• The Wall Street Journal

Warum Autisten am Arbeitsmarkt plötzlich begehrt sind

    Von KONRAD PUTZIER

Markus Henk hat erlebt, wie sich seine größte Schwäche in eine besondere Form der Stärke verwandelt hat. „Jedes Mal wenn ich in Jobgesprächen erwähnte, dass ich das Asperger Syndrom habe, merkte ich, dass sich meine Gegenüber innerlich verschlossen", sagt er. Doch vor nicht allzu langer Zeit bekam er plötzlich einen Job - nicht trotz, sondern wegen seiner Einschränkungen. „Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt ernst genommen werde", sagt er.

Sein Beispiel steht für einen Trend in der Software- und Elektronikbranche. Hier werden vermehrt gezielt Menschen mit Autismus eingestellt. Seit dem Frühjahr arbeitet Markus Henk im Düsseldorfer Büro von Vodafone als IT-Spezialist. Der Mobilfunkkonzern beschäftigt dort drei weitere Autisten.

Konrad Putzier / WSJ.de

Markus Henk hat das Asperger-Syndrom und arbeitet bei Vodafone als IT-Spezialist.

Menschen mit einer Entwicklungsstörung des autistischen Spektrums, zu der sowohl der klassische Autismus als auch das Syndrom gehören, tun sich schwer, mit anderen in normaler Weise zu sprechen und ihre non-verbalen Botschaften zu verstehen. Weil das auch auffällt, ist es für Betroffene oft schwer, eine Arbeit zu finden.

Doch nicht wenige Autisten bringen dafür andere Fähigkeiten mit, die andere nicht haben, wie immer mehr Firmen feststellen. Mehrere Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass Autisten oft besonders gut darin sind, Muster zu erkennen. Im Jahr 2008 stellte die British Academy and Royal Society fest, dass „die Verbindung zwischen Autismus und besonderen Talenten, manchmal auf dem höchsten Niveau, nicht geleugnet werden kann".

Start-ups spezialisieren sich auf Autisten

Immer mehr Menschen bekommen die Diagnose Autismus. Doch auch die Bemühungen nehmen zu, sie in normalen Arbeitsverhältnissen zu integrieren. Mehrere Start-ups haben sich darauf spezialisiert, Autisten einzustellen und gezielt an Auftraggeber weiterzuvermitteln. Markus Henk wurde von dem Berliner Start-up Auticon in Zusammenarbeit mit Vodafone eingestellt.

Autismus

... bezeichnet eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die sich in einer dauerhaften Behinderung vor allem im Sozialverhalten der Betroffenen zeigt. Autisten haben häufig Probleme, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Besonders zeigt sich das an der eingeschränkten Fähigkeit, Gesagtes richtig zu deuten und dabei Mimik und Körpersprache sowohl richtig einzuschätzen als auch selbst einzusetzen. Autisten wirken bisweilen abweisend und in sich gekehrt und zeigen stereotype oder ritualisierte Verhaltensmuster. Ihr Interesse an der Außenwelt ist häufig auf bestimmte Bereiche begrenzt.

Eine Ausprägung des Autismus ist das Asperger-Syndrom. Betroffene zeigen zwar ebenfalls ein "merkwürdiges" oder linkisches Kontaktverhalten, in den meisten Fällen ist ihre Intelligenz aber normal ausgeprägt, so dass die Mitmenschen sie höchstens als "wunderlich" wahrnehmen. Das Syndrom gilt als nicht heilbar, häufiger geht es mit einer Hoch- oder Inselbegabung einher - etwa in der Wahrnehmung oder bei Gedächtnisleistungen. Ihnen fallen möglicherweise in Zahlenreihen Muster auf, die kein Mensch mit "normaler Intelligenz" sähe.

Im Mai kündigte das deutsche Softwareunternehmen SAP überraschend an, in den nächsten Jahren mehrere Hundert Autisten einstellen zu wollen. Zur gleichen Zeit erklärte das amerikanische IT-Unternehmen CAI, dass Menschen mit dieser Entwicklungsstörung bis 2015 drei Prozent der Belegschaft ausmachen sollen. Nach Jahrzehnten der Ausgrenzung sind Autisten plötzlich auf dem Arbeitsmarkt gefragt.

Der US-Ökonom Tyler Cowen hat eine strukturelle Erklärung für den Trend. In einem viel zitierten Aufsatz aus dem Jahr 2011 argumentierte er, dass der Wert autistischer Angestellter parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung wachsen wird. Autisten haben generell sehr spezifische Fähigkeiten. Je mehr sich die Wirtschaft spezialisiert, so Cohen, desto wertvoller werden auch die Talente von Autisten.

Niemand weiß genau, wie viele Autisten heute einen Job haben, doch die Zahl derer, die arbeitslos sind, ist mit großer Sicherheit sehr hoch. Die National Autistic Society in Großbritannien schätzt, dass 15 Prozent aller Menschen mit Autismus eine Vollzeitstelle haben. In Italien, so schreibt das Forschungsinstitut Censis, dürften es zehn Prozent sein.

Nur jeder Zwanzigste Autist hat eine Vollzeitstelle

Matthias Dalferth von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Regensburg schätzt, dass in westlichen Ländern insgesamt nur fünf bis sechs Prozent aller Menschen mit Einschränkungen aus dem autistischen Spektrum eine Vollzeitstelle haben. Bei Menschen mit Asperger-Syndrom, einer schwachen Form von Autismus, könnte der Anteil bei bis zu 20 Prozent liegen. „In den vergangenen fünf Jahren haben mehr Menschen mit Autismus Arbeit gefunden", sagt er allerdings. „Das liegt gesteigerter öffentlicher Aufmerksamkeit und an Startups wie auticon."

Auticon wurde 2011 gegründet und ist ein IT-Beratungsunternehmen, das die Dienste von Asperger-Autisten vermittelt. Das Unternehmen, finanziert mithilfe des Social Venture Fund, hofft, bis zum Ende des Jahres profitabel zu sein. Zusätzlich zu Vodafone arbeitet Auticon auch mit anderen Großunternehmen wie der Deutschen Telekom, IAV und der Bayern LB zusammen.

Auticon hat derzeit 16 Angestellte mit Asperger Syndrome, die als Software-Tester arbeiten. Die Arbeit verlangt hohe Konzentrationsfähigkeit und ein Talent für das Erkennen von Mustern – stundenlang müssen die Tester sich bei ihrer Arbeit komplizierte Codes ansehen.

Das Geschäftsmodell der Firma ähnelt dem des dänischen Unternehmens Specialisterne, das seit 2008 am Markt ist. Heute hat Specialisterne bereits 100 Angestellte in neun Ländern und wächst rasant. Erst vor kurzem wurde das erste US-Büro eröffnet. In den vergangenen Jahren habe es zunehmende Nachfrage von Softwareunternehmen gegeben.

„Sie sind pünktlich, fokussiert und konzentriert"

Einer der ersten Specialisterne-Kunden war das dänische Telekommunikationsunternehmen TDC . „Sie bieten einfach bessere Qualität", sagt Peter Stensler, der Leiter des Kundensupports bei TDC. Seit fünf Jahren arbeiten Autisten bei TDC. Derzeit sind es acht, die als Smartphone-Tester und Softwareentwickler in der Zentrale in Kopenhagen tätig sind. „Sie sind pünktlich, fokussiert und konzentriert. Aber vor allem haben Sie ein Auge für Details. Sie finden Fehler, die andere übersehen", sagt Stensler.

Der Softwareriese SAP sieht ein ähnliches Potenzial und kündigte Ende Mai an, dass Autisten bis zum Jahr 2020 ein Prozent der Angestellten stellen sollen. Das Unternehmen schätzt vor allem die Fähigkeit, bei langen und sich wiederholenden Aufgaben konzentriert zu bleiben. Dies sei vor allem beim Testen und bei der Qualitätskontrolle sehr nützlich.

Nach einem erfolgreichen Pilotprojekt mit autistischen Softwareentwicklern in Indien hat SAP vor kurzem ein weiteres Projekt in dem Land gestarte. Bis Ende 2013 will es in mehreren weiteren Ländern Autisten einstellen.

Der US-Hypothekendienstleister Freddie Mac hat ebenfalls Interesse an den besonderen Fähigkeiten, die Menschen mit Autismus bisweilen mitbringen. Im vergangenen Jahr begann das Unternehmen, Autisten bezahlte Praktika in Kooperation mit einem gemeinnützigen Verein anzubieten.

Autisten für die menschliche Vielfalt im Unternehmen

Freddie Mac war mit den Praktikanten so zufrieden, dass es das Programm in diesem Jahr ausbaut. „Wir mussten am Arbeitsplatz nur minimale Veränderungen vornehmen, zum Beispiel Lampen austauschen", sagt eine Unternehmenssprecherin. Freddie Mac werde Autisten nicht mehr nur im IT-Bereich, sondern auch in anderen Bereichen, etwa bei den Finanzen einsetzen.

Während SAP, TDC und Freddie Mac sagen, dass sie Autisten vor allem wegen ihrer speziellen Fähigkeiten einstellen, geht es Vodafone vor allem um die menschliche Vielfalt im Unternehmen. Dies würde letztlich die Produktivität steigern. Schon jetzt habe die Präsenz von Autisten die Gruppendynamik verbessert und Managern den Wert von „Inclusive Leadership" verdeutlicht, erklärt der Konzern.

Diese Einstellung ist ein Segen für Fabian Hoff, der als Software-Programmierer bei Vodafone arbeitet. An seinem Computer sitzend ist er äußerlich nicht von seinen Kollegen zu unterscheiden. Wie alle Auticon-Mitarbeiter kann er frei entscheiden, wann und wie lange er arbeitet. Das Unternehmen sagt, die Angestellten würden ohnehin von sich aus einen regelmäßigen Zeitplan wählen.

Hoff hat vor seinem Job bei Auticon studiert, hatte allerdings Schwierigkeiten mit dem Lärm und den Menschenmengen auf dem Universitäts-Campus. Wiederholt brach er sein Studium ab. „Ich probierte ein paar Jobs, aber hatte nach einer Weile immer Probleme", sagt er. „Einige meiner Vorgesetzten dachten, ich wolle mich ihrer Autorität widersetzen. Ich wusste wirklich nicht, welche Art Job ich schaffen würde."

"Ihre Ehrlichkeit ist für sie leider oft kontraproduktiv"

Hoffs Geschichte ist typisch für Menschen mit Autismus, weshalb es Firmen oft nicht wagen, sie einzustellen. Ein weiteres Problem kann der sehr direkte Kommunikationsstil sein. „Wenn man einen Autisten im Job-Interview fragt, was seine Schwächen sind, wird er sie alle auflisten. Diese Art von Ehrlichkeit ist leider oft kontraproduktiv", sagt Marc Ruckebier, Diversity-Experte bei Vodafone Deutschland.

Auticon kennt derartige Schwierigkeiten und bietet daher einen Job-Coach an, der zwischen Unternehmen und Angestellten vermittelt und dafür sorgt, dass Angestellte wie Fabian Hoff ein passendes Arbeitsumfeld haben.

Wenn ein Spezialist bei einem Unternehmen nicht glücklich wird, bietet ihm Auticon eine andere Stelle an und schickt Ersatz. In einem halben Jahr ist das bislang einmal passiert. Ein Angestellter mit Autismus wurde zur Arbeit bei einem Unternehmen geschickt, litt aber unter dem Lärm, der durch die dünnen Wände am Arbeitsplatz drang. Der Angestellte hatte auch Schwierigkeiten mit der langen Anmeldeprozedur jeden Morgen. In einer Schlange anzustehen und einer fremden Person am Anmeldetisch Fragen zu beantworten, war für ihn eine Tortur.

„Menschen mit Autismus können eine Art Overload bekommen, dann sind sie unfähig, zu arbeiten", sagt der Jobcoach des Angestellten. „An einem Tag musste ich ihn aus dem Büro abholen, ihn nach Hause bringen und beruhigen". Der Angestellte wurde zur Auticon-Firmenzentrale zurückgeschickt, wo er heute arbeitet. Das fragliche Unternehmen ist weiterhin Auticon-Kunde.

US-Ökonom Cowen glaubt, dass Projekte wie Auticon erst der Anfang von etwas Größerem sind. „Das Wachstum von Internet und Kommunikationstechnologien hat es Autisten leichter gemacht, Arbeit zu finden", sagt er. „Da diese Technologien so bald nicht verschwinden werden, ist der Ausblick für ihre Berufschancen positiv."

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