung etabliert.

Kate Francis

Der Begriff hexie bedeutet auf Chinesisch sowohl Flusskrebs als auch Harmonie. Netizens in China beklagen "geflusskrebst" zu werden.

Einige der neuen Begriffe stammen von Code-Worten, die vorübergehend genutzt wurden, um die automatische Wortfilter-Zensur zu umgehen. Der Begriff zhengfu (Regierung) zum Beispiel, gilt als „sensibel". Um ihn zu umgehen, sind eine Reihe alternativer Begriffe entstanden. Einer dieser Begriffe lautet tianchao („himmlische Dynastie"). Der Begriff vermeidet nicht nur das heikle Wort, sondern suggeriert auch noch auf boshafte Weise, dass die Regierung nicht gerade als modern zu bezeichnen ist. Als Hommage an George Orwell wird das Propaganda-Ministerium der Partei als zhenlibu („Wahrheitsministerium") bezeichnet.

Ein weiterer häufig verwendeter Begriff ist hexie, der sowohl Flusskrebs als auch Harmonie bedeutet. Die Regierung des kürzlich aus dem Amt geschiedenen Präsidenten Hu Jintao beschwörte in öffentlichen Reden häufig die hexie shehui, die „harmonischen Gesellschaft". Internet-Nutzer deuteten diese offizielle Regierungsphrase kurzerhand in „Flusskrebs-Gesellschaft" um. Dabei spielen sie auf alte chinesische Märchen an, in denen der Flusskrebs als Rüpel dargestellt wird, der Schwächere rücksichtlos zur Seite schiebt. Die Internetnutzer nutzen hexie sowohl als Verb als auch als Nomen. Wenn eine Website geschlossen wird, könnte das Opfer der Maßnahme beispielsweise sagen, dass seine Website „geflusskrebst" wurde – oder „harmonisiert" in der anderen Bedeutung des chinesischen Wortes.

Vor einigen Jahren begannen Internetnutzer außerdem mit listigem Humor die Begriffe guidang (Ihre [ehrenwerte] Partei) und guiguo (Ihr [ehrenwerter] Staat) zu nutzen. Gui bedeutet wörtlich sowohl „ehrenwert" als auch „teuer" und wird in China schon seit langem vor Substantive gestellt, um auf sehr förmliche und höfliche Weise „Sie" zu sagen. Daher bedeutet guixing beispielsweise „Ihr ehrenwerter Nachname". Guiguo hat sich außerdem bereits seit langer Zeit als Begriff etabliert, „Ihr Land" zu sagen, wenn Menschen aus dem Ausland auf sehr förmliche Weise angesprochen werden.

Nun aber wird der Begriff guiguo in einigen Internet-Zirkeln in seiner wörtlichen und sarkastischen Bedeutung „Ihr Staat" verwendet – mit anderen Worten, der Staat gehört den Herrschern, nicht mir. Die Frage „Was ist guiguo?" taucht in Chatrooms im Internet auf. Im Oktober 2010 schrieb beispielsweise ein Nutzer: „Es hat sich herausgestellt, dass dieses guo nicht unser guo ist, sondern das guo eines gewissen dang [so wird die Kommunistische Partei bezeichnet]. Daher sind die Begriffe guigo und guidang korrekt."

Wenn sich Internetnutzer ironisch von ihrem Staat distanzieren, wirft das die Frage auf, was heute zur Identifikation der Nation noch taugt. Was macht es heute aus, ein Chinese zu sein? Das ist eine wichtige Frage und jede Antwort darauf muss vorläufig sein.

Da gibt es beispielsweise die augenzwinkernde Eigenbezeichnung pimin - „Furz-Leute" - als Gegensatz zu guiguo. Die Nutzung des Wortes pimin geht auf einen berüchtigten Vorfall zurück, der sich am 29. Oktober 2008 ereignete. Damals aß der 58-jährige Parteifunktionär Lin Jiaxiang in einem Fischrestaurant in Shenzhen. Er fragte ein 11-jähriges Mädchen nach dem Weg zur Toilette und sie führte ihn dorthin. Laut Polizeibericht griff er kurz vor dem Eingang zur Toilette nach ihr, sie entkam und floh in Richtung ihrer Eltern. Ihr Vater konfrontierte Lin mit dem, was geschehen war und ein Streit brach aus. Am Ende zeigte der Funktionär auf den Vater und schrie: „Ich bin im Auftrag des Transportministeriums unterwegs! Mein Rang ist so hoch wie der deines Bürgermeisters! Ich habe sie am Nacken gepackt – na und? Ihr Leute seid Fürze für mich! Willst du es mit mir aufnehmen? Willst du wirklich herausfinden, was ich mit dir machen kann?"

Lin hatte das Pech, dass sein Ausbruch von einer Sicherheitskamera aufgenommen wurde und sich dann per Internet wie ein Lauffeuer verbreitete. Der Funktionär wurde gefeuert und „Furz-Leute" ging in den Volksmund ein. Nach und nach wurde es ein Begriff, der heute mit Stolz gesagt wird. Der Begriff „Furz-Leute" wird heute dafür genutzt, „uns" Internetnutzer und kleine Leute zu bezeichnen – diejenigen, die missbraucht werden, keine Wahl haben, die miteinander sympathisieren und sich mit anderen Schicksalsgenossen identifizieren, denen es ähnlich geht. Kurzgesagt ist der Begriff das genaue Gegenteil von guiguo.

Das Machtungleichgewicht zwischen guiguo und pimin wird manchmal auf satirische Weise durch die Benutzung des Wortes bei betont. Ursprünglich bedeutete dieses Wort „Decke" als Substantiv beziehungsweise „zudecken" als Verb. Seit etwa hundert Jahren wird es dazu genutzt, das aus westlichen Sprachen bekannte Passiv anzuzeigen– wie beispielsweise in dem deutschen Satz „meine Brieftasche wurde gestohlen". Ursprünglich kannte die chinesische Sprache kein Passiv. Inzwischen ist „wo bei hexie le" – „Ich wurde harmonisiert" – zu einem geläufigen Witz geworden, sobald die Zensurbehörden zuschlagen. Die Rolle des bei in diesem Satz ist wichtig. Das Wort signalisiert, dass ich unter der Handlung gelitten habe, mir wurde etwas angetan – gegen meinen Willen.

Dieses „unfreiwillige Passiv" wird auch in einer Reihe weiterer sarkastischer Begriffe genutzt. Einer lautet bei xingfu, was wörtlich übersetzt „glücklichisiert" bedeutet. In der Ära Mao Zedongs war der Große Vorsitzende, der für das Volk das Glück wollte - mou xingfu – eine geläufige Phrase. Damals wie heute wird mit bei xingfu ausgedrückt, dass man auf der Empfängerseite des Glücks ist. Ein anderes Beispiel: Wir schauen auf die Vertreter, die uns repräsentieren sollen und sehen dabei wie wir bei daibiao – auf Deutsch etwa „Repräsentation erleiden".

Guiguo, pimin, bei hexie und andere Begriffe sind mächtige Waffen. Sie legen nahe, dass die Frage danach, was es heute bedeutet, Chinese zu sein, nicht mit der Formel „China ist die Partei" beantwortet wird. Stattdessen gibt es nun die Grundlage dafür, nach Alternativen zu suchen.

Xiao Qiang ist Professor an der School of Information der University of California in Berkeley und Chefredakteur der China Digital Times. Perry Link lehrt als Professor an der University of California in Riverside. Es handelt sich um einen redaktionell bearbeiteten Beitrag, der zuerst im "Journal of Democracy" erschien.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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