• The Wall Street Journal

Abtrünnige Libor-Banken erhielten Drohbriefe

    Von DAVID ENRICH
dapd

Finanzbezirk Canary Wharf in London: Die britische Finanzaufsicht macht Druck auf Banken, damit der Skandalzins Libor nicht auch noch den letzten Rest seiner Glaubwürdigkeit verliert.

Nach dem verheerenden Manipulationsskandal versucht die britische Finanzaufsicht FSA mit aller Macht den Interbanken-Leitzins Libor vor dem Untergang zu bewahren. Sie verschickte vor kurzem barsche Warnbriefe an eine Handvoll von Großbanken, die mit dem Gedanken spielten, aus dem Libor-Beschlussgremium auszusteigen. Das berichten Personen, die davon wissen.

Auch die französische BNP Paribas und die holländische Rabobank hätten ein solches Schreiben bekommen. Darin hätten die Finanzaufseher die Banken vor einem Ausstieg gewarnt, sagen die Insider. Zuvor hatten die Banken beim Verband British Bankers' Association (BBA), der den Libor organisiert, durchblicken lassen, dass sie das Libor-Beschlussgremium in London verlassen wollten. Das hatte sich offensichtlich bis zu den Finanzaufsehern durchgesprochen, die einen Kollaps des Leitzinses nun entschlossen verhindern wollen.

Der Libor ist der Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Er regelt weltweite Transaktionen in Billionenhöhe. Aber sein Ruf ist massiv ramponiert, weil einige Banken versucht hatten, den Libor-Satz zu manipulieren. Das war möglich, weil sich das Gremium, das den Zinssatz festlegt, nach wie vor auf Schätzwerte der beteiligten Banken verlässt. Diese melden regelmäßig, zu welchem vermeintlichen Preis sie von anderen Banken Geld leihen.

Am liebsten gar nicht mehr mitmachen

Nach dem großen Skandal, im Zuge dessen schon die britische Bank Barclays, die UBS und die Royal Bank of Scotland insgesamt rund 2,5 Milliarden Dollar Strafe zahlen mussten, fürchten sich Banken zunehmend vor der Teilnahme an solchen Leitzins-Beschlüssen. Nach Auskunft von Branchenvertretern leihen sich Banken wegen der turbulenten Wirtschaftslage untereinander weniger Geld. Das mache es schwerer, die Ausleihungskosten akkurat einzuschätzen. Immer mehr Banken empfänden es deshalb als Belastung, an der Festsetzung von Branchenzinsen wie dem Libor mitzuwirken. Sie würden am liebsten gar nicht mehr mitmachen.

Marktaufseher und Politiker aber fürchten nun, dass der Libor den letzten Rest seiner Glaubwürdigkeit einbüßen könnte, wenn Großbanken reihenweise aus dem Prozess aussteigen würden.

Mit ihren Verwarnungen hat die FSA die Branche jetzt ordentlich zusammengestaucht. Ein leitender Bankenmanager, der einen solchen Drohbrief gelesen hat, hält das Vorgehen der Behörden für harsch. Das Schreiben vermittelt ihm zufolge den Eindruck, dass eine Bank – wenn sie tatsächlich beim Libor nicht mehr mitmachen würde – ihre guten Beziehungen zur FSA aufs Spiel setzen und bei den laufenden Ermittlungen zum Betrugsskandal in Ungnade fallen könnte.

Wie der Bankmanager weiter mitteilt, habe seine Bank wegen des brüsken Tons in dem Schreiben beschlossen, die Ausstiegspläne vorerst ad acta zu legen.

Eine Person, die sich mit der Position der FSA auskennt, sagt, die Aufseher erfüllten lediglich ihre Pflicht und versuchten, Stabilität am Finanzmarkt zu gewährleisten. „Wenn eine Bank geht, könnten alle anderen auch gehen", sagt diese Person.

Aufseher haben langfristig kaum Macht

Im vergangenen Jahr schon hatte der führende FSA-Mitarbeiter Martin Wheatley betont, wie wichtig es sei, dass die Branche den Libor auf breiter Front unterstütze. Wheatley hatte zuvor den gesamten Libor-Beschlussprozess überprüft und Reformvorschläge erarbeitet. In seinem Endbericht schrieb er damals aber auch, dass die FSA zurzeit nur beschränkte Macht besitze, um Banken zur Teilnahme am Libor zu zwingen. Das sei eine potenzielle Gesetzeslücke.

„Ihre derzeitigen Befugnisse erlauben es der FSA zwar, vorübergehend solch eine Verpflichtung zu verhängen", um etwa die Marktstabilität zu gewährleisten, schrieb Wheatley. Aber ihre Befugnisse reichten nicht aus, um Banken „langfristig, anhaltend" zur Teilnahme am Libor zu verpflichten.

Nach Wheatleys Bericht verschickte die FSA eine erste Ladung Briefe an alle Banken, die im Londoner Beschlussgremium des Libors sitzen. Sie schrieb darin, dass sie von einer weiteren Teilnahme ausgehe, sagt eine Person, die den Inhalt des Briefes kennt. Außerdem erklärte die FSA darin, sie habe ihrer Meinung nach die Macht, Banken zum Mitmachen zu zwingen – zumindest kurzfristig.

Trotz des ersten Briefes gestanden mindestens zwei Banken dem Bankenverband BBA, dass sie beim Libor aussteigen wollten. Diese Banken erhielten daraufhin einen weiteren FSA-Brief, in dem die Behörde ausdrücklich vor einem Ausscheren warnte, sagen Personen, die den Brief kennen.

Beim Leitzins Euribor sind einige schon ausgestiegen

Verschiedene Banken, darunter auch die holländische Rabobank, halten es inzwischen für derart riskant, bei solchen Leitzins-Beschlüssen mitzuwirken, dass sie schon keine Daten mehr für den Euribor bereitstellen. Der Euribor ist der Interbankenzins für Termingeschäfte, die in Euro abgewickelt werden. Der Zusammenschluss mit Sitz in Brüssel, der den Euribor ermittelt, rief Banken im Dezember öffentlich auf, doch bitte auch weiterhin teilzunehmen.

Aber der Euribor leidet weniger stark, wenn sich einzelne Banken zum Ausscheiden entscheiden. Momentan liefern dem Euribor-Beschlussgremium täglich 39 Banken ihre Zinsdaten. Den Libor dagegen setzen viel weniger Banken fest: Selbst die größte Untergruppe, die den auf US-Dollar lautenden Libor-Interbankenzins festlegt, besteht nur aus 18 Mitgliedern. Und in den kleineren Ausschüssen, die etwa den Zins für Kreditgeschäfte in dänischen und schwedischen Kronen festlegen, sitzen sogar jeweils nur sechs Banken.

Eine der Empfehlungen von Aufseher Wheatley lautete, gerade diese kleineren Libor-Ausschüsse abzuschaffen. Der Bankenverband BBA will dies bis Mai erledigt haben. Außerdem schlug Wheatley vor, dass nicht der BBA, sondern eine andere Organisation die Aufsicht über den Libor führen solle. Dem hat der Bankenverband schon zugestimmt. Noch aber sucht die britische Regierung eine passende Nachfolgeorganisation.

Nach Angaben des BBA hat das letzte Mal im Juni eine Bank den Libor verlassen. Mehr wollte er dazu nicht sagen.

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