• The Wall Street Journal

Chinas Bauboom geht auf Kosten der Bauern

    Von TOM ORLIK

Eine Frau verkauft Bauschutt, den sie gesammelt hat. Systematisch werden in China Bauern von ihrem Land vertrieben.

CHENGDU—Fu Liang fährt mit seinem zerbeulten Auto zur Neubausiedlung Goldenes Seeufer. Er parkt die Schrottkiste vor einer Ansammlung von Luxusvillen. In den Vorführräumen hängen Kronleuchter von der Decke. Mit Samt bezogene Polstermöbel beschwören die Vorstellung herauf, man befinde sich in einer Art Toskana für Neureiche.

"Hier stand mein Bauernhof", sagt Fu.

Die Villa, die jetzt dort steht, wo er einst wohnte, kann er sich natürlich nicht leisten. Systematisch schikaniert habe man ihn, erzählt der frühere Fischzüchter. So lange, bis er im Dezember 2010 sein kleines Grundstück aufgab. Gerade einmal neun Yuan pro Quadratmeter, das sind umgerechnet rund ein Euro, zahlte ihm die Kommunalverwaltung dafür.

Ein neuer Käufer war schnell zur Stelle. Das Grundstück wurde umgehend an einen Immobilienentwickler weitergereicht - für 640 Yuan (76 Euro) pro Quadratmeter, wie Zahlen einer nationalen Datenbank über Grundstückstransaktionen zeigen. Die Firma zog die Villen hoch und verkauft sie jetzt zu 6.900 Yuan (815 Euro) pro Quadratmeter.

Arbeit hat Fu jetzt keine mehr. Er zählt zu dem Heer Abertausender früherer Bauern, die in den verarmten Randbezirken von Chengdu, einer Stadt im Südwesten von China, mehr schlecht als recht untergekommen sind. Für einen Neuanfang fehlen ihm Kraft und Mut. "Wozu denn, wenn die Regierung alles einfach so zerstören kann?" fragt er.

Was ihm widerfahren ist, weist auf die größte Spannungslinie in der chinesischen Gesellschaft hin - den Streit um Landbesitz. Dieser Konflikt stellt die größte Bedrohung für den künftigen Staatspräsidenten Xi Jinping dar, der versuchen muss, die fragile soziale Stabilität im Land zu stärken und die Wirtschaft auf eine tragfähige Bahn zu lenken.

Fu Liang steht auf dem Grundstück, das einst ihm gehörte.

Die Ursache des Problems steckt in einem Wirtschaftsystem, das den Kommunen und den Entwicklungsgesellschaften ermöglicht, gewaltige Gewinne einzustreichen, wenn sie mit Bauern, die sich rechtlich kaum dagegen wehren können, einseitige Grundstücksgeschäfte abschließen.

Diese missliche Situation trägt ihren Teil dazu bei, dass die Einkommen in China so ungleich verteilt sind. Die Kluft in der Einkommensverteilung wiederum ist für das unausgeglichene Wirtschaftswachstum mitverantwortlich. Gewinner und Verlierer prallen aufeinander. Auf der einen Seite stehen die städtischen Eliten, die eine der ausgeprägtesten wirtschaftlichen Blütenzeiten der Geschichte nach oben getragen hat. Auf der anderen Seite ballt sich die ländliche Unterschicht mit 650 Millionen Chinesen, die immer schneller abgehängt werden.

Jahrzehnt des Turbowachstums

Gestützt von einer schnellen Urbanisierung legte China ein Jahrzehnt des Turbowachstums hin. Zwischen 2001 und 2012 kletterte das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Schnitt um fast zehn Prozent im Jahr. Die Städte durften ungehindert wuchern, und Land war zu künstlich niedrigen Preisen zu erstehen. Und deshalb gerieten die Gesamtinvestitionen in Fabrikanlagen, Immobilien und Infrastruktur außer Kontrolle. Ihr Anteil lag im Jahr 2011 bei mehr als 48 Prozent des BIP gegenüber 36,5 Prozent im Jahr 2001.

Da ihre Eigentumsrechte nicht gesichert sind, fehlt den chinesischen Landwirten der Anreiz, Geld in die Verbesserung ihrer Erträge zu stecken. Und sie können nichts verkaufen, um damit ihren Umzug in die Stadt zu finanzieren. Millionen von Bauern, die von ihren Äckern vertrieben wurden, wurden mit Kleinstbeträgen für ihren Grund und Boden abgespeist. Dazu kommt, dass sie kein Anrecht auf Sozialleistungen haben, weil sie nicht als Stadtbewohner registriert sind. Und deshalb fristen viele ehemalige Bauern in den Außenbezirken der Städte ein Leben in Armut.

In kaum einem anderen Land der Welt sind die Einkommen so ungleich verteilt wie in China. Zu diesem Schluss kam jüngst eine Studie der Universität für Finanzen und Wirtschaft in Chengdu. Wie es die Regierung vor diesem Hintergrund schaffen will, den Konsum in einen Motor des chinesischen Wirtschaftswachstums zu verwandeln, ist unklar.

Tim Franco for The Wall Street Journal

In Chengdu wird auch ein neuer Bahnhof gebaut.

Bevor er aus dem Amt ausscheidet, will Premier Wen Jiabao seinem Ruf als Reformer noch einmal gerecht werden und in einem letzten Anlauf die ländlichen Bodenrechte stärken. Ende November unterstützte der chinesische Staatsrat eine Gesetzesänderung, die es den Regionalregierungen erschweren würde, sich Land anzueignen. Und falls es doch dazu käme, sollten die Bauern zumindest eine höhere Entschädigung erhalten.

Bis Oktober 2009 führte Fu Liang ein recht zufriedenes Leben. Seine Fischzucht, die er nun seit fast zwanzig Jahren betrieb, blühte und gedieh. Doch dann wurde ihm eine Anweisung zugestellt, die sein bisheriges Leben auf den Kopf stellte. Die Kommunalverwaltung des Distrikts Wenjiang außerhalb von Chengdu forderte ihn auf, das Haus, das er für seine Familie gebaut hatte, zu verlassen und seine Fischzucht aufzugeben.

Kein ungewöhnlicher Schicksalschlag

Er setzte sich zunächst zur Wehr. Doch Ende 2010 gab er schließlich auf. Er hatte den Schikanen und dem Vandalismus nichts mehr entgegenzusetzen, mit denen er und sein Gehöft überzogen worden waren. Die Störmanöver seien von Lokalpolitikern eingefädelt worden, sind sich Fu und andere sicher. Fu packte und ließ alles zurück.

Der Teich, in dem er seine Fische aufzog, wurde zugeschüttet. Der frühere Ackerboden von Fu und einigen seiner Nachbarn ist dem Luxusvillenkomplex toskanischer Anmutung gewichen. Der Bau steht kurz vor dem Abschluss und wird der Kommune und der Entwicklungsgesellschaft bald Einnahmen über Abermillionen von Yuan in die Kassen spülen.

Der Schicksalsschlag, der Fu getroffen hat, sei ganz und gar nicht ungewöhnlich, weiß Huang Qi. Der Rechtsaktivist berichtet in chinesischen sozialen Medien regelmäßig über Landnahmen. Bei ihm gingen Berichte über tausende solcher Fälle im Jahr ein. Forscher an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften schätzen, dass mittlerweile 40 bis 50 Millionen ehemalige Landwirte ohne Grund und Boden dastehen.

Die Polizisten vor Ort, die mit Fus Fall betraut waren, verwiesen Fragen zu dem Vorgang an die Polizeidienststelle in der Stadt weiter. Dort blieben die Kommentaranfragen unbeantwortet. Gemäß chinesischem Recht sind die Kommunalverwaltungen mit umfassenden Befugnissen ausgestattet, wenn es darum geht, Land im öffentlichen Interesse in Besitz zu nehmen.

Er hätte von seiner kleinen Fischzucht ganz auskömmlich leben können, bevor die Regierung den Wasserzulauf blockierte und seine Fische verendet seien, erzählt der 44-jährige Fu und lächelt gequält. Jetzt muss er mit weit weniger auskommen. Einige frühere Kollegen hätten sich Hilfsjobs auf dem Bau gesucht, oder arbeiteten bei Sicherheitsdiensten oder in der Fabrik, um sich über Wasser zu halten.

Immobilienboom in China auf dem Höhepunkt

Als Fu sein Land verlor, näherte sich der chinesische Immobilienboom, der bereits zehn Jahre währte, seinem Höhepunkt. Die Banken vergaben mehr Kredite und heizten damit den ohnehin schon frenetischen Bauwahn noch weiter an. In der Provinz Sichuan, in der Fu lebt, wurden 2012 Wohnimmobilien über rund 225 Millionen Quadratmeter hochgezogen.

Dass weiter in einem Höllentempo in den Bau von Immobilien investiert wird, macht sich in der Elf-Millionen-Stadt Chengdu überall bemerkbar. Dichter Staub hängt in der Luft, beständig wird gehämmert und gebohrt. Halb fertiggestellte Wohn- und Geschäftstürme ragen in den Himmel. An einem Rohbau weht ein Spruchband im Wind. "Die wissenschaftliche Entwicklung vorantreiben und die soziale Harmonie fördern" ist darauf zu lesen - eine Lieblingsphrase des chinesischen Präsidenten Hu Jintao. Fu deutet auf ein Gewirr an Überführungen, die sich wie Nudeln in einer Schüssel ineinander schlingen. "Vor ein paar Jahren war das alles hier Ackerland", bemerkt er.

Sein Grundstück ist bei weitem nicht das einzige, das hier den Planierraupen zum Opfer fiel. Yan Tafeng hat eine ganz ähnliche Geschichte zu erzählen. Sie hatte in ihrem Haus am Stadtrand von Chengdu Zimmer vermietet und ganz hübsch dazuverdient, berichtet sie. Ihre Familie baute auf einem angrenzenden Feld auf rund 1300 Quadratmetern Getreide an, davon lebte sie hauptsächlich. Aber 2006 schickte die Gemeindeverwaltung Polizisten und Schläger vorbei, um die Familie aus dem Haus zu jagen und das Grundstück einzuebnen. Ihr 72-jähriger Vater sei dabei so schwer verprügelt worden, dass er ins Krankhaus eingeliefert werden musste und später starb, sagt sie.

Wang Xiaoyang, ein Gemeindeangestellter und Nachbar von Yan, streitet ihre Schilderung der Ereignisse ab. Gewalt sei bei der Übernahme des Grundstücks überhaupt nicht im Spiel gewesen, behauptet er. Yan habe eine unsinnig hohe Entschädigung verlangt. "Sie redet Blödsinn", sagt er. "Ich glaube, sie hat ein psychisches Problem oder versucht, die Regierung zu erpressen."

Tim Franco for The Wall Street Journal

He Xiaoping mit einem Foto ihres Mannes, der nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei im Gefängnis sitzt.

Fährt man etwa eineinhalb Stunden lang ins Landesinnere, erreicht man Yangma. Hier könnte He Xiaoping im Jahr umgerechnet rund 1.200 Euro mit dem Verkauf von Getreide auf dem örtlichen Wochenmarkt verdienen. Das war in etwa ihr Jahresverdienst, den sie auf einem rund 2.000 Quadratmeter großen Feld erwirtschaftete. Doch dann kam die Kommunalverwaltung, teilte das Land im Dorf mit einer Mauer ab und lud tonnenweise Bauschutt auf ihrem Ackerboden ab. Das Feld war nicht mehr zu bestellen. "Der Boden war sehr gut. Jetzt wächst hier fast nichts mehr", klagt He.

Ihr Mann, ihre Schwester, ihr Schwager und zwei Nachbarn sitzen seit mehreren Monaten im Gefängnis. Im August war es auf den Feldern der Bauern zu einer Auseinandersetzung mit Hunderten von Polizisten gekommen. "Protestiere ruhig", habe ein Beamter zu ihr gesagt. "Der erste Vogel, der sein Köpfchen hebt, kriegt eine Kugel ab."

Die Kinder ihrer Schwester und ihres Schwagers, sechs und zwölf Jahre alt, leben bei ihrer 70-jährigen Großmutter, solange die Eltern im Gefängnis festgehalten werden, berichtet He. "Sie vermissen ihre Mama." He selbst bebaut weiter einen kleinen Ackerstreifen, der von der Regierung verschont wurde. Der Leiter der örtlichen Polizeidienststelle lehnte es ab, Fragen zu Hes Fall zu beantworten.

Bauern wie Fu, Yan und He wäre nie ihre Lebensgrundlage entzogen worden, wenn den Kommunen und Immobilienentwicklern bei der Landnahme nicht massive finanzielle Anreize winkten.

Angesichts des enormen Unterschieds zwischen den Beträgen, mit denen die Landwirte entschädigt werden, und dem Verkaufspreis an die Entwickler fallen für die Kommunen erkleckliche Einnahmen ab. "Die Ausgleichszahlungen an die Bauern basieren auf dem landwirtschaftlichen Wert des Bodens. Aber der Marktwert für eine nicht-landwirtschaftliche Nutzung, zu dem die Kommune das Land losschlagen kann, ist viel höher", erklärt Li Ping, ein Experte für chinesisches Bodenrecht am Landesa Rural Development Institute, einer gemeinnützigen Organisation aus Seattle mit einer Niederlassung in Peking.

Kommunen verdienen daran

Im Jahr 2011 hatte Landesa 17 chinesische Provinzen unter die Lupe genommen und herausgefunden, dass die Abfindung, die die Regierung den Landwirten gewährte, im Schnitt nur zwei Prozent des Marktwerts des Bodens erreichte.

In ganz China steuerte der Verkauf von Grundstücken, die den Bauern für wenig Geld abgenommen worden waren, 26 Prozent der Einnahmen der Kommunen bei, geht aus Daten des Finanzministeriums hervor. Die Erlöse wurden teilweise dazu verwendet, Kredite zurückzuzahlen, die die Kommunalverwaltungen im Zug der chinesischen Maßnahmen zur Konjunkturbelebung im Jahr 2009 aufgenommen hatten.

In den Musterzimmern der Wohnanlage Goldenes Seeufer, die teilweise auf Fus Ackerland errichtet wurde, liegen Hochglanzbroschüren aus. Sie versprechen die Rückkehr zu "einer zivilisierten Stadt". Für die Hälfte der Villas habe man bereits Käufer gefunden, berichtet der Verkäufer des Entwicklers Chengdu Jin Zun Real Estate Development, einer Tochter des Mischkonzerns Zhejiang Topchance Group. Wenn alle 88 Wohneinheiten verkauft wurden, dürfte die Immobiliengesellschaft Einnahmen über rund 200 Millionen Yuan oder umgerechnet 23,6 Millionen Euro eingestrichen haben.

Die Manager von Chengdu Jin Zun waren trotz wiederholter Versuche nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Die Grundstücke der Bauern werden vor dem Verkauf frei geräumt, und die Grundstücksentwickler sind daran normalerweise nicht direkt beteiligt.

Werden Immobilien entwickelt, steigen die Steuereinnahmen und Erträge der Kommunen. Und an diesen beiden Kennzahlen werden Beamten gemessen, die befördert werden wollen. Die Investitionen in Immobilien erhöhten sich im Jahr 2012 auf 13,8 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung. Im Jahr 2001 hatten sie bei nur 5,7 Prozent des BIP gelegen.

Klagen laufen ins Leere

Doch nicht nur direkt, auch indirekt scheinen die Lokalpolitiker von der Bautätigkeit zu profitieren, beobachten einige Volkswirte und verweisen auf das so genannte graue Einkommen. Auch wenn sie als Beamte offiziell nur mit einem bescheidenen Gehalt zurechtkommen müssen, "rauchen sie alle Chunghwa", sagt Liu Mengjia, ein Nachbar von He, und meint damit die Zigarettenmarke, die zu den teuersten in China zählt.

In diese Richtung weist auch eine Studie aus dem Jahr 2008, die Wang Xiaolu von der Pekinger Forschungsgruppe China Reform Foundation geleitet hat. Damals kam heraus, dass das Einkommen der reichsten Stadtbewohner Chinas mehr als dreimal so hoch war wie offiziell angegeben. Schmier- und Bestechungsgelder sorgten in einigen Fällen für eine erhebliche Aufbesserung des Gehalts.

Als jüngst in der Provinz Sichuan bei Korruptionsermittlungen eine härtere Gangart angeschlagen wurde, erwischte es auch den stellvertretenden Parteisekretär. Das Tempo, in dem unter der Ägide von Li Chuncheng Grundstücke für neue Bauvorhaben planiert wurden, war so rasant, dass der Beamte allerorten nur noch Li Chaicheng genannt wurde - ein Wortspiel, das sich mit "Li zerstört die Stadt" übersetzen lässt. Am 2. Dezember wurde Li von der einflussreichen Zentralkommission für Disziplinkontrolle festgenommen, wie staatliche Medien meldeten. Führende Beamte, gegen die ermittelt wird, stehen gewöhnlich für Stellungnahmen nicht zur Verfügung. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Beamten, die in die Fälle von Fu, He und Yan involviert waren, korrupt sind.

Doch nicht nur das Wirtschaftssystem wirkt sich zum Nachteil der Bauern aus, auch der rechtliche Rahmen spricht gegen sie. Wenn es darum geht, Land zu beschlagnahmen, sind den chinesischen Kommunen kaum Grenzen gesetzt.

Fu versucht, die Kommunalverwaltung auf Zahlung einer Entschädigung zu verklagen, und wird seit zwei Jahren wie auf einer Schnitzeljagd hin- und hergeschickt. Wenn er danach fragt, wie die gesetzliche Basis für die Landübernahme aussieht, werde er entweder ganz ignoriert oder mit Falschinformationen in die Irre geführt, erzählt er. Ruft er bei der Gemeinde an, nehme niemand sein Gespräch entgegen. Wenn sein Fall überhaupt vor Gericht kommt, dann wird sich das Amtsgericht seiner annehmen. Und dann könnte die Regierungsseite Einfluss auf den Ausgang des Verfahrens nehmen, fürchtet er.

Schlägertrupps warten auf die Kläger

Yan ist, nachdem sich vor Ort nichts bewegte, mit ihrem Fall nach Peking gezogen. Sie reiht sich damit in eine alte chinesische Tradition ein, auf nationaler Ebene Schadensersatz für Klagen einzufordern, die eigentlich die Kommunalregierung betreffen. Doch obwohl sie in den vergangenen zwei Jahren mehrmals die beschwerliche 24-stündige Bahnfahrt in die Hauptstadt auf sich genommen hat, steht sie immer noch mit leeren Händen da.

Denn gewöhnlich ende ihre Bahnfahrt in Peking damit, dass ein Schlägertrupp sie in einen Laster wirft. Sie würden von der Regierung in Chengdu losgeschickt, und sollten verhindern, dass sie die Provinzgranden an höherer Stelle bloßstellt. "Auf der Rückfahrt dürfen wir nichts essen und auch nicht auf die Toilette", berichtet Yan. "Aber wenigstens müssen wir uns keine Rückfahrtkarte für den Zug kaufen." Der Regierungsbeamte Wang, der in der Nachbarschaft von Yan wohnt, weist ihren Bericht zurück, auch ihren Hinweis auf die Schläger.

Doch nicht alle Betroffenen sind derart belastbar. Manche lassen sich auch zu extremeren Schritten hinreißen. Der Rechtsaktivist Huang hat die jüngsten Proteste gegen Landnahmen im Kurznachrichtendienst Twitter dokumentiert. Er hat ein Bild von Wu Xiuhua hochgeladen. In einem verzweifelten Versuch, auf seinen Fall aufmerksam zu machen, setzte der Bauer aus dem nahe gelegenen Chongqing sich selbst in Brand. Er hat überlebt.

Während seine Amtszeit sich ihrem Ende nähert, versucht Premier Wen noch einmal, in Sachen Agrarboden den Bauern zu mehr Rechten zu verhelfen. Ende November hatte der chinesische Staatsrat bereits eine entsprechende Gesetzesänderung befürwortet. Im wichtigsten Strategiedokument der Regierung, das Ende Januar herausgegeben worden war, um die Prioritäten im laufenden Jahr zu signalisieren, nahm der Schutz der Bodenrechte der Bauern ebenfalls breiten Raum ein.

Die Änderung könnte beträchtliche Auswirkungen haben, wenn sie denn angenommen wird, meint der Bodenrechtsexperte Li Ping. "In China kommt es täglich zu missbräuchlichen Landnahmen. Proteste auf dem Land sind üblich, bei einigen stehen Menschenleben auf dem Spiel. Die Revision wird den Grundbesitz der Bauern stärken und so für eine Verbesserung der Lage sorgen", meint er.

Rechtsaktivist Huang aus Chengdu bleibt skeptisch: "Wen war zehn Jahre lang an der Macht und Millionen von Bauern haben ihr Land verloren", sagt er. "Was die Zentralregierung angeht, so hören wir nicht darauf, was sie sagen. Wir beobachten, was sie tun."

—Mitarbeit: Lilian Lin und Yang Jie

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