• The Wall Street Journal

Was steckt hinter dem weltweiten Kurseinbruch?

    Von MICHAEL DENZIN

Mit einem Kurssturz unter 8.000 Punkten folgt der Dax am Donnerstag dem weltweiten Kurseinbruch an den Börsen. Vor allem in Asien – ob in China, den Philippinen oder Thailand – ging es kräftig nach unten. In Japan fiel der Nikkei sogar über 6 Prozent. Damit hat der japanische Leitindex von seinem Hoch im Mai mehr als 20 Prozent verloren und befindet sich damit offiziell in einem Bärenmarkt.

„Das ist ein stimmungsgetriebener Absturz, der sich selbst nährt", sagt Nader Naeimi, Fondsmanager bei AMP Capital Investors in Sydney. „Die Anleger nehmen Gewinne mit wo immer sie können."

Doch was steckt hinter diesem weltweiten Kurseinbruch? Zentraler Auslöser ist die Rückführung von Börsenengagements, die zuvor mit dem immer billigeren Yen finanziert worden waren. Zusätzlich belastet die Angst vor einem globalen Zinsanstieg. Anleger werden dies noch länger zu spüren bekommen. Und keine Anlage-Klasse wird vor diesen Notverkäufen wohl sicher sein – auch Gold nicht.

Das bekommt auch der Dax zu spüren, der seit seinem Allzeithoch im Mai bei 8.858 Punkten nunmehr fast 7 Prozent verloren hat.

Die Sorge vor einem Anstieg der globalen Zinsen wurde ausgelöst von ersten, zaghaften Überlegungen der US-Notenbank, ihre Politik des billigen Geldes langsam zurückzuführen. Immer wieder wird angedeutet, dass sie die Anleihekäufe über monatlich 85 Milliarden Dollar zurückführt. Marktteilnehmer reagieren darauf sehr sensibel. Schließlich werden Positionen an den Börsen nicht nur mit eigenem Geld aufgebaut, sondern auch mit zusätzlichen Krediten. Je billiger sie sind, desto höher fallen daher auch die Börsenkäufe aus.

Billiger Yen zog ausländisches Kapital an

Eine weitere Geldquelle war Japan: Das hemmungslose Anwerfen der Druckerpresse hatte den Yen seit Ende des vergangenen Jahres kräftig unter Druck gesetzt. Für Auslandsanleger wurden Kredite in der japanischen Währung damit deutlich günstiger. Dabei waren die Zinssätze ohnehin schon extrem niedrig bei unter 1 Prozent.

Genau hier liegt der Grund für die aktuellen Verwerfungen: Denn der Zins in Japan zeigte zuletzt nicht mehr nach unten, sondern stieg im Gegensatz mit den ebenfalls steigenden Inflationsbefürchtungen. Den Auslöser für den Zusammenbruch der Märkte sehen Händler im kurzfristigen Anstieg der Rendite zehnjähriger japanischer Anleihen auf über 1 Prozent. Davor notierte sie meist im Bereich von nur 0,6 Prozent.

Dies hat die Sorge geweckt, dass selbst die Gelddruckerei der japanischen Notenbank nicht als Mittel gegen steigende Zinsen taugt – das Vertrauen der Marktteilnehmer in eine unbegrenzte Absicherung durch die Notenbanken ist damit verlorengegangen. Zudem befeuerte die Notenbank von Indonesien am Donnerstag diese Sorge, indem sie den Leitzins sogar erhöhte. Sie begründete dies als „vorbeugende Antwort auf die steigenden Inflationserwartungen und zur Absicherung der wirtschaftlichen und finanziellen Stabilität inmitten der globalen Turbulenzen."

Als Krönung des Ganzen gesellte sich dazu noch das deutsche Bundesverfassungsgericht. Ausländische Anleger stufen die Gefahr einer Absage Deutschlands an den Rettungsschirm ESM viel höher ein als es Inländer tun. Für sie also ein weiterer Grund, sich aus ihren kreditgehebelten Positionen weltweit zu verabschieden.

Auflösung von Yen-Krediten drückt alles

Anleger bekommen damit nun die volle Maschinerie einer Börsenmechanik zu spüren, die automatisch abläuft, sobald eine Entscheidung getroffen wurde. Das bedeutet in erster Linie die Rückführung von Krediten, die vor allem in Yen aufgenommen wurden. Diese sogenannten „Carry-Trades" verschuldeten sich im niedrigverzinslichen Yen und legten in den höher rentierenden Anlagegütern an. Das können Devisen, Aktien, Rohstoffe oder die Anleihen anderer Länder sein.

Diese Positionen werden nun aufgelöst, das heißt die Verkäufe erstrecken sich über alle Asset-Klassen. Teilweise nehmen sie den Charakter von Notverkäufen an. Der Dax ist dabei gar nicht so auffällig, obwohl er mit einem Kursminus von 2 Prozent in Europa zu den schwächeren Aktien-Indizes gehört. Denn in Aktien legen traditionell weniger Anleger an als in den weitaus größeren Anleihe-Märkten. Viele große Kapitalanlagegesellschaften wie Versicherer sind wegen der dortigen Risiken und der hohen Kapitalanforderungen gar nicht am Aktienmarkt aktiv.

Der Einbruch an den Anleihe-Märkten hat daher größere Bedeutung. Viele Anleger hatten hier seit Jahresbeginn auf hochverzinsliche Marktsegmente gesetzt, so wie Unternehmensanleihen oder Bonds aus den Schwellenländern.

Sie alle haben nun mit besonders kräftigen Verlusten zu kämpfen. In den USA gehörten zum Beispiel Fonds mit Kommunalanleihen zu den Hauptverlierern. Diese sogenannten „Muni-Bonds" brachen überwiegen auf 52-Wochen-Tiefs ein.

Leidtragende am Aktienmarkt dürften vor allem Aktien mit Anleihe-ähnlichem Charakter sein, etwa Aktien mit hohen Dividenden, die wie festverzinsliche Papiere regelmäßige Einnahmen versprechen. Händler rechnen hier besonders bei Versorger- und Telekom-Titel mit Verlusten.

Anleihen der Euro-Krisenländer unter Druck

In Europa dürften besonders die Anleihen der krisengeplagten Peripherie-Länder betroffen sein. Deswegen sehen Händler auch die steigenden Kurse bei den Bundesanleihen und die entsprechend rückläufigen Renditen nicht als gutes Zeichen. „Das zeigt eine Wiederbelebung der Fluchtbewegung in Sichere Häfen", sagt ein Händler.

Zudem würden die Wetten auf sinkende Renditeunterschiede zwischen Anleihen der Kern- und der Peripherieländer aufgelöst. Dabei hatten professionelle Anleger auf fallende deutsche Anleihen gesetzt und geliehene Bundestitel leerverkauft, um mit dem Erlös höher rentierlichen Anleihen der Euro-Krisenländer zu kaufen. Jetzt kehrt sich diese Bewegung um: Die Peripherieanleihen werden wieder verkauft und Bundesanleihen gekauft. Für Anleihen aus Italien, Spanien, Portugal und auch Frankreich könnte dies zu einem deutlichen Renditeanstieg führen. Nebenwirkungen in der europäischen Krisenpolitik sind dann nicht ausgeschlossen. Immerhin hat die Europäische Zentralbank versprochen, im Notfall als Käufer dieser Anleihen einzuspringen.

Am offensichtlichsten sind die Auflösungsbewegungen jedoch am Devisenmarkt zu erkennen. Die Rückführung der Yen-finanzierten Kredite bedeutet eine hohe Nachfrage nach Yen. Entsprechend legte die Devise in den vergangenen Tagen kräftig zu. Bekam man vor drei Wochen für einen Dollar noch mehr als 103 Yen, sind es aktuell nur noch gut 94 Yen.

Schwerer als eine Kursbewegung wiegt aber ihre Schwankungsanfälligkeit, die sogenannte Volatilität. Sie sorgt für Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen in der Realwirtschaft und verzögert sie sogar. Unternehmen leiden darunter, weil sich ihre Wechselkursabsicherung verteuert. Und hier ging es gerade im Dollar-Yen-Bereich kräftig zur Sache: Die Volatilität der Optionen auf Dollar-Yen springt aktuell auf 19 Prozent und damit das Doppelte des normalen.

Und auch Goldanleger sollten trotz des am Donnerstag wenig veränderten Goldpreises nicht zu optimistisch sein: Die börsengehandelten Gold-Fonds (ETF) verzeichnen derzeit den größten Mittelabfluss seit ihrer Gründung. Ihre Verkäufe dürften daher den Preis am physischen Goldmarkt weiter unter Druck setzen.

Mitarbeit: Daniel Inman

Kontakt zum Autor: michael.denzin@dowjones.com

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