• The Wall Street Journal

Das peinliche Versagen der Ökonomen

    Von SIMON NIXON
dapd

Weit geht der Blick von den Gipfeln - doch manchmal sieht der Bergsteiger nur Wolken.

Es ist wieder die Zeit gekommen, in der uns Volkswirte mit ihren Prognosen für das neue Jahr unterhalten. Das diesjährige Angebot bietet allerdings wenig Anlass zur Freude, besonders mit Blick auf Europas Wirtschaft. Selbst die optimistischsten Auguren schätzen, dass die Eurozone angesichts der staatlichen Sparmaßnahmen aller Orten von Glück sagen kann, wenn ihr eine Rezession erspart bleibt. Die Europäische Kommission und der Internationale Währungsfonds erwarten für den Währungsraum ein Wachstum von 0,1 oder 0,2 Prozent. Die Turbo-Bären von Capital Economics sehen die Wirtschaft um zwei Prozent schrumpfen.

Auch Großbritannien kann sich den düsteren Prognosen nicht entziehen. Die meisten Ökonomen erwarten für die britische Wirtschaft ein Wachstum um wenig mehr als ein Prozent – wobei das Risiko groß ist, dass sie zu Beginn des Jahres in eine „Triple-Dip"-Rezession abrutscht. Die Citigroup sagt den Briten für 2013 sogar nur noch ein Wachstum von 0,4 Prozent voraus.

Aber wie viel Aufmerksamkeit sollten Anleger den Wachstumsprognosen überhaupt widmen? Es liegt in der Natur der Sache, dass die Vorhersagen mal mehr und mal weniger richtig liegen. Die Ökonomie ist – trotz der scheinbaren Bestimmtheit, mit der manche ihrer Vertreter auftreten - keine exakte Wissenschaft. Auch wenn man dies in Rechnung stellt: Die Erfolgsbilanz der Zunft war in den vergangenen Jahren grässlich – und das gilt insbesondere für 2012. Nur wenige Volkswirte haben den Boom vorhergesehen, und den einschließenden Einbruch haben die meisten hoffnungslos unterschätzt.

Und es ist nicht etwa so, dass sich die Probleme der professionellen Vorhersager im Jahr 2012 auf die Langfristprognosen beschränkten; sie irrten nahezu in Echtzeit, und die meisten Ökonomen sahen sich alle paar Monate gezwungen, ihre Projektionen drastisch zu kürzen, weil jedes Quartal hinter ihren Erwartungen zurückblieb.

2012 mussten viele Prognosen gekürzt werden

Der IWF war ursprünglich mit einer Wachstumsprognose von 1,1 Prozent für die Eurozone ins Jahr 2012 gegangen, musste die im Jahresverlauf aber zweimal zurücknehmen, um im Oktober schließlich einen BIP-Rückgang von 0,4 Prozent vorherzusagen. Ähnlich erging es der Bank of England, die für die britische Wirtschaft ein Wachstum von einem Prozent erwartete. Wahrscheinlich wird letztlich jedoch eine Zahl nahe der Null in der Statistik stehen.

Die trostlose Bilanz einer trostlosen Wissenschaft legt den Schluss nahe, dass die Masse der Ökonomen ein grundlegend falsches Verständnis davon hat, wie moderne Volkswirtschaften funktionieren. Die Modelle, auf denen ihre Prognosen aufbauen, sind offensichtlich mit schweren Mängeln behaftet.

Das Ausmaß dieser analytischen Fehlleistung bereitet auch Politikern und Vertretern von Institutionen Sorgen, deren Aufgabe darin besteht, die Krise zu bekämpfen: Spencer Dale, der Chefvolkswirt der Bank of England, und Andrew Haldane, leitender Direktor der Notenbank für Finanzstabilität, haben bereits über die Unzulänglichkeiten der herkömmlichen Modelle gesprochen, die die Rolle des Finanzsystems bei der Entstehung von wirtschaftlichen Boom- und Kollapsphasen ausschließen.

Und Adair Turner, Vorsitzender der britischen Finanzaufsichtsbehörde FSA, musste eingestehen, dass es den politischen Entscheidungsträgern nicht gelungen ist, die Dynamik des Schuldenabbaus bei den Banken und den Einfluss, den das wiederum auf die Wirtschaft hat, vorausahnen.

Den wichtigsten Beitrag zur Debatte lieferte jedoch ein Essay von Claudio Borio, dem stellvertretenden Leiter der Währungs- und Wirtschaftsabteilung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der im vergangenen Monat unter dem Titel: „The Financial Cycle and Macroeconomics: What have we learned?" veröffentlicht wurde.

Volkswirte blenden das Finanzsystem aus

Nach Meinung von Borio ist das Modell des „Neuen Keynesianischen dynamischen stochastischen allgemeinen Gleichgewichts" (DSGE), das viele Mainstream-Ökonomen verwenden, fehlerhaft, da es von der Annahme ausgeht, dass das Finanzsystem reibungslos läuft: Seine Rolle bestehe lediglich darin, Ressourcen zu verteilen, daher könne es ignoriert werden.

Viele Volkswirte erkennen mittlerweile an, dass diese Annahmen falsch sind, bei der Anpassung ihrer Modelle sind sie über Flickschusterei aber nicht wesentlich hinausgekommen. Was es braucht, ist eine Rückkehr zu altmodischen Einsichten, die vor dem zweiten Weltkrieg galten und seither von unorthodoxen Ökonomen wie Hyman Minsky und Charles Kindleberger hoch gehalten wurden. Sie haben die zentrale Bedeutung der Finanzierungszyklen erkannt.

Mainstream-Ökonomen waren dagegen so fixiert darauf, gewöhnliche Geschäftszyklen zu verstehen, dass sie die Rolle übersahen, den jahrelang steigende Anlagewerte und die Liberalisierung des Finanzsektors bei der Entstehung von Kreditblasen spielen können. Sie haben die Tatsache aus den Augen verloren, dass das Finanzsystem mehr kann als lediglich Ressourcen zu verteilen: Mit jedem Kredit, den es verlängert, schafft es Geld – und damit Kaufkraft.

„Makroökonomik ohne den Finanzierungszyklus ist wie ein Hamlet ohne Prinz", meint deshalb Borio.

Viele Laien mag es erstaunen, dass die gängigen ökonomischen Modelle die Rolle des Finanzsystems nach allem, was die Welt in den vergangenen fünf Jahren durchgemacht hat, immer noch vernachlässigen. Genau diese analytische Fehlleistung könnte auch der Grund für möglicherweise schwerwiegende politische Fehler sein.

Nach Borio besteht die Herausforderung in einer bilanziellen Rezession, die das Ende eines Finanzierungszyklus' hervorgerufen hat, darin, die hohen Schuldenbestände, die zur Entstehung der Krise geführt haben, ausreichend schnell abzubauen, ehe sie zu einem noch schwerwiegenderen Problem werden.

Banken sind bei Abschreibungen zu zögerlich

Fehlende Möglichkeiten, neue Investitionen zu finanzieren, kann nämlich die gesamte Wirtschaft in eine Abwärtsspirale hineinziehen. So kann es zu einer Entwicklung kommen, wie sie Japan in den vergangenen zwei Jahrzehnten durchlebt hat.

Eine Lösung dieses Problem bestünde darin, die Schulden radikal umzustrukturieren und faule Anlagen abzuschreiben. Dafür braucht es aber kluge Regulierer, die entschieden handeln und sowohl Banken dazu ermutigen, faule Kredite als solche anzuerkennen, als auch Regierungen dazu bringen, sich auf fiskalpolitische Maßnahmen zu verständigen, die diesen Prozess beschleunigen.

Ein Großteil der Mainstream-Debatte in der entwickelten Welt versteift sich jedoch auf Strategien, die in die Gegenrichtung arbeiten. Viele Volkswirte mahnen die Regierungen dazu, ihre knappen finanziellen Mittel für eine Stimulierungspolitik zu nutzen, die das Wachstum antreiben soll — Maßnahmen, die wahrscheinlich nutzlos sind, wenn Borio damit richtig liegt, dass die exzessive Verschuldung das eigentliche Kernproblem der Krise ist.

Der IWF-Chefvolkswirt höchstselbst hat seine eigenen Prognosefehler kürzlich damit begründet, dass er den Einfluss der Austeritätsmaßnahmen – im Ökonomendeutsch sind das die so genannten fiskalischen Multiplikatoren – unterschätzt habe. Für Politiker, die darum kämpfen, die Staatsausgaben zu senken, dürfte das ohne Zweifel als reizvolle Ausrede dienen. Derweil dürften die Zentralbanken das Problem mit ihrer laxen Geldpolitik noch verschärfen. Angelegt ist die dazu, Liquiditätsprobleme zu mildern, doch in Wahrheit ermuntert sie Regierungen, Banken und Haushalte, die Benennung von Verlusten hinauszuschieben und die Neustrukturierung der Schulden gleich mit.

Kurzfristprognosen - besser ignorieren

Für Anleger bestünde eine vernünftige Reaktion nach all diesen Erkenntnissen darin, sämtliche Kurzfristprognosen auf Basis von veralteten Modellen zu ignorieren. Sie sollten sich stattdessen auf jene Volkswirtschaften konzentrieren, die sich mittelfristig am ehesten erholen werden, weil sie ihre Schuldenlast aggressiv angehen.

In Europa sind es wahrscheinlich die Staaten der Eurozone, in denen der Prozess der Schuldenrückführung und Neuaufstellung am schnellsten vorangehen wird – nicht zuletzt wegen der größeren Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank. Die Gefahr, dass eine laxe Geldpolitik genutzt wird, um harte Entscheidungen auf die lange Bank zu schieben, ist hier geringer. Nicht umsonst rechnet Goldman-Sachs-Volkswirt Huw Pill damit, dass dem Währungsblock ein weiteres Jahr mit stark schwankenden Entwicklungen bevorsteht.

Im Gegensatz dazu hat der britische Schatzkanzler George Osborne sein eigenes Schuldenziel aufgegeben und flirtet obendrein damit, das Inflationsziel der Bank of England zu kippen, während Prognosen ihn warnen, dass der Schuldenberg der Wirtschaft über den privaten und den öffentlichen Sektor hinweg alarmierend hoch bleiben wird. Nach gängiger Meinung wird die britische Wirtschaft die der Eurozone auf mittlere Sicht übertrumpfen. Angesichts der Trefferquote der gängigen Meinung sollte man darauf aber nicht wetten.

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