• The Wall Street Journal

Brasilien lockt chinesische Technologieriesen

    Von LORETTA CHAO

SÃO PAULO - Chinesische Hersteller von Unterhaltungselektronik besitzen auf ihrem Heimatmarkt die Vorherrschaft. Doch in anderen Ländern haben sie es schwer. Das wollen sie jetzt ändern und wagen den Vorstoß in Brasilien und anderen Schwellenmärkten.

Die Chinesen fühlen sich in Schwellenländern wohl, da sie zur Abwechslung nicht von Anfang an mit etablierten US-Konzernen konkurrieren müssen. Indem sie aggressiv in den brasilianischen Markt einsteigen, hoffen der chinesische PC-Hersteller Lenovo und die Internetsuchfirma Baidu, im Vergleich mit Hewlett-Packard und Google bald die Nase vorn zu haben.

Europäische und amerikanische Firmen, die in ihrer Heimat Marktführer sind, sind in Brasilien zudem aufgrund der hohen Lohnkosten im Vergleich mit Asien, des Protektionismus sowie der Bürokratie des Landes oft kaum etabliert.

Reuters

Lenovo-Chef Yang Yuanqing

Chinesische und amerikanische Firmen sind sich einig, dass der brasilianische Markt immer wichtiger wird. Die Mittelschicht wächst weiter, und schon jetzt ist sie groß genug, um die hohen Geschäftskosten dort aufzuwiegen.

Lenovo, der zweitgrößte PC-Verkäufer der Welt, schätzt, dass über 20 Prozent der nächsten 500 Millionen PCs in Brasilien verkauft werden. Das Unternehmen konnte unter anderem aufgrund seines wachsenden Engagements in Ländern wie Russland und Indien an Dell vorbeiziehen. Brasilien sei für Lenovo mittlerweile der größte Markt außerhalb Chinas.

Die Bevölkerung Brasiliens ist ohnehin groß, und durch das Wachstum der Mittelschicht gewinne diese umso mehr Kaufkraft hinzu, sagt Silvia Quintanilha, Vice President für Client Services bei der Analysefirma Millward Brown in São Paulo. „Alle Marken schauen jetzt nach Brasilien und wollen sich hier ansiedeln."

Brasilien ist laut Jonathan Dillon, dem Leiter des internationalen Geschäfts bei Baidu, der wichtigste Markt außerhalb Chinas. Baidu verstärkt außerdem sein Geschäft in Thailand und Ägypten. „Brasilien wächst generell sehr stark, das Internet wächst dort stark, und wir glauben, dass viele globale Unternehmen dem Land noch nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt haben", sagt er. „Das bietet uns eine gute Gelegenheit, dort einzusteigen."

Laut einer aktuellen Umfrage der brasilianischen Zentralbank dürfte das BIP des Landes 2013 um 3,3 Prozent wachsen, nachdem es im vergangenen Jahr auf ein Wachstum von etwa ein Prozent gefallen ist.

Doch das alles bedeutet nicht, dass chinesische Unternehmen es dort leicht haben werden. Baidu hat mit seinen Diensten zum Beispiel in Japan nur mäßigen Erfolg. Und obwohl Google in Brasilien einen Teil seines Geschäfts an neue Rivalen verloren hat, ist die Marke den brasilianischen Nutzern bekannt und in mehreren Kategorien weiter führend.

Chinesische Firmen sind in Brasilien nicht die einzigen Newcomer. Facebook engagiert sich erst seit etwa zwei Jahren in Brasilien und konnte dabei seine monatlichen Nutzerzahlen im September um 43 Prozent auf 43,3 Millionen steigern, berichtet comScore. Brasilien ist dadurch einer der am schnellsten wachsenden Märkte für Facebook. Die Nutzerzahlen des brasilianischen sozialen Netzwerks Orkut von Google sind in den zwölf Monaten bis September hingegen um 55 Prozent gefallen.

Das südkoreanische Unternehmen Samsung Electronics hat ebenfalls einen aggressiven Vorstoß in Brasilien gewagt. Samsung hat die Preise der Wettbewerber unterboten und ist so zu einem der erfolgreichsten PC-Anbieter und dem wichtigsten Smartphone-Anbieter des Landes geworden.

Apple spielt auf dem brasilianischen Markt zwar eine wichtige Rolle, hat dort jedoch nicht annähernd einen so großen Marktanteil wie in anderen Ländern. Bisher gibt es dort keinen Apple Store; die Produkte werden stattdessen über andere Einzelhändler und Mobilfunkanbieter verkauft.

Produkte mit brasilianischen Charakter

Chinesische Unternehmen hoffen, hier einen ähnlichen Erfolg wie auf ihrem Heimatmarkt zu erzielen, indem sie ihren Produkten und Internetseiten einen brasilianischen Charakter geben. In China hat das bereits funktioniert: So hat Baidu zum Beispiel das Eingabefeld seiner Suchmaschine vergrößert, damit die chinesischen Zeichen besser zu erkennen sind, und konnte sich so von Google absetzen.

Dieses Jahr hat Baidu die „Hao123"-Homepage für brasilianische Nutzer live geschaltet. Dort sind Links zu beliebten Internetseiten zu finden, die es neuen Internetnutzern leichter machen, sich zurechtzufinden. Außerdem soll es dort bald eine neue Suchmaschine geben, die dem Google-Dienst Konkurrenz macht. Dazu hat Baidu hunderte von Ingenieuren angestellt.

Lenovo will mehr Bauteile seiner Computer direkt in Brasilien entwickeln, herstellen und zusammenbauen lassen. Dadurch kann das Unternehmen seine Steuerlast senken und beim Preis besser mit heimischen PC-Verkäufern wie dem Marktführer Positivo Informatica konkurrieren. Lenovo hat in Brasilien derzeit 4.000 Mitarbeiter. Vor Kurzem schloss das Unternehmen außerdem die Übernahme der örtlichen Elektronikmarke CCE für 300 Millionen brasilianische Real (112,7 Millionen Euro) ab und baut derzeit eine 30 Millionen Dollar teure Fabrik.

Geschäft stärken - Preise senken

Lenovo hofft, dass die Übernahme von CCE, einer günstigeren Marke, und die eigenen konkurrenzfähigeren Preise das Geschäft in den schnell wachsenden aber weniger wohlhabenden Regionen des Landes stärken wird.

Brasilien sei ein „unbeschriebenes Blatt", da viele Unternehmen womöglich die Chancen dort nicht für groß genug hielten, um solche Anstrengungen auf sich zu nehmen, sagt Dan Stone, Leiter des brasilianischen Geschäfts bei Lenovo. Rechnet man neue Fabriken, Forschungsstätten und Akquisitionen ein, investiere Lenovo außer in China nirgends so stark wie in Brasilien, sagt er.

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