• The Wall Street Journal

Anleger trauen dem Höhenflug des Nikkei noch nicht

    Von KANA INAGAKI

Spekulanten und Hedgefonds investieren derzeit kräftig in Japan. Sie haben den japanischen Aktienmarkt in den vergangenen Monaten an die Weltspitze getrieben. Aber ob die Rally anhält, wird davon abhängen, ob auch die gewöhnlichen Investoren – von großen internationalen Fonds bis zu japanischen Privatanlegern – genug Zeichen für eine wirtschaftliche Erholung sehen, um auf den Zug aufzuspringen, sagen Marktbeobachter.

dapd

Hält die Rally in Japan an? Das wird davon abhängen, ob auch gewöhnliche Investoren bei japanischen Aktien zugreifen.

„Es gibt Anzeichen dafür, dass Japan sich verändert. Nun sind alle gespannt, was als nächstes passiert", sagt Campbell Gunn, Japan-Chef beim Vermögensverwalter T. Rowe Price, der weltweit 577 Milliarden US-Dollar verwaltet – in Japan sind es mehr als fünf Milliarden Dollar. Weil „Investoren noch nie einen so lange anhaltenden Bullenmarkt gesehen haben", würden viele warten, bis die Regierung mehr Beweise dafür liefert, dass sie die wirtschaftlichen Probleme des Landes angeht, glaubt er.

Der japanische Aktienmarkt ist in den vergangenen drei Monaten um 30 Prozent in die Höhe geschossen, nachdem die Regierung versprochen hatte, die seit 20 Jahren gebeutelte Wirtschaft auf Kurs zu bringen und die Inflation zu bekämpfen. Ab dem 1. April könnte es noch weiter nach oben gehen. Dann beginnt das neue Geschäftsjahr und institutionelle Investoren verteilen ihr Geld.

Bisher kamen dem Aktienmarkt vor allem der schwache Yen zugute, der japanischen Exporteuren hilft, sowie positive Kommentare von Politikern über die wirtschaftliche Lage. Der Nikkei-Index liegt nur knapp unter den 11.464 Punkten von vergangener Woche - dem höchsten Stand seit vier Jahren. Ein paar Tage zuvor hatte der Wirtschaftsminister Akira Amari gesagt, er hoffe, dass der Index bis Ende März 13.000 Punkte erreicht.

Immer wieder haben Politiker den schwachen Yen zum Thema gemacht. Das hat ausländische Investoren angetrieben. Laut der Börse in Tokio haben sie in den vergangenen drei Monaten japanische Aktien im Wert von 3,3 Billionen Yen (26,7 Milliarden Euro) gekauft.

Doch die Käufer seien vor allem Investoren gewesen, die ihr Geld nur kurzfristig anlegen - so wie Hedgefonds, die mit Derivaten oder Nikkei-Futures handeln, und den Kassamarkt nach oben treiben, sagen Marktteilnehmer.

Die meisten Investoren, die ihr Geld längerfristig anlegen wollen, halten sich noch zurück. Viele haben sich an japanischen Aktien in der Vergangenheit die Finger verbrannt und wollen Beweise für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage sehen, bevor sie mehr investieren.

Erfahrene Investoren verweisen darauf, dass frühere Rallys wie die zwischen 2003 und 2006 schnell wieder vorbei gingen. Damals hatten sich die Aktien verdoppelt, weil die Anleger darauf hofften, dass Ministerpräsident Junichiro Koizumi die japanische Wirtschaft wieder zum Leben erwecken könnte. Doch Hoffnungsträger Koizumi scheiterte. Nachdem er sein Amt 2006 abgegeben hatte, bewegte sich an den Börsen zunächst nicht mehr viel. Dann tauchten die ersten Anzeichen der weltweiten Finanzkrise auf, und die Aktienkurse halbierten sich. In den folgenden fünf Jahren schwankten sie zwischen fast historischen Tiefständen und Spitzenwerten, die immer noch 40 Prozent unter dem Hoch von 2007 lagen.

Institutionelle Investoren aus Japan haben bei der Rally eher zugesehen

Die lange Durststrecke hat dazu geführt, dass sich internationale Investoren aus Japan zurückgezogen haben. Laut einem Bericht von Goldman Sachs aus dem Januar haben sie nur 15,6 Prozent ihres Geldes in japanischen Aktien angelegt, das ist deutlich weniger als die Standardgewichtung in einem weltweiten Portfolio von 19,6 Prozent. Private japanische Pensionsfonds hielten Ende Dezember 17 Prozent ihrer Vermögenswerte in japanischen Wertpapieren, fünf Jahre zuvor waren es 24 Prozent, wie Daten des Finanzforschungsinstituts Rating & Investment Information zeigen.

Für internationale Investoren, die keine japanischen Aktien halten, ist der jüngste Aufwärtstrend weniger schmerzhaft. In Dollar gemessen haben sie seit Mitte November nur ein Plus von 8,4 Prozent verpasst. Seit dem 28. Dezember, dem letzten Handelstag des Jahres, liegt der Nikkei in Dollar sogar leicht im Minus. Der amerikanische Dow-Jones-Index stieg im gleichen Zeitraum um rund elf beziehungesweise acht Prozent.

Er habe im November mehr japanische Aktien gekauft, sei aber noch immer bei japanischen Aktien untergewichtet, sagt Khiem Do, Leiter der asiatischen Vermögensverwaltungssparte bei Baring Asset Management, die Vermögenswerte in Höhe von acht Milliarden Dollar in Asien verwaltet.

Japanische institutionelle Investoren wie Pensionsfonds und Versicherer haben bei der Rally bisher eher zugesehen. Das hat vor allem technische Gründe. Diese Investoren entscheiden eher, ob sie in Aktien oder Anleihen investieren – und halten das ganze Geschäftsjahr, das Ende März endet, an ihnen fest. Weil der Wert ihres Aktienbesitzes gestiegen ist, mussten die Anleger sogar einen Teil ihrer Aktien verkaufen, um ihr Zuteilungsverhältnis intakt zu halten, sagen japanische Fondsmanager.

Einige dieser Investoren könnten zu Beginn des neuen Geschäftsjahres im April mehr japanische Aktien kaufen, sagen die Fondsmanager. So drängten japanische Regierungsvertreter den staatlichen Pensionsfonds, der der weltweit größte öffentliche Pensionsfonds mit Vermögenswerten in Höhe von 107 Billionen Yen (856 Milliarden Euro) ist, mehr heimische Aktien zu kaufen, berichtete eine mit der Sache vertraute Person dem Wall Street Journal. Der Fonds denke über eine Neuordnung des Portfolios nach, sagte ein Sprecher, der sich aber nicht zu Details äußern wollte.

Pensionsfonds könnten mehr japanische Aktien kaufen

Auch andere Fonds kaufen bei japanischen Aktien zu. Bei einer Umfrage der Bank of America Merrill Lynch im Februar unter 251 institutionellen Investoren auf der ganzen Welt war die Zahl derer, die bei japanischen Aktien übergewichtet sind, um sieben Prozent höher als die Zahl derer, die untergewichtet sind. Im Januar hatte die Zahl bei drei Prozent gelegen – und im Dezember hatten 20 Prozent mehr Investoren gesagt, dass sie untergewichtet seien.

„Wenn der Aufwärtstrend tatsächlich anhält, könnten Pensionsfonds ihre Gewichtung japanischer Aktien erhöhen – aber dafür braucht es mehr Zeit", sagt Satoshi Nishimoto von BNY Mellon Asset Management in Japan.

Es gibt Anzeichen dafür, dass auch kleine Investoren, die sich zurückgezogen hatten, als der Markt 2007 abstürzte, wieder mehr kaufen. Einige Anleger erweckten ihre lange stillgelegten Konten wieder zum Leben, sagt Kaori Nakahara, Sprecherin des Online-Brokers Rakuten Securities. Noch allerdings versuchten sie, die Aktien zu verkaufen, die sie in den vergangenen Jahren nicht loswerden konnten, ohne große Verluste einzufahren.

Er habe sein Portfolio Ende Dezember umgeschichtet, sagt Toshihisa Namba, ein 51-jähriger Vertreter der Regionalregierung in Saitama, nördlich von Tokio. Er hat Aktien eines japanischen Elektronikunternehmens verkauft, die er vor zehn Jahren zum Fünffachen des aktuellen Kurses erworben hatte, um die Aktien einer Druckerei zu kaufen, deren Aktienkurs in diesem Jahr um 15 Prozent gestiegen ist. „Am Aktienmarkt geht es nach oben, deshalb habe ich alte Titel verkauft und sie durch gewinnbringende Aktien ersetzt", sagt Namba, der mit dem Geld fürs Alter vorsorgen will.

Bevor er das Geschäft tätigen konnte, musste er seinen Börsenmakler nach dem Passwort für sein Konto fragen – so lange hatte er es nicht mehr benutzt.

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