• The Wall Street Journal

Heimspiel für Wolfgang Schäuble am Aschermittwoch

    Von ANDREAS KISSLER

FELLBACH--Es ist ein Heimspiel für Wolfgang Schäuble. Beim Politischen Aschermittwoch seiner Stammpartei, der baden-württembergischen CDU, war der Bundesfinanzminister als Gastredner geladen. Ehrengast sozusagen in der Familie, denn der Gastgeber war Thomas Strobl, baden-württembergischer Landesvorsitzender der Christdemokraten und Schäubles Schwiegersohn.

Wohl vor allem dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass sich der spröde Finanzminister zwischen zwei finanzpolitischen Mammutveranstaltungen - dem Treffen der Eurogruppe in Brüssel und der kommenden Sitzung der Finanzminister aus den 20 führenden Industrie- und Schwellenländern in Moskau - in die südwestdeutsche Provinz begab, in die Stadt Fellbach im Rems-Murr-Kreis vor den Toren Stuttgarts. "Gestern Brüssel, heute Fellbach, morgen Moskau", sagt Strobl.

Associated Press

Auf dem Weg von Brüssel nach Moskau hat Wolfgang Schäuble anlässlich des Politischen Aschermittwochs einen Zwischenstopp in Fellbach eingelegt. Dort hatte die baden-württembergische CDU den Bundesfinanzminister als Gastredner eingeladen.

Es ist ein Stück politischer Erdung, das Schäuble in die Alte Kelter, ein Veranstaltungszentrum in einem historischen Fachwerkbau, in dem früher Trauben aus den umliegenden Weinbergen gekeltert wurden, geführt hat - vielleicht auch Pflichtbewusstsein und bestimmt der beginnende Wahlkampf. Tatsache ist, Schäuble macht seine Sache gut, in dem Ambiente, das sonst so gar nicht seins zu sein scheint, im lärmenden Sog dieses politischen Aschermittwochs in biergeschwängerter Atmosphäre des ausklingenden Karnevals.

Knapp 2.000 Besucher sind gekommen und damit "so viele wie noch nie", wie der CDU-Kreisvorsitzende Joachim Pfeiffer konstatiert. Um dem Ansturm Herr zu werden, wurden eigens Stehplätze eingerichtet, deren Inhaber für ihre Beharrlichkeit mit einem Freibier belohnt werden. Der Politische Aschermittwoch der CDU in dem 44.000-Einwohner-Ort Fellbach ist nach demjenigen der CSU in Passau bundesweit die zweitgrößte Veranstaltung der Union dieser Art.

Maultaschen mit Zwiebelschmelze

Bei Maultaschen mit Zwiebelschmelze, Weißwurst und Brezel, Bier und zünftiger Blasmusik fällt das Reden leichter. Doch klar ist auch: Dies ist bitterer politischer Ernst und der Beginn einer neuen Phase im Wahlkampf für die Bundestagswahl, für die Schäuble wieder als Spitzenkandidat der baden-württembergischen CDU antreten dürfte.

Der Badener spricht weit über eine Stunde, spannt in seiner Rede den Bogen vom allgemeinen Begriff der Freiheit über die Krisen- und EU-Politik bis hin zur deutschen Haushaltslage und - natürlich - der kommenden Bundestagswahl. Er spart auch nicht mit Selbstironie, wenn er sagt, Finanzminister sei er seinerzeit "zu meiner eigenen Überraschung und zum Entsetzen vieler" geworden.

Über seinen Amtsvorgänger Peer Steinbrück spottet Schäuble. Er nennt den SPD-Kanzlerkandidaten "verbiestert" und ätzt über dessen Probleme bei der Kandidatur ebenso wie gegen die "Kavallerie", die der undiplomatische Hamburger seinerzeit in die Schweiz schicken wollte. "Manchmal kommt es einem schon komisch vor, also, es gibt ja nicht mehr viele Fettnäpfchen", sagt Schäuble unter dem Gelächter der Anwesenden. "Vielleicht liegt es daran, dass er das Gegenteil von dem vertreten muss, was er früher für richtig gehalten hat." Bei anderer Gelegenheit hat Schäuble einmal im Bundestag gesagt, Steinbrück tue ihm eigentlich leid - hier braucht er das nicht extra zu betonen.

"Stur und unbeirrbar"

Doch bei allem innenpolitischen Fokus eines solchen Aschermittwochs-Stammtisches, Schäuble wäre nicht Schäuble, wenn er die Gelegenheit nicht dazu nutzen würde, den Europäern und ihren weltweiten Partnern die von Deutschland längst erkannte Notwendigkeit der strikten Budgetkonsolidierung vor Augen zu halten. "Stur und unbeirrbar" werde Deutschland seinen Weg als Stabilitätsanker und Wachstumslokomotive in Europa fortsetzen.

Den USA schreibt er gar ins Stammbuch, sie sollten dem Beispiel der Eurostaaten folgen, die ihre Haushaltsdefizite insgesamt in den vergangenen drei Jahren halbiert hätten. "Übermorgen treffe ich in Moskau die amerikanischen Kollegen", sagt er mit Blick auf die kommende Sitzung der Finanzminister und Notenbankchefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer, der G-20, in der russischen Hauptstadt. "Denen werde ich sagen: Wenn ihr euch die Eurozone als Vorbild nehmen würdet."

Schäuble ist ganz eindeutig schon im Wahlkampfmodus. Fast scheint es, als genösse der 70-jährige Politikveteran diese Auszeit in einem schwäbischen Bierkeller am Aschermittwoch zwischen der immergleichen hektischen Betriebsamkeit der Gespräche mit den immergleichen internationalen Partnern über die immergleichen Themen: Eurokrise, Zypern, Finanzmarktregulierung, Bankerboni, die SPD. Und doch rekurriert er auf all diese Themen professionell wie gewohnt.

Nachdenklich in der Menge

Zu Beginn der Veranstaltung, nach einem mühsamen Einzug mit Blaskapelle quer durch die Halle, sieht es zunächst noch danach aus, als mache die ungewohnte Veranstaltung dem Finanzminister Mühe. Nachdenklich sitzt er da zunächst in der tobenden Menge.

Sicher sind Biertische auch Schäubles Sache nicht. Und doch scheint er sich mit Fortdauer der immer turbulenteren Veranstaltung zunehmend und für alle sichtbar wohler zu fühlen. Und so spricht er bei seinem Heimspiel befreiter denn je über die Themen, die die Welt und deren Finanzmärkte dieser Tage elektrisieren.

Am Ende hinterlässt Schäuble Zuhörer, denen er geboten hat, was sie von ihrem Landsmann aus dem fernen Berlin zwischen Brüssel und Moskau erwartet haben. "Ich fand das gut, weil er die Politik, für die er steht, gut rübergebracht hat", sagt der 18-jährige Fabian Zahlecker stellvertretend für viele. "Das war aufgelockert."

So feiern sie Schäuble zum Schluss mit minutenlangem Applaus, fast wie bei einer Kandidatenkür. Der Bundesfinanzminister nimmt das stoisch und bescheiden hin. Auch als die Halle dann heimatverbunden Lieder intoniert, gehört Schäuble nicht zu denen, die schmettern. Das scheint doch nicht seins zu sein an diesem Aschermittwoch in Fellbach.

Kontakt zum Autor: andreas.kissler@dowjones.com

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