• The Wall Street Journal

Peking erstickt im Smog

    Von WAYNE MA
Associated Press

Einen derart dichten Smog wie am vergangenen Wochenenden haben die Menschen in Peking noch nicht erlebt.

Peking—Die Pekinger sind dicke Luft gewohnt. Aber einen Smog wie an diesem Wochenende haben auch sie noch nicht erlebt. Seit Freitag macht den Hauptstädtern ein dichter, ätzender Nebel zu schaffen, der den Himmel über dem Großraum Peking verdunkelt. Die Behörden haben die Einwohner aufgerufen, möglichst das Haus nicht zu verlassen und es zu vermeiden, draußen Sport zu treiben. Der Druck auf die neue Führungsriege Chinas steigt, sich endlich mit den ungelösten Umweltfragen auseinander zu setzen.

Zum ersten Mal wurde in Peking ein neuer Plan umgesetzt, der den Betrieb von Bau- und Industrieunternehmen wegen der extrem hohen Luftverschmutzung einschränkt. Regierungsbeamte sind angehalten, das Auto stehen zu lassen. Die Schulen wurden angewiesen, auf Aktivitäten im Freien zu verzichten, berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Der Agentur zufolge ist vor Mittwoch nicht mit einer Smog-Entwarnung zu rechnen.

Mehr als drei Jahrzehnte ungebremsten wirtschaftlichen Wachstums haben ihre zerstörerischen Spuren in der Umwelt Chinas hinterlassen. Die chinesische Regierung gerät verstärkt unter Handlungsdruck. Der frisch gekürte Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Xi Jinping, hatte bei seinem Amtsantritt im November das Thema Umweltsanierung denn auch direkt angesprochen. In einer nationalen Ansprache hatte er "eine bessere Umwelt" zum Ziel der Chinesen deklariert.

In den vergangenen Monaten sind die chinesischen Behörden dazu übergegangen, mehr Daten zur Luftqualität zu veröffentlichen. Im Dezember hatte das Umweltministerium zum ersten Mal öffentlich das Ziel verkündet, im Besonderen die Belastung bei Feinstaub zu senken, der tief in die Atemwege vordringt. Bis Ende 2015 soll er in großen Städten und Industriegebieten um fünf Prozent jährlich reduziert werden. Kohlekraftwerke, die ihre Stickoxidemissionen verringern, sollen bezuschusst werden. Ein entsprechendes Pilotprogramm sei auf das ganze Land ausgedehnt worden, hatten in der vergangenen Woche die Spitzenwirtschaftsplaner der Kommission für nationale Entwicklung und Reformen Chinas mitgeteilt.

In Peking schien die Luftverschmutzung an diesem Wochenende indessen am Samstag ihre Spitze erreicht zu haben. Am Samstagabend wurde an einer Messstelle an der amerikanischen Botschaft in Peking ein Indexstand von 755 für die Luftqualität abgelesen. Nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA ist ein Indexniveau von über 300 in den USA "äußerst selten" und trete im Allgemeinen nur bei außerordentlichen Ereignissen wie Waldbränden auf.

Die Konzentration von Feinstaub in der Luft steigerte sich am Samstag auf 886 Mikrogramm pro Kubikmeter. Damit wurde der empfohlene Standard in China um fast das Zwölffache und die US-Norm um mehr als das 25-Fache überschritten. Wer über längere Zeit Partikeln in der Luft ausgesetzt ist, für den steigt das Risiko, sich Herz- oder Atemwegserkrankungen und Lungenkrebs zuzuziehen, schreibt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Wann der Index zuletzt auf einen vergleichbaren Stand gestiegen war, lässt sich nicht eruieren. Die amerikanische Botschaft veröffentlicht keine historischen Messdaten.

Telefonanrufe beim chinesischen Ministerium für Umweltschutz am Sonntag wurden nicht beantwortet. Ein Mitarbeiter des Städtischen Zentrums für Umweltkontrolle in Peking leitete Anfragen an einen Sprecher weiter, der nicht erreicht werden konnte.

Wahrscheinlich habe die stabile Wetterlage dazu beigetragen, dass sich der Smog über das Wochenende hinweg verdichtete, sagten Zhou Rong, eine Klima- und Energie-Aktivistin der Umweltorganisation Greenpeace und Vance Wagner, leitender Forscher bei der gemeinnützigen Umweltgruppe International Council on Clean Transportation. Die Hauptverursacher seien Autos, Fabriken und Kraftwerke. Aufgrund der extrem niedrigen Temperaturen sei zudem mehr Kohle verfeuert worden, fügt Zhou hinzu.

Die giftigen Wolken hüllten die Stadt das ganze Wochenende über in Düsternis. Die meisten Pekinger blieben in ihren Häusern. Wer sich dennoch auf die Straße wagte, versuchte, sich mit einer Gesichtsmaske vor dem Rauch und den Abgasen zu schützen. Eine Unmenge von Kunden hätten bei ihm nach Atemschutzmasken und Luftreinigern nachgefragt, berichtet Chris Buckley, der Inhaber der Firma Torana Clean Air Center in Peking. Am Sonntagmorgen habe er 25 neue E-Mailanfragen vorgefunden. Das sei drei Mal so viel wie sonst sonntags üblich. "Vor allem besorgte Eltern haben mich angerufen. Und Leute, die neu in Peking sind", berichtet der Unternehmer. Seitdem die chinesische Regierung in den vergangenen Monaten ihre Bemühungen intensiviert hat, die Luftqualität zu überwachen, erhalte er aber auch mehr Anrufe von einheimischen chinesischen Interessenten.

Video auf wsj.com

Air pollution darkened skies in Beijing over the weekend. An air-quality index at the U.S. embassy showed a reading of 755, far above high readings that typically only take place during rare events such as forest fires. Photo: Getty Images.

Auf chinesischen Microblogging-Diensten machten sich am Wochenende unzählige Kommentatoren Luft. Die Kurznachrichtendienste, die Twitter nachempfunden sind, dienen als nationales Forum in einem Land, dessen Medien einer strikten Kontrolle unterworfen werden. "Ich bin wirklich gespannt darauf, was die Regierung dazu zu sagen hat", schrieb Ling Zhijun in seinem Blog beim Kurznachrichtendienst Sina Weibo. Er ist leitender Redakteur der People's Daily, des Verlautbarungsorgans der chinesischen Kommunistischen Partei. "Ganz besonders würde mich interessieren, ob der Parteisekretär oder der Bürgermeister jetzt in Peking sind. Wenn ja, wie können sie garantieren, dass sie in Peking sicher atmen können?"

Trotz der wiederholten Versicherungen Pekings, Umweltthemen anpacken zu wollen, hat die Regierung die landesweite Einführung schärferer Normen für Kraftfahrzeug-Emissionen bereits zwei Mal verschoben, da die Standards für die Kraftstoffqualität nicht schnell genug erreicht werden konnten.

Eigentlich müssten die Raffinerien nachgerüstet werden, um die verschärften Vorgaben bei der Kraftstoffqualität zu erfüllen. Doch das geht ins Geld. Und staatliche Mineralölgesellschaften wie die nach Kapazitäten führende China Petrochemical, oder kurz Sinopec, wehren sich gegen die Pläne. Dem Ausschuss, der für die Kraftstoff-Qualitätsstandards in China verantwortlich ist, gehören auch Vertreter der Raffinerie-Branche an. Den Vorsitz des Gremiums führt ein Vertreter von Sinopec.

Sinopec verkaufe seit 2008 höherwertigen Kraftstoff in Peking und seit 2010 in den Städten Shanghai und Guangzhou, sagte ein Unternehmenssprecher am Sonntag. In den Provinzen Guangdong, Jiangsu und Zhejiang sei der Verkauf vor Kurzem angelaufen. In den vergangenen zehn Jahren habe die Firma 200 Milliarden Yuan oder umgerechnet 32 Milliarden Dollar in die Verbesserung der Kraftstoffqualität gesteckt, führte der Sprecher weiter aus.

Während Peking am Smog erstickt, ist die Luft in der Hauptstadt aber immer noch nicht dick genug, um es in die Top-Ten-Liste der chinesischen Städte mit der insgesamt schwersten Luftverschmutzung zu schaffen. Wie der staatliche Fernsehsender China Central Television am Samstag berichtete, hat Shijiazhuang, die Hauptstadt der Provinz Hebei im Norden Chinas, bei Rauch und Abgasen alle anderen Städte abgehängt. Seit acht Tagen in Folge habe dort "ernster Smog" geherrscht. Der Großteil von Hebei sei in Dunstschleier gehüllt, hieß es in dem Bericht. Die vier Städte mit der schlimmsten Luftverschmutzung in ganz China lägen allesamt in dieser Provinz.

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