• The Wall Street Journal

Berlin lockt Start-ups in den Todesstreifen

    Von HARRIET TORRY
[image] Associated Press

Immer mehr Start-ups siedeln sich in Berlin an. Vor allem Technologie-Firmen zieht es in die deutsche Hauptstadt.

Am einstigen Todesstreifen an der Berliner Mauer ist es extrem laut und unruhig. Bauarbeiter machen sich an einer stillgelegten Brauerei zu schaffen, die zu einer Heimat für junge Unternehmen umgebaut werden soll. Immer mehr Technologie-Start-ups siedeln sich in Berlin an. Und die Stadt buhlt um sie.

Die Factory, wie die Umbaumaßnahme genannt wird, soll im Juli ihre Pforten öffnen. Angeboten werden Büroflächen für umzugswillige Unternehmen. Doch das Vorhaben macht sich zudem einen Fonds von 60 bis 100 Millionen Euro zu Nutze, der für Investitionen in junge Unternehmen vorgesehen ist. Den Grundstücksentwicklern zufolge hat Google eine Million Euro in das Projekt gesteckt, wird die neuen Büros allerdings nicht selbst nutzen. Google wollte dazu nicht Stellung nehmen.

In Deutschland gebe es wenige Wagniskapitalfonds, die Start-ups mit mehr versorgten als nur mit Startkapital, sagt Simon Schäfer, Gründer der Factory und Partner bei JMES Investments. In dem neuen Gründerzentrum sollen arrivierte und frisch gebackene Start-ups unterkommen. Mit dieser Mischung will Schäfer "den Innovationstransfer institutionalisieren und den Markt für erstklassige Finanzierungen erschließen".

Zu den künftigen Mietern gehören bereits Etablierte wie der Firefox-Entwickler Mozilla, SoundCloud und Versus IO. Auf dem 12.000 Quadratmeter großen Areal sollen zudem eine Kunstgalerie, ein Fitness-Studio und ein Club Einzug halten. Zu berappen sind 14 Euro pro Quadratmeter. Laut Schäfer liegen jetzt schon mehr Mietzusagen vor, als Büroräume vorhanden sind.

Das von zwei Weltkriegen und dem Kalten Krieg in Mitleidenschaft gezogene Berlin hat seit der Wiedervereinigung Mühe damit, Großunternehmen anzulocken. Technologiefirmen jedoch entdeckten in den vergangenen Jahren die Vorzüge der Stadt. Die Mieten in Berlin sind erschwinglich, die Verkehrsanbindung ist hervorragend und die Universitäten zählen zur weltweiten Spitzenklasse.

Internetunternehmen stellten mittlerweile die drittstärkste Gruppe, wenn es um die Nachfrage nach Geschäftsräumen geht. Vor ihnen rangierten nur noch Behörden und Dienstleister, wie Kanzleien und Wirtschaftsprüfer, berichtet Alexander Kropf, Associate Director des Immobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle .

"Tech-Firmen sind schnell, sie reisen mit wenig Gepäck und sie sind wendig", sagt Tom Serres, Gründer und Chef der amerikanischen Website Rally.org, die online Gelder für die Finanzierung von Projekten ihrer Nutzer einsammelt. Das Unternehmen hat unlängst ein Büro in Berlin eröffnet.

In direkter Nachbarschaft zu Checkpoint Charlie

Serres sitzt im sechsten Stock im geräumigen Konferenzraum seiner Firma und schaut sich um. Das Gebäude liegt nur einen Häuserblock vom ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie entfernt, einem Relikt aus dem Kalten Krieg. "Büros dieser Größe in San Francisco? Da legst du vielleicht zehn Mal so viel hin", schätzt er.

Im vergangenen Jahr ist die durchschnittliche Monatsmiete für Geschäftsräume in Berlin um zwei Prozent auf 12,70 Euro pro Quadratmeter gestiegen. In besten Lagen hat sich der Durchschnittspreis mit einem Plus von 17 Prozent allerdings stärker erhöht. Trotzdem kommen die Mieter in Berlin immer noch deutlich billiger weg als in London, Paris und München.

Die seit Jahrzehnten stark verschuldete Stadt kommt den neuen Start-ups mit offenen Armen entgegen. Bürgermeister Klaus Wowereit ließ es sich jüngst nicht nehmen, eine Pressekonferenz abzuhalten, um eine Investition von Benchmark Capital zu würdigen. Die Wagniskapitalgeber aus dem Silicon Valley hatten eine nicht genannte Summe für das in Berlin ansässige Online-Wissenschaftsnetz ResearchGate locker gemacht.

"Es ist immer eine Herausforderung, die Start-up-Szene kenntlich zu machen", sagte Wowereit. "Aber wenn erst einmal der Name eines Investors in Umlauf ist, macht das auch anderen Mut."

"Eine Art Talentsammelbecken"

Benchmark Capital hat auch in eBay, Instagram und Zipcar investiert. An Berlin reize sie die Kreativität, sagt Partner Matt Cohler. "Was Design und Technologie angeht, läuft hier eine Menge sehr talentierter junger Leute aus ganz Europa herum. Die kommen aus Deutschland, aus Russland, aus Großbritannien und einige sind sogar aus Amerika. Das ist eine Art Talentsammelbecken", schwärmt Cohler.

Auch Torch Partners, eine Londoner Investmentbank mit Schwerpunkt Technologie, hat jüngst in Berlin Quartier bezogen, genauso wie Vonchurch, ein Headhunter für die Digitalbranche.

Aber das neue deutsche Tech-Mekka hat auch seine Nachteile für aufstrebende Unternehmer am Anfang ihrer Karriere. Vermieter scheuten davor zurück, sich bei jungen Firmen, die keine Kredithistorie vorweisen könnten, auf fünf oder zehn Jahre festzulegen. Sie hätten Angst vor dem Risiko, dass das Unternehmen nach einem Jahr vielleicht schon wieder dicht macht, erzählt Alexander Kropf von Jones Lang LaSalle.

Am stärksten fällt allerdings ins Gewicht, dass Berlin hinter dem Silicon Valley und London hinterherhinkt, wenn Mittel beschafft werden müssen, die über ein Anschub- und Startkapital hinausgehen. Die Idee, Kapital in innovative Jungunternehmen zu investieren, hat sich in einem Land, das mit etablierten Sparten wie dem Auto- und Maschinenbau und der Chemie-Industrie verhaftet ist, noch nicht recht durchsetzen können.

Auf Wagniskapital angewiesen

Wenn Technologie-Start-ups in den USA die Startphase hinter sich gebracht haben, sind sie stark auf Wagniskapital angewiesen, das oft von Pensionsfonds oder Firmen mit großem Investmentgeschäft wie J.P. Morgan Chase oder Goldmans Sachs bereit gestellt wird. Nach derlei Unterstützung müssen Jungunternehmer in Deutschland lange suchen. Das liegt zum Teil auch daran, dass die Renten meist staatlich verwaltet werden und hochriskante Investitionen auf diesem Gebiet vermieden werden. Selbst die Branchenführerin Deutsche Bank hat keine Wagniskapitalabteilung, die Start-ups aufhelfen würde.

Bezeichnend für die starre Haltung, die viele Deutsche jungen Unternehmern gegenüber an den Tag legen, ist ein Erlebnis, das Rally.org-Gründer Tom Serres widerfuhr. Auf der Suche nach einem Standort für die Europa-Zentrale seiner Firma habe er damals Deutschland zum ersten Mal besucht. Für einen Termin bei einer großen Bank habe er ein T-Shirt getragen, auf dem in großen Lettern "I Facebooked your mom" stand. Die Banker seien in die Lobby heruntergekommen, direkt an ihm vorbeigerauscht und hätten zwei andere Männer in Anzügen angesprochen. "Den typisch deutschen Banker kann man nicht in Twitter investieren lassen. Das wird nicht funktionieren", meint Serres. Er hat sich bereits rund zehn Millionen Dollar an Wagniskapital gesichert und kann sich damit die Mühe sparen, in Deutschland auf Kapitalsuche gehen zu müssen.

Kapital muss aufgespürt werden

"Die Stadt kann entweder Tech-Unternehmen überzeugen, umzuziehen, hier ihren Laden aufzumachen und steuerpflichtiges Einkommen zu erwirtschaften", erklärt Serres. "Wenn Berlin aber ein Technologie-Exporteur werden will, dann besteht der nächste Schritt darin, dieses Kapital aufzuspüren."

Und es lauern weitere Hürden auf dem Weg der jungen Unternehmer. Bis sie wirklich in Berlin angekommen sind, müssen sie erst einmal die Sprachbarriere überwinden. Wer auf einem Berliner Amt einen Angestellten trifft, der Englisch kann, hat Glück gehabt. Und auch die teure Verwaltung baut nicht unerhebliche Hindernisse auf. Serres musste für die Gründung einer deutschen Tochter Gebühren über sage und schreibe 50.000 Euro hinblättern, berichtet er. In Großbritannien dagegen hätten die Bearbeitungsgebühren nur rund 300 Pfund gekostet und in Kalifornien gar nur etwa 200 Dollar.

Kontakt zum Autor: harriet.torry@dowjones.com

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