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Griechen plündern die Wälder auf der Suche nach Feuerholz

    Von NEKTARIA STAMOULI und STELIOS BOURAS
[image] Agence France-Presse/Getty Images

Illegale Abholzungen haben in Griechenland im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Um sich gegen die Kälte zu wappnen, bleibt den Menschen häufig nichts anderes übrig, als im Wald nach Feuerholz zu suchen.

EGALEO, Griechenland—Es war dunkel und ziemlich kalt draußen, als Grigoris Gourdomichalis vor kurzem in den Bergen oberhalb von Athen etwas beobachtete. Auf öffentlichem Grund entdeckte der Umweltschützer einen jungen Mann, der illegal einen Baum abhackte. Als Gourdomichalis seinen Gegenüber auf das Vergehen ansprach, brach er in Tränen aus. Weil er arbeitslos sei und sich kein Öl zum Heizen mehr leisten könne, brauche er das Holz, sagte der Ertappte und verwies auf sein Frau und die gemeinsamen vier kleinen Kinder.

„Es war eine schwierige Entscheidung, aber am Ende ließ ich ihn [mit dem Holz] gehen", sagt Gourdomichalis, Leiter einer kommunalen Umweltorganisation. Deren Mitglieder machen sich für den Schutz der Wälder rund um Egaleo stark, einem westlichen Vorort der griechischen Hauptstadt Athen.

Zehntausende Bäume sind in diesem Winter überall in Griechenland aus Wäldern und Parks verschwunden. Die Behörden erklären, dass sich die Lage weiter verschärfe. Viele Menschen im krisengebeutelten Land haben ihre Arbeit verloren, etliche mussten Gehaltskürzungen hinnehmen. Weil kein Geld mehr da ist, um Öl, Gas oder Strom zu bezahlen, greifen viele auf Feuerstellen und Holzöfen zurück.

Wie Umweltgruppen berichten, ist die Zahl an illegalen Abholzungen im vergangenen Jahr deutlich nach oben geklettert. Das Umweltministerium hat mehr als 3.000 Klagen eingereicht und mehr als 13.000 Tonnen illegal geschlagenes Holz beschlagnahmt.

Das Ausmaß der Abholzungen zeigt deutlich, welche Auswirkungen fünf Jahre Rezession und eine Welle von Sparmaßnahmen auf die Bewohner eines Landes haben können. Es ist lange her, dass die Griechen zuletzt zu solch drastischen Mitteln griffen. Um genau zu sein, über 70 Jahre: Während der Besatzung durch Deutschland im Zweiten Weltkrieg waren sie ebenfalls auf der Suche nach Feuerholz durch die Wälder gestreift.

Weil Smog an manchen Tagen mit bloßem Auge zu erkennen ist und häufig ein Geruch von verbranntem Holz in der Luft liegt, diskutieren die Verantwortlichen in Athen mittlerweile Strategien gegen die Luftverschmutzung. Selbst die Wiedereinführung von Subventionen auf Heizöl gilt dabei als eine Möglichkeit.

An Weihnachten teilte Griechenlands Umweltministerium mit, dass die Anzahl an Feinstaubpartikeln in der Luft über Marousi zweimal so groß war wie von der Europäischen Union als akzeptabel vorgegeben. Marousi ist einer der größten Vororte Athens.

Gesund ist das nicht

„Der Durchschnittsgrieche wird alles in seine Feuerstelle schmeißen, was brennt", sagt Stefanos Sapatakis, ein Umweltbeauftragter am Hellenic Center for Disease Control and Prevention. „Um nicht zu frieren, wird er alte Möbel mit Lackfarbe, Bücher mit Tinte und noch viel mehr verheizen." Gesund ist das nicht.

Sapatakis erklärt, dass Smog vor allem für anfällige Gruppen wie ältere Menschen, Kinder und an Asthma Leidende schädlich sein kann. Er vergleicht die Luftbedingungen in Athen mit einer Begebenheit in Nachkriegslondon. Im Dezember 1952 hatte der Rauch von Holzfeuern für fünf Tage die Stadt bedeckt. Mehr als 4.000 Menschen kamen damals ums Leben, die britischen Behörden verboten daraufhin Feuerstellen in der Stadt.

Im Norden von Griechenland ähnelt das Wetter im Winter eher dem in Kontinentaleuropa. Mediterran ist es nicht. Damit die Bewohner trotz der Sparpläne der Regierung nicht erfrieren, sind den Kommunen häufig die Hände gebunden. Im Dezember warnte zum Beispiel eine griechische Lehrervereinigung, dass besonders im Norden des Landes viele Schulen schon bald gezwungen sein könnten, ihre Türen vorübergehend zu schließen. Der einfache Grund: Es fehlt an Geld, um die Klassenräume zu heizen.

Schwimmvereine: Akt der Solidarität

In Orestiada, einer Stadt an der griechischen Grenze zur Türkei und zu Bulgarien, reist die örtliche Schwimmmannschaft zwei bis drei Mal die Woche in die benachbarte Türkei, um dort zu trainieren. Der Bürgermeister der Stadt hatte zuvor entscheiden müssen, ob er lieber das Schwimmbad oder die Schulen in Orestiada heizen wollte. In einem Akt der Solidarität lud der türkischen Schwimmverein aus dem nahegelegenen Edirne die griechische Mannschaft ein, bei ihnen zu trainieren – kostenfrei.

Doch der Kampf gegen die Kälte wird nicht immer gewonnen. Anfang Dezember waren in Mesoropi, einem Dorf in Nordgriechenland, bei einem Brand drei Geschwister im Alter von fünf, sieben und 15 Jahren ums Leben gekommen. Das Feuer hatte aus einem Holzofen, mit dem die Familie ihr Haus geheizt hatte, um sich gegriffen und sich während der Nacht rasch ausgebreitet. Teile des Gebäudes waren eingebrochen und hatten den Kindern – die in ihren Betten schliefen - den Ausweg versperrt.

Der Vorfall hatte in ganz Griechenland für Aufsehen gesorgt. Die oppositionelle Syriza-Partei nahm das Unglück zum Anlass, um sich gegen das Sparprogramm im Land auszusprechen, das zu höheren Strompreisen und steigenden Heizkosten geführt hatte. Das Sparprogramm Griechenland und seine Bewohner vor die Wahl stelle, „durch Holzöfen verbrannt zu werden, Wälder zu zerstören oder in einer Wolke aus Smog zu leben", erklärte Syriza-Sprecher Panos Skourlitis.

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