• The Wall Street Journal

Heizen mit der Cloud

Aoterra bietet Hausbesitzern eine Server-Heizung ohne laufende Kosten.

    Von STEPHAN DÖRNER

Eine Millionen Euro hat das Dresdener Start-up Aoterra eingesammelt – ohne einen einzigen klassischen Wagniskapitalgeber an Bord zu haben. Stattdessen haben über 886 Investoren das Unternehmen mit ihren privaten Ersparnissen über die Crowdfunding-Website Seedmatch unterstützt. Es ist die größte Summe, die bislang in Deutschland bei einer Unternehmensfinanzierung via Crowdfunding zusammenkam. Nach Angaben des Portals erreichte bisher nur das geplante Filmprojekt Stromberg diese Summe via Crowdfunding – jedoch noch kein Unternehmen.

Aoterra

Schematische Darstellung von Aoterra des Heizsystems bei einem Gebäude. Die Server mit Cloud-Diensten heizen das Gebäude.

Aoterra konnte die Crowd-Investoren mit einem einfachen, aber bestechenden Konzept überzeugen: Das Unternehmen heizt Gebäude mit Computern. Rechenzentren verbrauchen nicht nur eine Menge Strom – ein großer Teil der Energie, um die Computer anzutreiben, verpufft normalerweise in ungenutzte Wärme. Klimaanlagen sorgen normalerweise in Rechenzentren dafür, dass sich die Rechner nicht zu sehr aufheizen.

Mit Servern heizen

„Man kann das Grundkonzept von Aoterra eigentlich in drei Worten erklären: mit Servern heizen", sagt Lars Olbrich, Leiter im Bereich Geschäftsentwicklung und Verkauf im dreiköpfigen Managementteam des Unternehmens. Durch die Verbindung von Heizung und Serverdienstleistung sei Aoterra sowohl im Bereich Heizung als auch im Bereich Server umweltfreundlicher und günstiger als die Konkurrenz, sagt er.

Olbrich spricht von einer dreifachen Energieeinsparung durch Aoterra: Bei einem herkömmlichen Rechenzentrum werde nahezu genauso viel Energie benötigt, um die Rechner zu kühlen, wie Energie aufgewendet werde, um die Server zu betreiben. Bei Aoterra fällt die Kühlung weg – und gleichzeitig versorgen die Server ein Haus mit Wärme und Warmwasser. Dem Unternehmen zufolge verbraucht ein nach aktuellen Energiestandards gebautes Einfamilienhaus ansonsten so viel Energie wie ein kompletter Serverschrank zum Betrieb benötigt.

Aoterra

Ein Serverschrank Aoheat, der ein Haus mit Wärme und Warmwasser versorgt.

Das an der TU Dresden entwickelte Konzept von Aoterra führt die entstehende Wärme von den Rechnern ab – und kann sie je nach Bedarf zur Warmwasserversorgung und Heizung für Gebäude nutzen. Immobilienbesitzer kostet die Anschaffung des Aoterra-Heizsystems namens Aoheat einmalig 12.000 Euro brutto. Im Gegenzug garantiert Aoterra 15 Jahre kostenlose Versorgung mit Heizwärme und Warmwasser, inklusive aller anfallenden Kosten für Strom und Wartung des Systems. Das entspricht in etwa dem Anschaffungspreis einer Wärmepumpe, mit der das System konkurriert. Nach Ablauf der 15 Jahre hat der Immobilienbesitzer die Option, den Vertrag um zehn Jahre zu verlängern – andernfalls werden die Server ausgebaut. Die Anlage ist dabei so isoliert, dass nach Angaben des Unternehmens im Sommer keine Wärme ins Haus dringt und die Immobilie zusätzlich aufheizt.

Aoterra schließt sämtliche in Deutschland verteilte Server zu einem Cloud-Computing-Verbund zusammen und vermietet die Rechenkraft unter dem Markennamen Aocloud. Wie andere Cloud-Anbieter bietet Aocloud Rechenkraft nach Bedarf über das Internet.

Spannend allerdings ist die Art, wie Aoterra das Trendthema Cloud Computing mit dem Trendthema Umweltschutz und Energiesparen verbindet. Die Nachfrage nach Cloud-Dienstleistungen ist dabei hoch, sagt Olbrich. So hoch, dass Aoterra noch viele weitere Heizungen verbauen könnte, wenn sich genug Wohneigentümer fänden. „Wir wachsen mit den Heatern", sagt Olbrich.

Dennoch stellt die Koordination von Nachfrage nach Rechenleistung und Nachfrage von Warmwasser und Heizung das Unternehmen vor Herausforderungen. So steigt zwar der Wärmebedarf im Winter stark an, nicht aber die Nachfrage nach Berechnungen in der Cloud. Im Sommer wird so ein Großteil der produzierten Wärme nach außen über einen sogenannten Sommer-Bypass abgeleitet. Olbrich sieht die entscheidende Innovation des Unternehmens in diesem Konzept, das ohne jede künstliche Kühlung auskommt. Für die Technik hat das Unternehmen ihm zufolge bereits vor Jahren auch mehrere Patente angemeldet.

Cloud-Berechnungen je nach Wetterlage

Zudem wird die Verteilung der Rechenkraft je nach Wetterlage zentral gesteuert. Gebiete, in denen es kälter ist, werden stärker mit Rechenaufgaben versorgt. Alle Server-Heizungen sind an lokale Wetterstationen angeschlossen. Zudem werden auch die Rechenaufgaben je nach Wärmebedarf unter den angeschlossenen Häusern verteilt. Wer also das Warmwasser aufdreht, weiß, dass die Rechner im Keller gerade besonders schwer zu knackende Algorithmen in den Hauptspeicher geladen bekommen.

Die Nachfrage nach Rechenleistung fällt dabei niemals auf null. Für garantierte Nachfrage sorgen beispielsweise Universitäten, mit denen Aoterra zusammenarbeitet. Sie lassen beispielsweise Proteinfaltungen zu medizinischen Zwecken in der Cloud berechnen.

Aoterra ist im Mai 2012 als Unternehmen gestartet und hat bislang etwa 25 Aoheat-Schränke mit 350 Servern bei neun Kunden verbaut. Doch die Nachfrage wächst rasant. Aktuell hat das Unternehmen eigenen Angaben zufolge 130 Aufträge für neue Aoheat-Schränke für dieses Jahr – dabei werden etwa 15.000 Server bei rund 20 Kunden verbaut.

Nicht jedes Haus ist gleich gut für die Serverheizungen geeignet. „Grundsätzlich können wir nahezu alle Immobilien bedienen – optimal sind allerdings Immobilien im Niedrigenergiestandard", sagt Olbrich. Damit werden Neubauten und sanierte Altbauten bezeichnet, die modernen Energienormen durch gute Isolierung entsprechen. Moderne Energiestandards sorgen dafür, dass der Energiebedarf an den kältesten Tagen im Jahr nicht ein Vielfaches des Energiebedarfs im Sommer entspricht. „In Altbauten hat man in den zehn kältesten Tagen des Jahres extreme Spitzenwerte", erklärt Olbrich. Bei Großimmobilien fällt das aber weniger ins Gewicht.

Insbesondere angesichts der aufgeflammten Debatte um Datenschutz und Überwachung in den USA kann Aoterra bei den Cloud-Diensten damit punkten, dass alle Serverheizungen garantiert in Deutschland stehen. „Dadurch haben wir Sicherheitsvorteile", sagt Olbrich.

Durch die Finanzierung über eine Millionen Euro durch Privatinvestoren auf der Crowdfunding-Plattform Seedmatch hat das Unternehmen einiges an Vorschusslorbeeren erhalten. „Grundsätzlich sind das alles Privatanleger", sagt Olbrich. Diese ließen sich aber grob in zwei Gruppen aufteilen: Viele, die um die 1.000 Euro beigesteuert haben und einige, die Summen zwischen 5.000 und 10.000 Euro investiert haben.

Für die Zukunft kann sich Olbrich das System auch für den Einsatz beispielsweise zum Beheizen von Schwimmbädern vorstellen. Eine Internationalisierung steht ebenfalls an. Die Kunden der Cloud-Lösung sollen aber auch in Zukunft entscheiden können, dass Rechenaufgaben nur in Deutschland oder sogar nur in einer bestimmten Region wie rund um Dresden durchgeführt werden sollen. Das ist beispielsweise für Kunden wichtig, denen eine geringe Latenz – die Verzögerung bei einer Anfrage der Daten – wichtig ist.

„Es gibt drei Entwicklungen, die uns in die Karten spielen", sagt Olbrich. „Erstens werden aktuell gebaute Immobilien immer effizienter, das Zweite ist, dass der Cloud-Markt extrem stark wächst – und das Dritte ist der Ausbau des Internets in Deutschland." Befürchtungen, dass das Geschäft in Zukunft nicht mehr funktionieren könnte, weil Server immer leistungsfähiger werden und weniger Abwärme produzieren, hat er nicht: Der Bedarf nach Rechenleistung wachse mindestens genauso stark.

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com

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