• The Wall Street Journal

Revolution im Wohnzimmer: Wie wir in Zukunft TV sehen

    Von DON CLARK und IAN SHERR

SANTA CLARA – Innerhalb des alteingesessenen Chipkonzerns Intel gibt es ein Team von 350 Mitarbeitern, das eher wie ein Start-up arbeitet: Programmierer, Designer, Künstler und Videoverschlüsselungsexperten arbeiten in einem hellen, offenen Büro und entwickeln einen internetbasierten Dienst, der das Fernsehen revolutionieren soll.

Intel plant eine Server-Farm, die jede Fernsehminute aufzeichnet – von Lokalsendern, nationalen Sendern und internationalen Kanälen – und sie mindestens drei Tage lang in der Cloud speichert. Zuschauer bräuchten dann nur noch eine Intel-Box, um bereits ausgestrahlte Sendungen abzurufen. Niemand müsste mehr digitale Videorekorder programmieren.

[image] Jason Schneider

Zuschauer könnten mitten in einer Sendung den Fernseher anschalten und zurück zum Anfang springen. „Das ist wie normales Live-Fernsehen, aber man kann zurückspulen", sagt Eric Huggers, der bei Intel das Fernsehteam leitet und früher bei der britischen BBC arbeitete.

Intel ist nicht der einzige Computerkonzern, der mehr Einfluss in den Wohnzimmern gewinnen will. Verschiedene Unternehmen wie Apple, Microsoft, Sony und Google arbeiten derzeit an Fernsehern, neuartigen Fernbedienungen und anderen Projekten, die das Fernsehen grundlegend verändern dürften. Google hat vergangene Woche ein Gerät namens Chromecast vorgestellt, das die drahtlose Übertragung von mobilen Geräten auf Fernseher erleichtert.

Die Computerbranche hatte bisher nur mittelmäßigen Erfolg dabei, Einfluss auf das Fernsehen zu nehmen. Kabel- und Satellitenfirmen haben eine stärkere Position auf diesem Markt, und große Konzerne wie Comcast planen längst ihre eigenen Technologieupgrades.

Auch Verhandlungen mit Medienkonzernen über Ausstrahlungsrechte können den Internetkonzernen Probleme bereiten. Doch Intel verspricht noch vor Ende des Jahres den Markteinstieg.

Revolution steht kurz bevor

Zumindest herrscht ein Konsens darüber, dass sich die Technologien weiter so schnell entwickeln, dass eine Revolution kurz bevorsteht – ob sie nun von alteingesessenen Fernsehfirmen oder Branchenneulingen ausgeht. „Noch nie habe ich so viel Innovation im Fernsehbereich erlebt wie jetzt", sagt Ulf Ewaldsson, Technologiechef beim schwedischen Telekomausrüster Ericsson, der selbst stärker ins Fernsehgeschäft einsteigen will.

Die Veränderungen basieren vor allem darauf, dass immer mehr Menschen eine Breitbandverbindung haben, die den Empfang hochwertiger Videos per Internet ermöglicht. Viele Kunden haben heute Internetverbindungen in ihren Wohnzimmern, um Videoprogramme wie Netflix, Watchever oder Maxdome nutzen zu können. Außerdem verwenden Verbraucher immer öfter Tablets und Smartphones, um Filme und Fernsehsendungen anzusehen.

Beliebte Sendungen wie die Nachrichten und die Live-Übertragung von Sportveranstaltungen sind jedoch nach wie vor fast ausschließlich im klassischen Fernsehprogramm zu sehen, da Ausstrahlungslizenzen die Übertragung per Internet verhindern.

Online-Dienste, die eine große Auswahl an Videos bereitstellen, sind mit klassischen Fernbedienungen nur schwer zu bewältigen, da die Geräte nicht dazu hergestellt sind, um Text einzugeben. „Telefone, Laptops und Tablets haben das Fernsehen dramatisch weiterentwickelt", sagt Tom Rogers, Chef von TiVo, einer Pionierfirma auf dem Bereich der digitalen Videoaufzeichnung. „Klassische Fernseher sind da auf der Strecke geblieben."

Videos aus dem Internet

Zu den Technologiefirmen, die das ändern wollen, gehört Apple. Der Trendsetter verkauft seit 2007 eine Box namens Apple TV, mit der Zuschauer Videos aus dem Internet abspielen können, bietet jedoch noch keine neuen Inhalte an. Das Unternehmen testet außerdem Entwürfe für ein eigenes Fernsehgerät, berichten Vertreter von Zulieferfirmen. Ein solches Gerät soll womöglich einen integrierten Speicherplatz für digital aufgezeichnete Sendungen, eine Verbindung zum Cloud-Speicher und Sprachsteuerung bieten.

Microsoft prescht vor allem bei der Spracherkennung voran und positioniert seine Videospielekonsolen als breit aufgestellte Entertainmentsysteme. Die Xbox One, die diesen Herbst auf den Markt kommen soll, lässt sich zum Beispiel durch die sprachliche Anweisung „Xbox an" einschalten, sagt das Unternehmen. Zuschauer können außerdem durch mündliche Befehle auf einen anderen Fernsehsender umschalten oder eine spezielle Sendung auswählen. Außerdem lassen sich während des Fernsehens manche Xbox-Apps benutzen. Zum Beispiel sollen Zuschauer gleichzeitig fernsehen und per Skype telefonieren können.

Sony hat eine Tablet- und Smartphone-App namens Sony TV Sideview entwickelt – eine Art digitale Programmzeitschrift. Sie liefert Informationen über Sendungen und Schauspieler und lässt Nutzer Dienste wie Youtube, Netflix und natürlich den eigenen Sony-Video-Store gleichzeitig durchsuchen.

Wachsende Anzahl an verschiedenen Inhalten

Eine Herausforderung für Verbraucher ist heute, die wachsende Anzahl an verschiedenen Inhalten zu jonglieren, so zum Beispiel Youtube-Videos, das klassische Kabelfernsehen, Filme von Netflix und digital aufgezeichnete Sendungen. Vor allem TiVo ist auf diesem Gebiet besonders aktiv und bietet Schnittstellen an, mit denen Nutzer auf verschiedenste Dienste zugreifen können.

Der Intel-Manager Huggers sieht auch Vorteile darin, wie sein Unternehmen von vorne anzufangen. Zum einen können seine Entwickler die neuen Chips des Unternehmens einsetzen, um Fernsehboxen herzustellen, die viel schneller als andere Wohnzimmergeräte zwischen verschiedenen Kanälen und Sendungen hin und her schalten können.

Intel und anderen Unternehmen, die internetbasierte Fernsehdienste anbieten wollen, dürften zähe Verhandlungen mit den Anbietern der Videoinhalte bevorstehen. Diese Unternehmen sind in einer so starken Position, dass sie die Bedingungen selbst vorschreiben können, sagt James McQuivey, Analyst für Fernsehtechnologie bei Forrester Research.

Er rechnet jedoch nicht damit, dass solche Lizenzstreitigkeiten die großen Trends auf dem Fernsehmarkt aufhalten werden. „Das Geschäft entgleitet zunehmend den Menschen, die es seit langem kontrolliert haben", sagt er.

—Mitarbeit: Daisuke Wakabayashi

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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