• The Wall Street Journal

Warum Infrastruktur für den G-20-Gipfel die bessere Baustelle ist

    Von NATASHA BRERETON-FUKUI
Associated Press

Brückenbau in Indien: Nicht selten platzen Bauvorhaben, weil Investoren die Risiken scheuen. Schwellenländer hoffen jetzt, dass ihnen Industrieländer auf dem G-20-Gipfel in Moskau bei der Infrastrukturfinanzierung stärker entgegen kommen.

MOSKAU—Wenn sich die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer am Freitag und Samstag in Moskau zur Lage der Weltwirtschaft beraten, könnte ein Thema die Wogen der jüngsten Währungszankereien glätten: die Frage, wie sich veraltete Brücken und Straßen in den ärmsten Regionen der Welt finanzieren lassen.

Gastgeber Russland hält Infrastrukturinvestitionen für entscheidend, um das globale Wirtschaftswachstum anzukurbeln und hat das Thema deshalb ganz oben auf die Diskussionsliste gesetzt. Arme und reiche Länder dürften gleichermaßen an einer Debatte interessiert sein – die armen, weil ihnen das Geld für wichtige Bauvorhaben fehlt, und die reichen, weil sie zunehmend von der Nachfrage aus Schwellenländern abhängen.

Möglicherweise gelingt es dem heterogenen Haufen der G-20-Staaten, wenigstens in diesem Punkt auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, nachdem der Absturz des japanischen Yen gegenüber anderen Weltwährungen schon einen gehörigen Keil zwischen die weltweiten Exportrivalen getrieben hat.

Der Bedarf ist da: bei Transport, Wasser oder Strom

Angesichts des schwachen Wachstums und der weiterhin trüben Aussichten in vielen Ländern brauche es eine ähnlich starke weltweite Entschlusskraft wie zur Überwindung der Euro-Schuldenkrise, glaubt der indische Wirtschaftsminister Arvind Mayaram. „Investitionen in Infrastruktur könnten einen der effektivsten Anfänge machen", sagt er.

Der Bedarf ist da, weiß Nigel Chalk, leitender Asienanalyst bei der Barclays Bank, der früher in einer führenden Position für den Internationalen Währungsfonds tätig war. Vom Transportwesen über die Bereiche Wasser, Strom und Sanitär – überall fehle es an Investitionen. Wenn man „solche Infrastruktur ausbauen würde, würde das helfen, Engpässe zu beheben und das erhebliche Wachstumspotenzial in diesen Ländern zu entfesseln", sagt Chalk.

Seit dem letzten Treffen der Staatengruppe im November in Mexiko-Stadt haben sich die weltweiten Finanzierungsbedingungen wieder stabilisiert. Aber in einigen Schwellenländern, die den Industriestaaten während des weltweiten Abschwungs eine wichtige Stütze waren, regt sich zunehmend Protest: Sie wollen nicht endlos lange das Zugpferd sein.

So sagte der indische Finanzminister P. Chidambaram jüngst in einem Interview mit dem Wall Street Journal, die Volkswirtschaften der Eurozone müssten langsam mal „die Kurve kriegen".

Zudem ärgern sich Schwellenländer über die Maßnahmen, mit denen Industriestaaten versuchen, ihre Wirtschaften aus dem Sumpf zu ziehen. Die Anleihenkäufe der US-Notenbank Federal Reserve und anderer großer Zentralbanken haben die Leitzinsen weltweit auf ein historisch niedriges Niveau gesenkt. Und jetzt strömen Investoren mit ihrem Geld massenweise in die Schwellenländer – auf der Suche nach höheren Renditen.

Traum geplatzt, weil Investoren das Risiko scheuten

Trotzdem profitieren Schwellenländer davon nicht unbedingt. Angesichts niedriger Zinsen und hoher Schulden bleibt vielen Staaten wenig Spielraum, um ihr Wirtschaftswachstum über die Fiskal- und Geldpolitik anzuheizen. Sie hoffen, dass private Investoren das nötige Geld für den Infrastrukturausbau bereitstellen. Aber private Konzerne misstrauen großen, kostspieligen Projekten in Ländern mit politisch und regulatorisch wackeliger Lage häufig. Nicht selten platzen Bauvorhaben, weil Investoren fürchten, dass die Risiken größer sind als die möglichen Erträge.

Beispiel Jakarta: In der indonesischen Hauptstadt machte sich die Regierung lange für den Bau einer zweispurigen Monorail stark. Alle Anstrengungen aber endeten im Jahr 2008, als Investoren wiederholt daran scheiterten, 500 Millionen US-Dollar für die Finanzierung aufzutreiben. Geldgeber aus Dubai, die man zunächst angeworben hatte, wollten für das Projekt eine Staatsbürgschaft sehen. Die aber konnte die indonesische Regierung nicht liefern.

Auf den Philippinen gab es einen ähnlichen Fall. Dort ging es um den Bau einer Eisenbahntrasse von der Hauptstadt Manila bis in die Provinzen im Norden des Landes. Aber auch hier scheiterten die Pläne, als die chinesische Regierung einen versprochenen Kredit absagte.

Die G-20 könnte nun eine wichtige Rolle dabei spielen, die Risiken für privatwirtschaftliche Akteure zu senken und mehr Unternehmen, Banken und Investoren für Infrastrukturprojekte zu begeistern, glauben Volkswirte. „Wir müssen innovative Wege gehen, um die Mittel zu finden", sagt Indiens Wirtschaftsminister Mayaram.

Viele Westler haben zu wenig Erfahrung

Ein Ausgangspunkt könnte sein, multilaterale Entwicklungsbanken zur Vergabe von mehr Infrastrukturkrediten zu bewegen, sagt Jordan Schwartz, dessen Abteilung für Infrastrukturpolitik bei der Weltbank Diskussionspapiere für den kommenden G-20-Gipfel erstellt hat. Es müsste mehr Beratung für Entwicklungs- und Schwellenländer in dem Bereich geben und bessere Richtlinien. Zudem ließen sich langfristige Investoren anlocken, wenn man Versicherungen und Kreditgarantien stärker nutzen würde. Diese seien entscheidend für Projekte, die oft erst Jahre oder Jahrzehnte später Erträge erwirtschafteten, sagt Schwartz.

Viele asiatische Banken könnten laut Schwartz ihre Kreditvergabe noch erhöhen, und institutionelle Investoren wie Rentenfonds wären mit ihrem langfristigen Anlagekalkül gute Partner bei der Infrastrukturfinanzierung. Schwartz gesteht aber ein, dass viele westliche Investoren noch nicht genügend Erfahrung mit Infrastruktur in Entwicklungsländern haben. Hier sieht er Aufholbedarf.

Wieviel Bewegung die G-20-Staaten bei ihrem Treffen in Moskau jetzt in diesen Bereich bringen werden, ist unklar. Aber über das Thema dürfte das ganze Jahr über noch eifrig diskutiert werden. Indiens Wirtschaftsminister Mayaram etwa will möglicherweise beim nächsten G-20-Treffen im April in Washington vorschlagen, dass Industrie- und Schwellenstaaten gemeinsam einen neuen Finanzierungsmechanismus für Infrastrukturvorhaben aus der Taufe heben.

—Mitarbeit: I Made Sentana und Cris Larano

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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