• The Wall Street Journal

Ein Schweizer Daniel Düsentrieb will den Verkehr revolutionieren

    Von ILKA KOPPLIN
Rinspeed

Eine Mischung aus Golfmobil und Minibus: Der MicroMax.

Der Schweizer Tüftler Frank Rinderknecht sorgt auf dem Genfer Autosalon seit Jahrzehnten mit mobilen Erfindungen für Aufsehen. Er zeigte schon Auto-Boot-Gefährte, aufgemotzte Sportwagen und Einkaufswagen als Anhänger für den kleinen Cityflitzer. Zur Serienfertigung hat es bisher keins seiner Modelle gebracht.

Mit dem MicroMax, mit dem der Erfinder in diesem Jahr in Genf vertreten ist, könnte sich das ändern: Das Elektromobil hat schon vor der Messe positive Reaktionen bekommen. Der MicroMax sieht aus wie eine Mischung aus Golfmobil und verkleinertem Bus, von einer Ausgeburt an Eleganz kann sicher nicht die Rede sein.

Spannend wird es bei einem Blick ins Innere. Denn Rinderknechts MicroMax ist ein Stehmobil. Anstelle normaler Autositze gibt es lediglich Stehstützen, wo man sich anlehnen kann – auch für den Fahrer. Der 57-Jährige Schweizer will so „die Effizienz des Verkehrs erhöhen", wie er sagt.

Kaffeemaschine und Kühlschrank an Bord

Soll heißen: Je mehr Personen in ein kleines Auto passen, desto weniger Fahrzeuge auf der Straße, desto weniger Stau – und umweltfreundlich ist es noch dazu durch einen Elektroantrieb. Ähnlich wie bei einer Mitfahrzentrale, so seine Vision, sollen sich auch dieses Gefährt mehrere Leute teilen, sich dazu beispielsweise per App verabreden. „Stau wäre damit unbekannt", glaubt der Schweizer. Tüftler Rinderknecht spricht bewusst nicht von einem Auto, sondern einer „Fahrzeuggruppe". Denn sein Mobil lässt sich für viele Nutzer und Zwecke einsetzen – egal ob Taxi, Post- oder Handwerkerauto.

Trotz der Stehsitze passen in den MicroMax, der mit 3,60 Metern so lang ist wie ein Mini, neben dem Fahrer auch nur drei Personen – und zusätzlich beispielsweise ein Kinderwagen. Für Rinderknecht geht es jedoch um einen anderen Aspekt – man soll sich nicht in die Quere kommen. Und an dieser Stelle sieht er den Vorteil bei seinem E-Mobil anstatt beim öffentlichen Nahverkehr oder einem herkömmlichen Auto.

Gerade zu Stoßzeiten kann man sich in Bus und Bahn häufig kaum drehen. In Rinderknechts MicroMax habe durch die Stehsitze aber jeder genug Platz. Im Durchschnitt sei man im Züricher Berufsverkehr lediglich zehn Minuten bis zu seinem Job unterwegs. Das sei eine Zeit, die jeder gut und gerne stehen könne, sich im Gegenteil über genügend Platz freue.

Rinspeed

Mit dem Splash wollte Rinderknecht den Ärmelkanal überqueren.

Auf Rinderknechts Internetseite ist von „einem großartigen Raumgefühl mit wohnlichem Lounge-Charakter" die Rede. So soll es an Bord eine Kaffeemaschine und einen Kühlschrank für das Feierabendbier geben. Internetverbindung versteht sich von selbst, damit auch von unterwegs gearbeitet werden kann. Für Laien hört sich das nach einem exklusiven Kleinbus an - eben nur als E-Mobil. Die Reichweite soll im Stadtverkehr bei bis zu 100 Kilometern liegen.

Der MicroMax ist nur eine von dutzenden – gelinde gesagt – ausgefallenen Entwicklungen, die auf Rinderknechts Ideen fußen. Mit seinem Unternehmen Rinspeed ist er zum ersten Mal 1979 auf dem Genfer Autosalon dabei gewesen, seit den 1990ern präsentiert er Jahr für Jahr mindestens eine Konzeptstudie. Er ist eine Art Paradiesvogel unter den etablierten Ausstellern. Rinderknecht selbst bezeichnet sich als „Vordenker der Mobilität", als „Agent provocateur", der gern Gesetztes in Frage stellt.

Produktion könnte in 30 Monaten beginnen

Eine seiner Erfindungen war beispielsweise der Splash, eine Mischung aus Auto und Boot. Mit dem Amphibienfahrzeug wollte der Tüftler 2006 den Ärmelkanal überwinden - von der britischen Hafenstadt Dover zum französischen Örtchen Sangatte. Es ging allerdings etwas schief; der Versuch scheiterte. Trotzdem war Rinderknecht in aller Munde.

Sportlich, geländig und elegant – die Genfer Neuheiten

Volkswagen

Später folgte der Bamboo, ein kleiner Flitzer ohne Scheiben, dessen aufblasbares Dach sich als Strandmatte verwenden lässt. Nach seinen Aussagen ist die Türkei an dem Gefährt interessiert, es würden Gespräche geführt. Bei seinem neuestem Projekt, dem MicroMax, sei er in Gesprächen mit den Zürcher Verkehrsbetrieben, sagt Rinderknecht.

Fest steht: Keines der von ihm erfundenen Mobile ist jemals in größeren Stückzahlen gebaut worden. Beim MicroMax könnte sich das ändern: Die Unternehmensberatung A.T.Kearney hat die Studie auf Serienreife überprüft. Das Ergebnis: Eine Produktion könnte schon in 30 Monaten beginnen. „Dabei würden Preise für Privat- und Geschäftskunden erschwinglich bleiben und Preisspannen, abhängig vom Antriebstyp und Ausstattung, zwischen 5.000 und 10.000 Euro möglich sein", rechnet Götz Klink von A.T.Kearney vor.

Für Rinderknecht ist es kein Problem, dass die meisten seiner Ideen nicht über das Stadium einer Studie hinauskommen. „Es geht dabei nicht darum, ganze Autos in Serie zu bringen, sondern darum Trends zu setzen", sagt er. Einige Entwicklungen, wie das Lenkrad mit Bedienfunktionen für Freisprechanlage oder Radio, führt der Schweizer auf seine Entwicklungen zurück. Vor sieben Jahren sei er der erste Hersteller in Genf gewesen, der die Autofarbe weiß zurück ins Blickfeld der Hersteller gebracht habe, sagte er. Heute ist die Farbe so gefragt wie kaum eine zweite.

Gut vernetzt in der Autobranche

Seine Entwicklungen lässt sich Rinderknecht gern eine siebenstellige Summe kosten. Doch allein stemmt er solche Investitionen nicht. Ein Blick auf die Internetseite zeigt eine ganze Reihe namhafter Unternehmen, die ihn technisch, aber auch finanziell unterstützen, wie Rinderknecht gern zugibt. Darunter Harman Kardon, der Hersteller von Lautsprechern und Unterhaltungselektronik, der Chemiekonzern Evonik oder der Autozulieferer Continental. Die Unternehmen nutzten Rinspeed als „markenneutrale Innovations- und Kommunikationsplattform", um ihre Techniken zu präsentieren – quasi ein Geben und Nehmen.

Rinspeed

Beim Bamboo lässt sich das Dach zur Strandmatte umfunktionieren.

Für solche Geschäfte muss man in der Autoindustrie gut vernetzt sein. Auch wenn seine ungewöhnlichen Mobile das nicht sofort zu erkennen geben, Rinderknecht ist seit mehr als 30 Jahren im Geschäft. Angefangen hat er mit dem Import von Glasdächern für Autos, die er in den 1970er Jahren bei einem Aufenthalt in Kalifornien kennenlernte und in die Schweiz mitbrachte. Das Geschäft sei zum Selbstläufer geworden, sagt er heute.

Einige Jahre später ergatterte er die Lizenzen der Edel-Tuner AMG und AC Schnitzer für die Schweiz – auch dies war über viele Jahre ein lukratives Geschäft. Doch mit dem Autotuning hat Rinderknecht mittlerweile nichts mehr zu tun, er hat es vor sechs Jahren verkauft. Den „intellektuellen Spagat", einerseits PS-Protze aus Serienmodellen zu machen und andererseits ökologisch sinnvolle Mobile zu entwickeln, habe er irgendwann nicht mehr geschafft.

Inzwischen hat er sich ausschließlich auf die Beratung von Unternehmen verlegt. Dabei geht es um grüne Mobilität und darum, die Gefühle und Wünsche möglicher Käufern zu ergründen. Und natürlich entwickelt Rinderknecht nach wie vor exotische Fahrzeuge. Was er 2014 in Genf zeigen wird, weiß er noch nicht, dafür will er „den Zeitgeist abwarten".

Kontakt zum Autor: ilka.kopplin@dowjones.com

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