• The Wall Street Journal

Crowdfunding in Deutschland - Die Pubertät ruft

    Von DIRK ELSNER

Sprach man vor einem Jahr Finanzfachleuten auf Crowdfunding an, erntete man meist ein "Hä?" oder "Kraut was?" Das hat sich im Laufe des letzten Jahres geändert. Fast monatlich sprossen neue Plattformen aus einem fruchtbaren Startup-Boden. Gleichwohl belächelten Finanzprofis den Boom dieser neuen Finanzierungsplattformen, weil sich diese auf Startups konzentrierten und die Finanzierungsobergrenze auf 100.000 Euro beschränkten. Das seien nur Peanuts, hörte ich und uninteressant für ernsthaftes Geschäft.

Crowdfunding-Plattformen vermitteln über ein Internetportal Finanzmittel zwischen großen Gruppen (Crowds), die relativ kleine Beträge investieren, und Einzelunternehmen bzw. Personen, die größere Finanzmittel benötigen. Man findet sie auch unter Bezeichnungen wie Crowdinvesting, Peer-to-Peer-Finanzierung und weiteren Synonymen.

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Dirk Elsner

In einem im September vergangenen Jahres entstandenen Beitrag zum "Corporate Crowdfunding" für das Buch „Finanzdienstleister der nächsten Generation" habe ich für die Ausweitung dieser Finanzierungsform plädiert. Das Konzept ist trotz Kinderkrankheiten zukunftsweisend und für größere Finanzierungsbeiträge und Wachstumsfinanzierungen geeignet, wenn es richtig umgesetzt wird.

Gerade die mittelständische Eigenkapitallücke ist groß und der Zugang zu Beteiligungsgesellschaften umständlich und vergleichsweise teuer. Die bestechende Logik des Crowdfundings drängt sich hier nahezu als Ergänzung zur Fremdfinanzierung (vielleicht auch in Zusammenarbeit mit einer Bank) auf. Auch für reife und risikoorientierte Kapitalanleger ist dies interessant. Sie hatten bisher kaum Möglichkeiten, geringe Beträge in mittelständische oder kleinere Unternehmen zu investieren. Sie konnten dies meist nur indirekt oder über vergleichsweise intransparente Beteiligungskonstruktionen machen.

Die Ende letzten Jahres gestartete Plattform Bankless24 hat nun die ersten Projekte für bestehende Unternehmen platziert und hat dabei gleich die Schwelle von 100.000 Euro überschritten. Die Kölner Plattform United Equity hat ebenfalls die Finanzierung eines Kleinprojekts für ein bestehendes Unternehmens abgeschlossen. Die Dresdner Seedmatch GmbH beschränkt sich zwar weiter auf Startups, hat aber ebenfalls die 100.000er Grenze geknackt.

Alles dreht sich um 100.000 Euro

Dass sich in Deutschland so viel um die 100.000 dreht, hat regulatorische Gründe. Fällt eine Finanzierung hierzulande unter das Vermögensanlagengesetz (VermAnlG), muss ein Verkaufsprospekt erstellt und ein entsprechender formaler Prozess (z.B. Billigung des Prospektes durch die Finanzaufsicht) eingehalten werden. Wird der Beitrag sechsstellig, greift die Prospektpflicht. Das erhöht die Kosten und verzögert den Prozess um 20 bis 60 Tage. Die anspruchsvollen inhaltlichen Mindestanforderungen für den Prospekt hat die Bafin in der so genannten Überkreuz-Checkliste konkretisiert.

Seedmatch konnte die Hürde von 100.000 Euro ohne Prospekt knacken, weil die Prospektpflicht nicht für partiarische Darlehen gilt, einer Darlehenssonderform mit einer am Gewinn oder Umsatz orientierten Ausschüttung.

Einige Beobachter waren skeptisch, ob die höheren Beträge überhaupt funktionieren können. Die ersten Projekte zeigen aber, dass diese 100.000 Euro-Grenze keine Hürde darstellen. Die Plattform Bergfürst, die in diesem Quartal starten will, plant Platzierungen über noch größere Summen, will aber die gesetzlichen Prospektanforderungen ebenso einhalten wie bankless24.

Auch weitere Plattformen - wie die eher professionellere Investoren ansprechende Pionier Innovestment – arbeiten an Angeboten für Wachstumsfinanzierungen, mit denen sie die 100.000 Euro-Grenze knacken wollen. Am oberen Ende positioniert sich außerdem die Plattform P2C mit Finanzierungen via partiarischen Darlehen ab 1 Million Euro und Anlagebeträgen ab 50.000 Euro.

Es ist denkbar, dass sich mit der Form der Informationsbereitstellung für Investoren die Spreu vom Weizen bei den Plattformen trennt. Immer mehr vermögende Personen und Institutionen beginnen sich für Crowdinvestings als alternative Anlageklasse zu interessieren. Die wird man freilich kaum mit zum Teil sehr oberflächlichen Informationen und YouTube-Videos überzeugen können.

Viele Informationspräsentationen betonen - wenig überraschend - die Chancen der Geschäftsmodelle, Risiken werden dagegen meist nur am Rande, in einem Disclaimer oder in den Vertragsunterlagen genannt. Planungen gleichen eher den Wünschen der Gründer und kratzen oft nur die Oberfläche. Den Interessen größerer Investoren nach möglichst hochwertigen und aussagefähigen Daten steht dabei das Bedürfnis der Unternehmen entgegen, nicht zu viel Informationen preiszugeben, die möglicherweise Wettbewerber nutzen können. Daneben kostet Informationstransparenz und könnte Risiken offenlegen, die Investoren abschreckt.

Mangel an Anlagealternativen stützt das Wachstum

Ein Blick in die USA kann Hinweise auf das mögliche Potenzial des Crowdfunding geben. Die beiden größten US-Plattformen Lending Club und Prosper zusammen haben im Mai 2012 die Milliardengrenze bei den Ausleihungen (allerdings für Fremdkapital) überschritten, bei übrigens sehr hohen Wachstumszahlen. Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes sollen sich bereits 2011 in den USA Startups mit 1,5 Mrd. US Dollar per Crowdfunding finanziert haben. 2012 soll sich die Zahl verdoppelt haben. Die 2008 gegründete und seit 2009 aktive Plattform Kickstarter.com sammelte bisher über 410 Millionen Dollar für verschiedene Projekte ein.

Mit dem Überschreiten der 100.000-Grenze und der Ausweitung auf Wachstumsfinanzierungen wird diese Finanzierungs- und Anlagealternative auch in Deutschland eine deutlich größere Bedeutung erlangen. Mittel- bis langfristig könnte sogar ein Potenzial zwischen 15% und 20% am Gesamtfinanzierungsvolumen, das die Bundesbank für 2010 auf netto 128 Mrd. Euro bezifferte, drin sein.

Die Lernkurve vieler Plattformen zeigt steil nach oben. Wir haben 2011 die Geburt in Deutschland erlebt und sahen 2012 die Kinderzeit. Nun erreicht Crowdfunding die Pubertät. Dass das Interesse professioneller Investoren wächst, hat auch mit den niedrigen Zinsen und zunehmend erschöpften Investmentalternativen zu tun. Die erste Bewährungsprobe wird kommen, wenn erste Investments über die Crowd ausfallen und sich herausstellt, dass dabei schlecht, zu wenig oder im schlimmsten Fall sogar falsch informiert wurde.

Bisher ist es den Initiatoren des Crowdinvestings gut gelungen, sich vom zweifelhaften Ruf des "grauen Kapitalmarktes" abzuheben. Ob das dauerhaft gelingt, haben sie selbst in der Hand. Lothar Lochmaier in einer Artikelserie und Marcus Pfeil in seiner Kolumne für das Wall Street Journal Deutschland kritisieren eine gewisse Intransparenz beim Crowdfunding.

Ärgerlich wäre es, wenn der Gesetzgeber Crowdfunding wie den organisierten und grauen Kapitalmarkt reguliert. Das Gegenteil wäre notwendig, insbesondere wenn man die mittelständische Unternehmensfinanzierung stärken will. Die Plattformen sollten sich organisieren und sich für regulatorische Erleichterung einsetzen. Sie täten außerdem gut daran, den Rückenwind für eine weitere Professionalisierung zu nutzen. Klare Transparenzstandards und die Optimierung der Anforderungen an Unternehmen sind dabei nur zwei Bausteine.

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Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.

Kontakt zum Autor: Bankenwandler@wallstreetjournal.de

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