• The Wall Street Journal

USA ziehen Hälfte der Truppen aus Afghanistan ab

    Von ADAM ENTOUS und JULIAN E. BARNES
Associated Press

Zwei Afghanen schauen Obamas Rede zur Lage der Nation in Kabul.

WASHINGTON – US-Präsident Barack Obama will die amerikanischen Truppen in Afghanistan bis Februar 2014 um die Hälfte reduzieren. Zum ersten Mal nennt die Regierung damit konkrete Zahlen für den beschleunigten Abzug der US-Armee aus dem Land am Hindukusch.

Obama wird anordnen, dass 34.000 von 66.000 Soldaten aus Afghanistan abgezogen werden. So kündigte er es in seiner Rede zur Lage der Nation an. Die Rückzugspläne sehen laut eines Mitarbeiters der Verwaltung vor, dass die Truppen bis Mai 2013 auf 60.500 Soldaten reduziert werden, bis zum November sollen noch 52.500 vor Ort bleiben. Die restlichen Soldaten sollen das Land Mitte Februar 2014 verlassen.

Der Rückzug aus Afghanistan wird damit schneller stattfinden als ursprünglich vom Militär geplant. Die Kommandanten hätten die Pläne abgenickt, sagten Vertreter des Verteidigungsministeriums. Sie seien zufrieden, dass der geplante Strategiewechsel in Afghanistan sich auf das Training der afghanischen Streitkräfte konzentriere und dadurch ein schnellerer Rückzug möglich sei.

Mit dem angeordneten Abzug wird sich die Anzahl der Truppen wieder auf dasselbe Niveau bewegen wie beim Amtsantritt Obamas im Jahr 2009. Damals ordnete er eine Aufstockung auf mehr als 100.000 Streitkräfte an.

Noch sei keine endgültige Entscheidung gefallen, wie stark die Truppenpräsenz nach 2014 ausfallen solle, sagen Offizielle. Wahrscheinlich dürften bis zu 9.000 Soldaten vor Ort bleiben. Obama sagte bei seiner Rede nichts über die angepeilte Größe nach 2014, doch er betonte, dass das Engagement in Afghanistan weiter fortgeführt werde, wenn auch unter anderen Bedingungen. Die Verwaltung suche gemeinsam mit der afghanischen Regierung nach einer Lösung, die es den USA ermögliche, Extremisten zu verfolgen und die Armee des Landes zu trainieren. Damit solle erreicht werden, dass Afghanistan „nicht wieder ins Chaos abrutscht".

General John Allen, ehemaliger Oberbefehlshaber der NATO-geführten Streitkräfte in Afghanistan, hoffte darauf, die aktuelle Truppenstärke bis Ende der aktuellen Kampfsaison im Herbst zu halten. Doch Obama traf im vergangenen Monat die Entscheidung, den Fokus schneller als bislang geplant auf das Training der Truppen zu legen und weniger militärische Operationen durchzuführen. Dies habe die Notwendigkeit einer großen Mannschaft vor Ort verringert, sagen Regierungsvertreter. „Die afghanischen Streitkräfte übernehmen inzwischen bei fast 90 Prozent der Operationen im Land die Führung", sagt ein hochrangiges Verwaltungsmitglied, der unter anderem in die Trainings der Armee involviert ist.

Kritik aus Afghanistan

So manche afghanischen Staatsvertreter und Analysten bevorzugen jedoch eine stärkere Präsenz der US-Truppen. Sie beurteilen den Rückzugsplan als fehlgeleitet und fordern eine schnelle Entscheidung über die Truppenstärke nach 2014.

"Der beschleunigte Abbau der Truppen in diesem Jahr wird nicht hilfreich sein und weitreichende negative Konsequenzen für das Wachstum der afghanischen Sicherheitskräfte haben", sagt Hanif Atmar, ein Anführer der Opposition und ehemaliger Innenminister. Das werde nachteilige Effekte auf die diesjährige Kampfsaison und auf die für 2014 geplanten Wahlen im Land haben. „Diese Entscheidung fiel gegen den Rat von hochrangigen NATO- und afghanischen Generälen."

Daoud Sultanzoy, ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter, der nun eine beliebte Talkshow moderiert, nannte den Truppenabbau "eine typische Antwort des Westens für ein westliches Publikum, ohne die Realität in Afghanistan zu berücksichtigen".

Milder beurteilt ein Vertreter der Regierung den beschleunigten Abzugsplan. Er erlaube es "einer beträchtlichen Anzahl von US-Truppen, die Afghanen in zwei zusätzlichen Kampfphasen zu unterstützen", bevor die afghanischen Truppen ab 2015 für die eigene Sicherheit verantwortlich sind.

Wie viele Soldaten nach 2014 tatsächlich in Afghanistan bleiben, ist noch nicht klar. Die Aufgaben der US-Armee werden sich dann laut Obama auf das Aufspüren von restlichen al-Qaida-Kämpfern sowie das Training der Sicherheitskräfte beschränken. Momentan verhandeln die USA noch über ein langfristiges Sicherheitsabkommen mit den Afghanen. Obwohl Angehörige des Militärs raten, man solle 15.000 Soldaten längerfristig vor Ort lassen, bevorzugen viele Vertreter der Regierung eine Truppengröße zwischen 3.000 bis 4.000 Soldaten.

Ende dieses Monats treffen sich die Verteidigungsminister des NATO-Bündnisses in Brüssel. Dabei wird auch über die Reduzierung der Truppenstärken für dieses Jahr gesprochen werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Minister auch darüber diskutieren, wie viele Soldaten sie nach 2014 in Afghanistan stationieren wollen.

—Mitarbeit: Maria Abi-Habib in Kabul

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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