• The Wall Street Journal

Euro-Stärke bedroht die Früchte des Exports

    Von DEBORAH BALL
Associated Press

Italienische Winzer erwägen Preissteigerungen, sollte der Euro weiter aufwerten und die Erträge in Ländern schmälern, wo ihr Wein mit anderer Münze bezahlt wird.

Mit der Aufwertung des Euro verdüstert sich für europäische Unternehmen einer der wenigen Lichtblicke: der Export. Während sich die Heimatmärkte etlicher Firmen in einer langwierigen Schwächephase befinden, haben nicht wenige Unternehmen zwischenzeitlich ihr Glück im Ausland gesucht. Die Ausfuhren sind entsprechend gestiegen, in Spanien etwa machten sie im vergangenen Jahr 35 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Drei Jahre zuvor lag dieser Anteil noch bei gerade einmal 22 Prozent.

Doch die Aufwertung der Gemeinschaftswährung – zum US-Dollar verteuerte sich der Euro seit Juli um 12 Prozent, zum japanischen Yen gar um 35 Prozent auf ein Dreijahreshoch – quält die Unternehmen. Eine stärkere Währung führt dazu, dass exportierte Waren im Ausland teurer werden – und die Wettbewerbsfähigkeit des Währungsgebietes entsprechend sinkt -, so dass am Ende die Profite sinken, wenn der Ertrag nach Hause gebracht wird.

Die Belastung aus der Aufwertung des Euro ist dabei höchst ungleich verteilt: Während deutsche Unternehmen damit vergleichsweise gut fertig werden, können Firmen aus Frankreich und Italien diese weniger gut kompensieren. Wer die Wahl hat, wird die Preise erhöhen oder die Kosten senken. Wer dies nicht kann, für den schlägt die Aufwertung der eigenen Währung erkennbar auf die eigene Bilanz durch.

Die Trennlinie zwischen dem Norden und dem Süden hat dazu geführt, dass Europas Politiker sich darüber streiten, ob sie die Aufwertung der Gemeinschaftswährung bekämpfen sollen. Immerhin hat der Euro aufgewertet, weil die Konjunktur auf dem Kontinent stabilisiert und die Ängste vor einem Auseinanderbrechen des Euro endlich gebannt sind.

Währungsfragen werden Gruppe der 20 beschäftigen

Vertreter der Gruppe der 20 stärksten Wirtschaftsnationen treffen sich Ende der Woche in Moskau, und es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Debatte dort erneut um einen heraufziehenden Währungskrieg drehen wird, von dem einzelne Politiker bereits sprechen.

Ein gutes Beispiel für den Druck, unter dem vor allem südeuropäische Unternehmen zu leiden haben, ist der norditalienische Küchenhersteller Veneta Cucine.

Das Unternehmen, das sich auf schicke Designerküchen spezialisiert hat, musste den starken Einbruch auf dem Heimatmarkt kompensieren und hat begonnen, Küchen vor allem für Hotels und Ferienanlagen in Asien zu produzieren. Die Firma hat ein Team von Designern und Marktforschern zusammengestellt, deren Ziel Kunden waren, die pro Auftrag gleich tausende Küchen bestellen.

Auch zuhause hat Veneta Cucine Anstrengungen unternommen und seine Kosten gesenkt. Doch der starke Euro macht die harte Arbeit teilweise zunichte, indem er die Umsatzmöglichkeiten des Unternehmens beschränkt.

„Wir haben erheblich an unserer Kostenstruktur gearbeitet", sagte Firmeneigner Denise Archiutti. „Aber wir leiden unter dem allgemeinen Mangel an Wettbewerbsfähigkeit in Italien, unter den Refinanzierungskosten und unseren hohen Arbeitskosten hier. Das alles straft uns massiv."

Vor allem Europas Süden leidet

In nicht unerheblichem Maße belastet den Süden Europas, dass die Firmen dort in etwa das Doppelte für Bankkredite aufwenden müssen wie dies die Wettbewerber im Norden tun. Die rigiden Arbeitsgesetze am südlichen Rand der Eurozone tun ein Übriges, dass es schwer wird, die laufenden Kosten effektiv zu drücken. Löhne und Gehälter in Frankreich und Italien gehören zu den höchsten weltweit.

Im Gegensatz dazu haben deutsche Unternehmen mit den Gewerkschaften Verträge ausgehandelt, mit denen sie flexibel auf eine Eintrübung der Konjunktur reagieren können. Außerdem haben sich deutsche Firmen vor allem auf die Fertigung hochpreisiger Güter konzentriert, darunter Luxusautos, hochtechnische Maschinen und andere Nischenprodukte. Deutschen Firmen fällt es in der Mehrzahl deshalb leichter, ihre Preise zu erhöhen, um die Folgen der Euroaufwertung abzumildern.

Mit wenigen Ausnahmen – darunter Luftfahrtechnik und Mode – verkaufen südeuropäische Unternehmen vor allem Standardprodukte, sowohl bei Maschinen als auch bei Automobilen. Ihnen fällt es weniger leicht, die Preise zu erhöhen.

Die Deutsche Bank schätzt, dass deutsche Unternehmen bis zu einem Eurokurs von 1,79 Dollar noch wettbewerbsfähig sind, während französische Firmen im Schnitt schon ab 1,24 Dollar und italienische ab 1,17 Dollar leiden würden. Am Donnerstagnachmittag wird der Euro mit 1,3340 Dollar gehandelt.

Deutsche Konzerne sehen denn auch keine Risiken. Vergangene Woche ließ der Autokonzern Daimler verlauten, ein stärkerer Euro werde das Ergebnis nicht sehr stark belasten. Finanzchef Bodo Uebber erwartet, dass der Betriebsgewinn in diesem Jahr nahe dem Vorjahresergebnis von 8,1 Milliarden Euro liegen wird.

Nur die Deutschen erfreut der starke Euro

Die Spaltung Europas in dieser Frage spiegelt sich auch in der politischen Debatte wider. Der Euro dürfe nicht einfach „den Launen des Marktes" ausgesetzt werden, sagte Frankreichs Staatschef François Hollande erst in der vergangenen Woche. Die Anstrengungen der Eurozone für mehr Wettbewerb dürften nicht „durch einen höheren Euro-Kurs kaputt gemacht" werden, verlangte er.

Aus Deutschland kam es daraufhin zu einer scharfen Erwiderung. Vizekanzler Philipp Rösler sagte, die Eurozone müsse „die Wettbewerbsfähigkeit stärken und nicht die Währung schwächen". Die Statistik hat er auf seiner Seite. Deutschlands Exporte machten im vergangenen Jahr 53 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, hat die US-Bank J.P. Morgan errechnet. 2009 lag der Anteil noch bei 41 Prozent.

"Wir brauchen eine Währung, die es europäischen Unternehmen erlaubt, in der ganzen Welt wettbewerbsfähig zu sein", urteilt unterdessen Carlo Bozotti, Chef des größten europäischen Halbleiterproduzenten STMicroelectronics .

Das Unternehmen aus der Schweiz hat schon erheblich damit zu kämpfen, dass seine Kostenbasis über der liegt, die Wettbewerber in den USA und in Asien haben. Während STMicro nahezu drei Viertel des Umsatzes außerhalb von Europa, dem Nahen Osten und Afrika macht, liegen die großen Werke des Unternehmens in Frankreich und Italien.

Für Bozotti ist deshalb eine Aufwertung des Euro Gift. Steigt der Euro gegenüber dem Dollar um 1 Prozent, so kostet das seinen Konzern im Jahr etwa 30 Millionen Dollar Gewinn auf operativer Ebene.

Auf das Problem reagieren Unternehmen durchaus unterschiedlich. Der Airbus-Mutterkonzern European Aeronautic Defence & Space Co. etwa verkauft seine Produkte überwiegend auf Dollarbasis. Um die Wechselkurseinflüsse zu begrenzen, kauft der europäische Großkonzern deshalb zunehmend im Dollarraum ein. Anteilig am Umsatz summiert sich der Dollareinkauf inzwischen auf 50 Prozent – nach 42 Prozent im Jahr 2007.

Wer kann, erhöht die Preise

Beim Luxusgüterkonzern LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton wird die Eurostärke wohl Folgen haben. Chef Bernard Arnault warnte im Januar, die aufgewertete Gemeinschaftswährung werde die Bilanz negativ beeinflussen und deutete an, dass man darauf vielleicht mit Preiserhöhungen reagieren werde. „Die dunkle Wolke am Horizont … geht von der Entwicklung der Währungen aus", sagte er. Ein starker Euro „hätte Folgen für französische Exportunternehmen und für unsere Gruppe, obwohl wir in einer ganz besonderen Position sind verglichen mit den meisten anderen, weil wir die Preise anheben können."

dapd

Der italienische Waffenhersteller Beretta leidet ebenfalls unter der Euro-Stärke. Die erreichten Kostensenkungen im Heimatland könnten schnell zunichte gemacht werden. Dann droht eine Verlagerung der Produktion in die USA.

Getroffen hat der Euro-Anstieg auch die italienische Waffenschmiede Beretta. Das Unternehmen stellt Dienstpistolen für Polizei und Militärs in aller Welt her und steht vor allem in Asien in Konkurrenz zu amerikanischen Anbietern. Dort werden Waffenlieferungen aber in Dollar beglichen.

Der scharfe Wettbewerb erlaubt es den Italienern nicht, ihre Preise anzuheben, um die erhöhten Kosten in den europäischen Werken auszugleichen. Im Ergebnis erkaufte sich Beretta wichtige Aufträge und die treue maßgeblicher Kunden mit einem nicht unerheblichen Einbruch des Gewinns. Mehr als 90 Prozent der Produktion verkauft Beretta im Ausland.

Jüngst schloss der Waffenhersteller eine Restrukturierung der italienischen Werke ab, wodurch die Kosten um 15 Prozent zurückgefahren wurden. Sollte der Euro weiter aufwerten, könnten jedoch radikalere Einschnitte erforderlich werden. Stiege er über die Marke von 1,40 Dollar, würde das Unternehmen sich vielleicht gezwungen sehen, mehr Fertigung in die USA zu verlegen, wie Generaldirektor Carlo Ferlito sagte. Rund ein Drittel der Produktion findet bereits dort statt.

„Ein gutes Niveau für den Euro läge bei 1,20 Euro", sagte Gianni Zonin, der den italienischen Weinproduzenten Casa Vinicola Zonin führt. Er müsse vielleicht die Preise erhöhen, wenn sich der Euro nicht bald abschwäche. „Wir haben diesen übermäßig starken Euro, der von den Deutschen diktiert wird. Die Deutschen wollen eine starke Währung und scheren sich nicht um die Folgen für Italien, Spanien und Frankreich", schimpft der Winzer.

—Mitarbeit: Vanessa Fuhrmans und Sam Schechner

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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