• The Wall Street Journal

EU-Kommission plant europaweite Fleischfahndung

    Von MATTHEW DALTON
Associated Press

Schlachthof Doly-Com in Rumänien: Ermittler verfolgen verschiedene Spuren von Pferdefleischlagern in Holland bis zu Schlachtern in Rumänien. Klar ist inzwischen, dass es sich bei den verunreinigten Cheeseburgern und Lasagnen um einen bewussten Etikettenschwindel gehandelt hat.

BRÜSSEL – Die Europäische Kommission hat wegen des Pferdefleisch-Skandals eine umfangreiche Untersuchung angekündigt. Sie will im Laufe des nächsten Monats herausfinden, in welchem Umfang der Fleischbetrug die komplexen Lieferketten in der europäischen Lebensmittelindustrie betrifft.

Seitdem irische Behörden Mitte Januar erstmals auf Pferdefleisch in angeblichen Rindfleischburgern aus der Tiefkühltruhe gestoßen sind, melden immer mehr Länder ähnliche Fälle. Auch in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Schweden und in der Schweiz tauchten Rindfleisch-Fertiggerichte auf, die Pferdefleisch enthielten, ohne dass dies auf dem Etikett stand.

Am Mittwoch rief die Supermarktkette Real eine Tiefkühl-Lasagne zurück, weil bei einzelnen Stichproben Spuren von Pferdefleisch gefunden wurden. Auch Kaiser's Tengelmann nahm bereits vorsorglich Produkte aus den Regalen.

Schädliche Arzneimittelrückstände im Fleisch

Wie das nordrhein-westfälische Verbraucherschutzministerium am Mittwoch mitteilte, seien über einen Zwischenhändler in Luxemburg „in größerem Umfang" verdächtige Produkte in die Bundesrepublik geliefert worden, die als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch enthalten könnten. Auch aus dem Bundesverbraucherministerium hieß es, dass möglicherweise Lasagne mit Pferdefleisch nach Nordrhein-Westfalen geliefert worden sei.

Weil sich die Fälle häufen, hat die EU-Kommission jetzt eine groß angelegte Kampagne angeregt, unter der die 27 EU-Mitgliedsländer rund 2.500 Fleischprodukte auf ihren Inhalt überprüfen sollen.

Obwohl es keinen direkten Verdacht auf ein Gesundheitsrisiko durch Pferdefleisch gibt, will die EU-Kommission 4.000 Pferdefleisch-Proben auf Rückstände des entzündungshemmenden Pferdemedikaments Phenylbutazon testen, das als gesundheitsschädlich gilt. Erste Testergebnisse sollen laut EU-Kommission am 15. April vorliegen.

Noch ist unklar, wie das Pferdefleisch in die Tiefkühlburger und die Fertiglasagne geraten sein könnte. Inzwischen verdichten sich aber die Hinweise, dass die Lösung ähnlich komplex ist wie die europäische Lebensmittelindustrie, die sich von Schlachthöfen in Rumänien bis zu Supermärkten in Großbritannien oder Deutschland erstreckt.

Auch Fahnder der grenzübergreifenden europäischen Polizeibehörde Europol sind an der Spurensuche auf Wunsch Großbritanniens beteiligt, teilte ein Europol-Sprecher mit.

Am Donnerstag wollen auch französische Ermittler die Ergebnisse ihrer bisherigen Untersuchungen bekanntgeben. In Frankreich war Pferdefleisch in der Lasagne des Unternehmens Findus Group gefunden worden. Dieses stammte den Behördenangaben zufolge aus der luxemburgischen Fabrik eines französischen Zulieferers namens Comigel, der das Fleisch von holländischen Händlern bekommen hatte. Diese wiederum wurden von Schlachthöfen in Rumänien beliefert. Findus teilte mit, dass Comigel sein Fleischlieferant sei. Comigel selbst hat sich auf die Anfrage nach einem Kommentar bisher nicht zurückgemeldet.

In den vergangenen Tagen kreisten Medienberichte zudem um das Handelsunternehmen Draap Trading, das Pferdefleisch aus einem holländischen Lagerhaus der Firma Nemijtek im holländischen Breda verkauft. Holländische Ermittler nahmen in dieser Woche Stichproben aus Draaps Pferdefleischlager. Vertreter von Draap Trading konnten für einen Kommentar nicht erreicht werden.

Es handelt sich um bewussten Etikettenschwindel

Nach dem bisherigen Ermittlungsstand aber handelt es sich bei dem Pferdefleischskandal um bewussten Etikettenschwindel und nicht um ein Versehen. Jetzt versuchen die Fahnder herauszufinden, ob sich alle mit Pferdefleisch verunreinigten Produkte auf eine einzige Quelle zurückführen lassen oder – und das wäre wesentlich verheerender – ob es sich bei dem Pfusch um eine weitverbreitete Branchenpraxis handelt.

Pferdefleisch kostet nur knapp ein Viertel dessen, was Rindfleisch kostet. Unternehmen, die Rindfleischprodukten Pferdefleisch untermischen, dürften deshalb enorme Gewinne gemacht haben. „Verbrauchertäuschung ist kein Kavaliersdelikt", betonte eine Sprecherin des Bundesverbraucherministeriums, das am Mittwochabend an der Sondersitzung in Brüssel teilgenommen hatte.

Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzministeriums waren zwischen November 2012 und Januar 2013 verdächtige Rindfleischprodukte nach Deutschland gelangt. Diese seien nicht nur bei Discountern und Supermarktketten gelandet, sondern bei anderen Lebensmittelunternehmen. Über das EU-Schnellwarnsystem hatte das Düsseldorfer Ministerium eine Lieferliste erhalten.

dapd

Die Supermarktketten Real und Kaiser's Tengelmann haben bereits vorsorglich Produkte aus ihren Regalen genommen.

Nähere Details wollte ein Behördensprecher mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht nennen. Derzeit versuche das Landesumweltamt, in den Betrieben noch vorhandene Proben aus dem Zeitraum für Untersuchungen sicherzustellen, hieß es.

Die Supermarktketten Real und Kaiser's Tengelmann hatten in den vergangenen Tagen bereits vorsorglich Produkte aus ihren Regalen genommen. Real stoppte den Verkauf von Mini Cheeseburgern des Lieferanten „Agro on" sowie von Lasagne der eigenen Handelsmarke „Tip". Kaisers's Tengelmann nahm Tiefkühl-Lasagne der Hausmarke „A&P" aus dem Verkauf.

Deutschlands zweitgrößter Lebensmittelhändler Rewe teilte mit, von den bisher im Pferdefleisch-Skandal ins Zwielicht geratenen Lieferanten bezögen weder das Unternehmen selbst noch die Tochterfirmen Penny oder Toom Ware. Rewe lägen außerdem von allen Eigenmarken-Herstellern Bestätigungen vor, dass kein Pferdefleisch bei der Produktion verwendet worden sei. Auch die Großhandelskette Metro Cash & Carry bekräftigte, bislang gebe es keine Hinweise auf mögliche Verunreinigungen angebotener Produkte mit Pferdefleisch. Man nehme das Thema aber sehr ernst.

—mit Material von dapd

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Preisvergleich

  • [image]

    Die teuersten Hotelstädte Europas

    Paris, London, Berlin, Lissabon: im Sommer locken Städte die Urlauber. Bei den Zimmerpreisen sind die Unterschiede groß. Wir zeigen, wo Touristen sich das Hotel leisten können - und in welchen Städte die saftigsten Preise fällig werden.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 27. Juli

    Ein Roboter will per Anhalter in ein Museum reisen, ein Kind leidet unter dem Krieg in Gaza, ein Ire schnorchelt im Schlamm und die Tour de France ist zu Ende - schauen Sie sich unsere Fotos des Tages an!

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.

Erwähnte Unternehmen