• The Wall Street Journal

Blessing übt ein bisschen Verzicht

    Von MADELEINE NISSEN

Für die Commerzbank sind es harte Zeiten. Nur wenig läuft richtig: In den meisten Sparten hat sich das Ergebnis halbiert. Bis zu 6.000 Stellen werden gestrichen, zusätzlich zu den 9.000, die nach der Übernahme der Dresdner Bank bereits weggefallen sind.

Vorstandschef Martin Blessing will in diesen Zeiten ein Zeichen setzen, indem er auf seinen Bonus für 2012 verzichtet. Auch die anderen Vorstände verzichten auf einen Teil ihrer Boni. Nach den krassen Fehlentscheidungen der Commerzbank-Führung, angefangen bei dem Ausbau der Staatsfinanzierung bis zur Dresdner-Übernahme mitten in der Finanzkrise, ist dies jedoch wenig mehr als ein symbolischer Schritt.

Reuters

Commerzbank-Chef Martin Blessing: Mit dem Bonusverzicht wird er die Wogen nicht glätten.

Unterm Strich bleibt für jeden Vorstand immer noch mindestens eine Million Euro übrig. Das heißt: Die Commerzbank zahlt ihrem neunköpfigen Vorstand mehr, als sie 2012 unterm Strich verdient hat. Gerade einmal sechs Millionen Euro Gewinn standen Ende 2012 zu Buche, nach 638 Millionen Euro im Vorjahr. Es brennt bei der Bank an allen Ecken, das Mittelstandsgeschäft und die polnische Tochter gehörten zu den wenigen Ausnahmen.

Trotz Gewinneinbruch und Stellenstreichungen bekommen alle Vorstände, außer Blessing, zusätzlich zum Fixgehalt, noch 40 Prozent von ihrem Bonus in Höhe von rund einer Million Euro ausgezahlt. Pro Vorstand bedeutet das, zeitlich gestreckt, einen warmen Regen von rund 400.000 Euro.

1,3 Millionen Euro Jahresgehalt für Blessing

Als Fixgehalt bekommen die Vorstände 750.000 Euro, einzig Blessing nimmt das der das 1,75-fache nach Hause nimmt. Sein Gehalt war nach der Teilverstaatlichung der Bank auf 500.000 Euro begrenzt. Diese Deckelung fiel im Sommer 2011 weg, trotzdem beließ es Blessing ein halbes Jahr länger dabei. Mit dem Segen von Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller, der die Dresdner-Übernahme eingefädelt hatte, kehrte er 2012 aber zu dem vertraglich vereinbarten Vergütungssystem zurück und verdiente, wie geplant, 1,3 Millionen Euro. Plus Boni.

Schon damals kritisierten Poltiker, dass Blessing mehr verdient, obwohl die Commerzbank noch keinen Cent Zinsen an den Staat für sein Investment in die Bank zurückgezahlt habe. Das muss sie erst, wenn sie nach HGB einen Gewinn erwirtschaftet. Das Pikante dabei: Nach der internationalen Rechnungslegung IFRS hatte die Bank bereits 2011 schwarze Zahlen geschrieben. Doch das zählte nicht.

Nun sorgen Blessings Bezüge wieder für Unmut. Politiker kritisieren, dass die Deckelung aufgehoben wurde, obwohl die Bank nun bis zu 6.000 Stellen streicht. Blessing weiß um die Brisanz der Gehaltsfrage. Den Druck lässt Berlin ihn offen spüren. Und mit dem Verzicht auf mehrere hunderttausend Euro Boni wird er die Wogen kaum glätten können.

Das sind Deutschland härteste Vorstandsjobs

Dabei trifft der Zorn der Öffentlichkeit eigentlich den Falschen. Während Blessing und seine Vorstandskollegen fast schon verzweifelt versuchen, die Fehlentscheidungen ihres Vorgängers Klaus-Peter Müller auszubügeln, hat sich dieser geräuschlos den Sitz an der Aufsichtsratsspitze gesichert, eine Viertel Million Euro Vergütung für 2011 inklusive. Doch das ist längst nicht alles: Müller hat Pensionsansprüche von rund 450.000 Euro und bekommt weitere Kosten erstattet. Das heißt: Summa summarum hat Müller bereits 2011 rund 700.000 Euro verdient - und damit deutlich mehr als Blessing damals.

Das hat insofern Geschmäckle, weil Müller nicht nur der eigentliche Hauptverantwortliche für die Miesere der Bank ist, sondern als Aufsichtsratschef noch ein gewaltiges Wort mitreden kann. Erst kürzlich verteidigte er den von ihm eingefädelten Dresdner-Kauf in einem Interview als strategisch richtig.

Ein erster Schritt, Probleme zu lösen, ist bekanntlich, sie als solche zu erkennen. Doch hier hapert es bei der Commerzbank noch gewaltig – im Vorstand und darüber hinaus.

Kontakt zum Autor: Madeleine.Nissen@wsj.com

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