• The Wall Street Journal

Erste Festnahmen im Pferdefleisch-Skandal

    Von CASSELL BRYAN-LOW und MIMOSA SPENCER
Reuters

Pferdefleisch in einer Spezialmetzgerei in Dortmund. Der Verkauf von Pferdefleisch ist in der EU gestattet - problematisch wird es, wenn Produkte als Rindfleisch verkauft werden, aber tatsächlich Pferdefleisch enthalten.

Die britische Polizei hat drei Verdächtige im Skandal um falsch etikettierte Rinderlasagne festgenommen und zwei Betriebe vorläufig geschlossen. In Frankreich entzogen die Behörden einer Fleischfabrik die Lizenz. Die Fahnder sind alarmiert, nachdem sie in einigen Stichproben schädliche Schmerzmittel-Rückstände fanden.

Im Skandal um Pferdefleisch in Rinderlasagne hat die britische Polizei am Donnerstag drei Verdächtige festgenommen, und französische Behörden haben einem fleischverarbeitenden Betrieb die Geschäftslizenz entzogen. Gleichzeitig entdeckten britische Tiermediziner in Fleischproben geschlachteter Pferde ein Schmerzmittel, das für den Menschen gefährlich sein kann. Damit bekommt der Skandal eine alarmierende Dimension. Nun geht es nicht mehr allein um Etikettenschwindel, sondern auch um Gesundheitsrisiken.

Wie die britische Lebensmittelbehörde mitteilte, fanden sich in acht von 200 getesteten Pferdekadavern Spuren des Medikaments Phenylbutazon (Bute). Die meisten der geschlachteten Tiere, in denen sich Arzneimittelrückstände fanden, seien in Frankreich in die Nahrungskette gelangt, hieß es.

Nach Behördenangaben ist das Gesundheitsrisiko für den Menschen, die das verseuchte Fleisch verzehrt haben könnten, sehr gering. Ein Verbraucher müsse 500 bis 600 Pferdefleisch-Burger essen, um eine gefährliche Dosis abzubekommen, sagte die britische Chefstabsärztin Sally Davies. Das Schmerzmittel werde zum Teil auch Menschen verschrieben, die an schwerer Arthritis leiden, und könne in seltenen Fällen ernsthafte Nebenwirkungen hervorrufen. Es sei aber „extrem unwahrscheinlich", dass Menschen durch den Verzehr von derart verseuchtem Pferdefleisch zu Schaden gekommen seien, sagte Davies.

Auch in Deutschland zieht der Skandal immer weitere Kreise. Nach der Supermarktkette Real entdeckte Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka nicht deklariertes Pferdefleisch in Tiefkühl-Lasagne seiner Eigenmarke „Gut & Günstig". Bundesweit bemühten sich die Behörden am Donnerstag, verdächtige Produkte aus dem Verkehr zu ziehen. Betroffen waren Kühlhäuser in Baden-Württemberg, Brandenburg und Niedersachsen.

Razzia in zwei Fleischfabriken

Britische Behörden nahmen nach einer Razzia in zwei fleischverarbeitenden Betrieben drei Männer aus Wales und West Yorkshire wegen Betrugsverdachts fest. Die betroffenen Fabriken müssen den Betrieb vorläufig einstellen. In Frankreich machte die Polizei den Fleischhändler Spanghero dicht – eine Sparte des französischen Unternehmens Poujol. Spanghero hatte eine weitere französische Firma namens Comigel mit Fleisch beliefert, die dieses dann zu angeblicher Rindfleisch-Tiefkühl-Lasagne weiterverarbeitet hatte.

Je mehr die Fahnder herausfinden, desto komplexer wirkt die weitgespannte europäische Lebensmittelindustrie, in der Fleisch über holländische und zypriotische Händler aus Schlachthöfen in Rumänien in deutsche oder britische Supermärkte gelangt.

Vertreter von Spanghero erklärten am Donnerstag, sie seien selbst getäuscht worden von den Fleischzulieferern. Sie dachten, sie würden tatsächlich Rindfleisch kaufen – so wie es auf den Etiketten stand.

Manager von Comigel wollten sich zu der Sache nicht äußern. Nach Angaben der rumänischen Regierung war das Fleisch beim Verlassen des Landes ordnungsgemäß etikettiert.

Reuters

Laboruntersuchung von angeblichen Rindfleischprodukten in der Schweiz. Der Skandal um den Lebensmittelbetrug mit Pferdefleisch weitet sich aus.

Unter Verdacht steht auch der Fleischlieferant Draap Trading mit Sitz auf Zypern. „Draap" ist das holländische Wort für „Pferd", nur rückwärts geschrieben. Das Unternehmen verkauft aus dem Lager einer niederländischen Firma namens Nemijtek im holländischen Breda Pferdefleisch. Das bestätigte Nemijtek-Direktor Jeffrey Grootenboer. Holländische Ermittler haben ihm zufolge den Betrieb bereits besucht und Stichproben des dort gelagerten Pferdefleischs genommen. Draap verkaufe von seinem holländischen Lager aus jeden Monat zwischen 40 und 100 Tonnen Pferdefleisch, sagte Grootenboer.

Schon einmal wegen Betrugs vor Gericht

Laut Medienberichten war Draaps Direktor im Januar 2012 schon einmal von einem Gerichtshof in Breda wegen Betrugs verurteilt worden. Er soll Pferdefleisch als Rindfleisch verkauft haben. Sein Anwalt bestätigte in einer Erklärung, dass der Direktor im vergangenen Jahr verurteilt worden war. Der Fall habe sich aber auf eine andere Sache bezogen, und es laufe noch ein Berufungsverfahren. Mehr wollte er nicht sagen. Draaps Direktor selbst war nicht direkt zu erreichen. Nach Auskunft des Anwalts halte Draap aber alle Lebensmittelstandards ein und es gelte die Regel: „Was der Kunde bestellt, liefern wir ihm."

Inzwischen hat sich auch die europäische grenzüberschreitende Polizeibehörde Europol eingeschaltet.

Angesichts des sich ausweitenden Skandals forderte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) ein entschlossenes Handeln in Europa. „Nur mit flächendeckenden Tests und einem europaweit einheitlichen Vorgehen werden wir das tatsächliche Ausmaß dieses Falls erfassen können", sagte die Ministerin. Es verfestige sich der Verdacht, dass in diesem beispiellosen Betrugsfall mit hoher krimineller Energie vorgegangen worden sei. Hier seien deshalb nicht nur die Lebensmittelbehörden gefordert, sondern auch Polizei und Justiz.

Der nordrhein-westfälische Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) forderte als Reaktion auf den Pferdefleisch-Skandal vom Lebensmittelhandel eine Internetplattform mit Rückrufaktionen und Hinweisen zu verdächtigen Produkten. „Viele Einzelhändler haben in den letzten Tagen und Wochen stille Rückrufaktionen unternommen, weil sie offenbar schon einen Verdacht hatten." Die Verbraucher hätten davon aber nichts erfahren, kritisierte Remmel. Er rief Unternehmen und Verbände zur vollen Transparenz auf.

Am Freitag will die EU-Kommission die Eckpunkte eines gemeinsamen Aktionsplans vorstellen, der Tausende DNA-Tests bei verarbeitetem Rindfleisch und umfangreiche Untersuchungen von Pferdfleisch auf Medikamente vorsieht. „Wir müssen alles tun, um die Verbraucher zu schützen", unterstützte Aigner die Pläne.

—Mitarbeit: Matthew Dalton, Vanessa Mock und dapd

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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