• The Wall Street Journal

Internationale Großbanken begraben ihre China-Hoffnungen

    Von ALISON TUDOR

Internationale Großbanken ziehen sich zunehmend aus China zurück. Sie hinterfragen inzwischen kritisch, ob sich ihre Minderheitsbeteiligungen noch lohnen. Angesichts strikterer Bankenregeln - wie etwa den strengen Kapitalanforderungen von Basel III - versilbern viele Geldhäuser lieber ihre Anteile im Reich der Mitte.

Als der Chef der Bank of America, Ken Lewis, im Juni 2005 die Übernahme einer neunprozentigen Beteiligung an der China Construction Bank unter Dach und Fach brachte, jubelte der Top-Manager noch: Diese 3 Milliarden US-Dollar seien ein Langfrist-Investment. Das Geldhaus aus North Carolina erhoffte sich vom Geschäft einen entscheidenden Fuß in der Tür der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft der Welt. Der Deal verhieß der Bank of America denn auch glänzende Geschäfte, einen Zugang zu mehreren zehn Millionen potenziellen Kunden. Rund sechs Jahre später war Ernüchterung eingekehrt. Das Kreditinstitut reduzierte seinen Anteil auf gerade noch ein Prozent. Unterm Strich blieb zwar ein kräftiger Gewinn, aber die hochfliegenden Pläne hatten sich nicht bewahrheitet.

REUTERS

Guo Shuqing (rechts) von der China Construction Bank stößt mit dem Chef der Bank of America, Ken Lewis (links), an, nachdem sich das US-Bankhaus 2005 für drei Milliarden US-Dollar einen neunprozentigen Anteil am chinesische Kredithaus gesichert hatte.

Die Bank of America gehörte Mitte der 2000er-Jahre zu einer Reihe von internationalen Geldhäusern, die in China bei einheimischen Banken und Versicherungen zugriffen. Die phänomenalen Wachstumsraten des Landes und Chancen auf eine gute Kooperation lockten die Kreditinstitute. Zwischen 2004 und 2009 flossen rund 33 Milliarden Dollar von globalen Finanzinstituten an chinesische Banken, wie auf der Webseite der chinesischen Bankenaufsicht zu lesen ist.

Nicht nur die Bank of America musste dabei jedoch Rückschläge verkraften. Große Namen wie HSBC und Goldman Sachs verabschieden sich inzwischen von Investitionen in China. Sie können das Geld gut gebrauchen, um die neuen und strikteren Kapitalregeln einzuhalten. Ein Grund für die enttäuschten Hoffnungen in China: Häufig platzte der Plan für einen Einstieg in den lukrativen und vielversprechenden Markt. "Die Banken halten große Investments in ihren Büchern, die für sie strategisch einfach nicht nützlich sind", gibt Analyst Derek Ovington von CLSA zu bedenken.

Allein im Jahr 2012 veräußerten globale Finanzunternehmen laut Zahlen des Datendienstleisters Dealogic Aktien von asiatischen Finanzinstituten im Wert von 44 Milliarden Dollar. Zumeist griffen institutionelle Anleger oder strategische Käufer zu. Bereits ein Jahr vorher setzten die Verkäufe mit einer Höhe von 32,7 Milliarden Dollar in großem Stil ein.

Ein entscheidender Grund für den beschleunigten Ausverkauf sind neue Regulierungen. Dazu zählt das Basel-III-Regelwerk. Die Regeln machen es teurer, Minderheitsanteile an Finanzinstituten zu halten. Unter den neuen Basel-Regeln muss beispielsweise eine Bank, die Minderheitsbeteiligungen an anderen Geldhäusern hält, diese vollständig vom eigenen Kapital abziehen, sofern die Investments zehn Prozent des Kernkapitals überschreiten.

Der jüngste Abschied einer Großbank aus einem chinesischen Investment ist einer der größten und ungeordnetsten. HSBC will sich von rund 15 Prozent am Versicherer Ping An trennen. Das thailändische Konglomerat Charoen Pokphand hatte 9,39 Milliarden Dollar dafür zugesagt. Inzwischen ist der Deal ins Schlingern geraten. Chinesische Aufseher verlangen mehr Informationen. Ihre Befürchtung: Andere Investoren könnten das Geschäft mitfinanzieren, was eine Verletzung von chinesischen Regeln für die Versicherungsbranche bedeutete.

Die enttäuschten Hoffnungen von HSBC bei Ping An sind symptomatisch für das, was bei den ausländischen Investitionen in das chinesische Geschäft mit Finanzdienstleistungen schieflief. Die britische Bank hatte darauf gesetzt, über das riesige Netzwerk von Versicherungskaufleuten der Ping An ihre Finanzprodukte in China groß zu vermarkten, sagen Analysten und mit dem Deal vertraute Personen. Doch das Management von Ping An wollte sich vor keinen fremden Karren spannen lassen und brachte seine Produkte lieber selbst an den Mann. In den zehn Jahren, die die britische Großbank die Beteiligung an Ping An hielt, gab es kaum gemeinsame Initiativen der beiden Unternehmen.

Warmer Geldregen für HSBC

Immerhin kann sich HSBC über einen warmen Geldregen freuen, sofern der Verkauf doch noch klappt. Der vereinbarte Preis liegt sechs Mal so hoch wie die Summe, die HSBC einst selbst zahlte. Das Geldhaus hat den Wert der Beteiligung in den eigenen Büchern immer höher angesetzt und würde jetzt einen Gewinn von 2,6 Milliarden Dollar buchen. Ginge der Verkauf doch noch wie vereinbart über die Bühne, stiege die Kernkapitalquote von HSBC um 0,5 Prozentpunkte. Die totale Kapitalquote nähme sogar um einen vollen Prozentpunkt zu.

Auch Goldman Sachs versilberte gerade seine Beteiligung an der Industrial & Commercial Bank of China . Hier stützte ein schrittweiser Verkauf ebenfalls die Kapitalquoten.

Trotz allem halten einige Banken an ihren China-Anteilen fest. HSBC nennt auch in Zukunft eine Beteiligung von 19 Prozent an der Bank of Communications ihr Eigen, dem nach Bilanzsumme fünftgrößten Institut im Reich der Mitte. Die spanische CaixaBank verfügt über rund 16 Prozent an der Bank of East Asia aus Hongkong. Gleichzeitig kontrolliert die Deutsche Bank knapp 20 Prozent vom mittelgroßen chinesischen Kreditinstitut Hua Xia Bank .

Viele der europäischen Banken hegen angesichts von Chinas Wachstum keinerlei Verkaufsabsichten. BNP Paribas SA kaufte im Dezember sogar zwei Prozent an der Bank of Nanjing zusätzlich zu den bisherigen 12,7 Prozent. Die Investition in eine kleine Bank sichere mehr Einfluss, betont der Chef für das asiatische Filialgeschäft, Philippe Aguignier. Allerdings stellt das französische Geldhaus gerade einmal einen von 13 Direktoren.

Noch mehr finanzieller Druck für die Banken

Die Bereitschaft der europäischen Institute zum Verkauf könnte noch zunehmen, erwartet Todd Martin von J.P. Morgans Investmentbanksparte. Die Banken der Eurozone könnten angesichts der Wirtschaftsflaute noch mehr finanziellen Druck zu spüren bekommen. Zudem belasteten die strikten Kapitalanforderungen der Bankenaufseher.

"Die Banken schauen auf ihre Minderheitsbeteiligungen und fragen sich: Sind sie es wirklich wert?", sagt der Partner der Kanzlei Clifford Chance, Paget Dare Bryan, der Finanzinstitute über die Folgen der neuen Regulierungen berät.

Allgemein wird Basel III seit Jahresbeginn umgesetzt. Allerdings verzögern die USA die Anwendung, um die Regeln genauer unter die Lupe zu nehmen. US-Finanzfirmen werden aber ohnehin schon jedes Jahr einem strengen "Stresstest" unterzogen. Sie müssen zeigen, dass sie auch in einer schweren Wirtschaftskrise bestehen können. Zudem stellen die großen Ratingagenturen sie auf den Prüfstand.

"Mit dem Verkauf von Minderheitsanteilen verbessern sich die Kapitalquoten. Das hilft sowohl bei den Einstufungen von uns Ratingagenturen als auch bei Basel III", sagt Direktor Yuri Yoshida von Standard & Poor's. "Ein solcher Schritt ist also eine sehr effiziente Strategie, besonders wenn die Investments wenig zur allgemeinen Profitabilität beitragen."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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