• The Wall Street Journal

Chinas Nachbarn wehren sich

    Von PATRICK BARTA
Reuters

Aktivisten protestierten im Dezember in Rangun gegen ein Kupferbergbau-Projekt, hinter dem chinesische Investoren stecken.

MANDALAY – In den Liedern von Linn Linn geht es um Liebe, die Umwelt und Freiheit. Aber derzeit wollen die Fans des Sängers aus Myanmar vor allem einen Song hören: den, in dem es darum geht, wie chinesische Einwanderer seine Heimatstadt übernehmen. „Was wollen sie in dieser Stadt? / Nachbarn, die aus dem Nordosten kommen", singt er zu einer sanften Folk-Melodie auf seiner Akustikgitarre. „Ich verschließe beide Ohren aus Scham / von Fremden versaut / Der Tod unseres geliebten Mandalay."

Seit zehn Jahren, sagt Linn Linn, sehe er zu, wie eine Welle chinesischer Geschäftsleute nach Mandalay strömt, Unternehmen kauft und die Einwohner aus ihrer Stadt verdrängt. Sein Lied „Der Tod von Mandalay" hat zehntausende Klicks erzielt, nachdem ein Fan es bei einem Konzert gefilmt und ins Internet gestellt hat. „Egal wo ich spiele, die Leute wollen dieses Lied hören", erzählt der Sänger beim Kaffee. Er respektiere die chinesische Kultur und viele der hart arbeitenden Menschen dort, aber die Chinesen „geben weniger als sie nehmen".

Seine harten Worte und die Beliebtheit seines Songs sind ein Zeichen für das wachsende Ressentiment in Myanmar und vielen andere asiatischen Ländern über den Aufstieg des Nachbarlandes zur wirtschaftlichen, militärischen und politischen Supermacht. Die Sorgen sind einerseits wirtschaftlicher Art, etwa wegen der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und der Billig-Exporte, haben aber auch eine geopolitische Dimension, wenn es um die Gebietsansprüche Pekings oder den gerade vorgestellten ersten Flugzeugträger des Landes geht.

„Die Unzufriedenheit der einfachen Leute in vielen Ländern mit China wächst von Tag zu Tag", schrieb Politologe Guo Jiguang von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften kürzlich in einem Bericht zur Sicherheitslage des Landes. „Sie sind nicht glücklich mit der Rolle, die China in ihrem Land spielt. Wenn wir die Meinung der örtlichen Bevölkerung ignorieren, dann werden wir langfristig einen hohen Preis bezahlen."

„Friedliches Zusammenleben in Gleichheit und gegenseitigem Nutzen"

Zu einem gewissen Grad zahlt China diesen Preis bereits jetzt. Denn das Misstrauen erschwert den Zugriff auf neue Rohstoffquellen und den Abschluss neuer Bündnisse. In diese Lücke stoßen die USA vor, die etwa auf militärischer Ebene mit Vietnam und den Philippinen kooperieren und auch ihre Entwicklungshilfe in Südostasien verstärkt haben.

So konnte auch Myanmar in den vergangenen beiden Jahren näher an den Westen rücken. Dort sind erste Ansätze von Demokratie entstanden, und ausländischen Unternehmen wurden die Türen geöffnet, die jetzt den Wettbewerb mit Chinas Staatskonzernen aufnehmen. Der Politikwissenschaftler Guo sagt, die Kehrtwende in Myanmar habe die „Alarmglocken" in Peking schrillen lassen.

Das chinesische Wirtschaftsministerium erklärte, mit Myanmar bestehe eine umfassende Partnerschaft, die auf den Prinzipien eines „friedlichen Zusammenlebens in Gleichheit und gegenseitigem Nutzen" basiere, was zu Stabilität und Entwicklung in der Region beitrage. „China will durch sein Wachstum nicht dominant werden", heißt es aus dem Ministerium. „Wir wollen unsere nationale Souveränität sichern und Frieden und Stabilität beibehalten. Wir fordern niemanden heraus und bedrohen kein Land." In der Vergangenheit haben chinesische Regierungsvertreter stets die USA dafür verantwortlich gemacht, Unruhe zu stiften und gleichzeitig die Militärpräsenz in Asien zu stärken, um China „einzugrenzen".

Bei den Bewohnern einiger Länder ist China weiterhin äußerst beliebt. Etwa in Pakistan, dass auf militärische, nukleare und wirtschaftliche Unterstützung aus Peking angewiesen ist, während Nachbar Indien an die Seite der USA gerückt ist. Auch historisch gesehen haben die Beziehungen mit dem Reich der Mitte in der Region immer wieder Höhen und Tiefen gesehen.

„Nieder mit China"

Trotzdem zeigt sich an der abweisenden Reaktion in vielen Ländern, dass die milliardenschwere Strategie von Hilfe und Investitionen, die Peking seit etwa zehn Jahren betreibt, ihre Grenzen erreicht hat. 2002 betrugen die Wirtschaftshilfen Chinas für Südostasien noch 36 Millionen Dollar; 2007 waren es 6,7 Milliarden, wie eine Studie der Wagner School an der New York University aus dem Jahr 2008 zeigt. In einigen Ländern galt Peking nach der asiatischen Krise 1997 als Stabilitätsanker. Und während die Wirtschaftsmacht Pekings wuchs, sagten viele Analysten, dass die kleineren Nationen in der Region keine Wahl hätten, als dem Kurs Chinas zu folgen.

Agence France-Presse/Getty Images

In einem Spielwarenladen in Jakarta stapeln sich billige Importe aus China.

Experten für Außenpolitik sagen, dass Peking mit seinem aggressiven territorialen Auftreten in den vergangenen zwei Jahren viel von dem Kapital verloren hat, dass es sich in den Jahren zuvor aufgebaut hat. Das könne auch daran liegen, dass China nur mit den Regierungen und den Wirtschaftsspitzen in Kontakt getreten ist und sich nicht auch mit der Opposition getroffen hat. Dadurch habe man bei Politikwechseln wie etwa in Myanmar den Anschluss verloren.

In Vietnam hat der Streit über Seegebiete zu Demonstrationen geführt. Im Juli riefen die Menschen in Hanoi „Nieder mit China". Ende vergangenen Jahres kochte der Konflikt wieder auch, als bei einem Schiff einer vietnamesischen Ölgesellschaft, das Erkundungen im Südchinesischen Meer durchführte, die Kabel von chinesischen Fischereibooten durchschnitten wurden.

In Kambodscha beschweren sich Einwohner, dass chinesische Landwirtschaftsunternehmen Dorfbewohner von ihrem Land drängen. In der Mongolei wurde kürzlich ein Gesetz verabschiedet, dass es ausländischen Staatsbetrieben erschwert, Rohstoffe in dem Land zu fördern.

In Japan gaben in einer Umfrage im November nur noch 18 Prozent der Menschen an, positive Gefühle gegenüber China zu haben – so wenige wie seit 34 Jahren nicht mehr. In den Philippinen, die sich ebenfalls mit China über Seegebiete streiten, erklärten in einer Umfrage so viele Menschen, dass sie China nicht vertrauen, wie seit Beginn der Befragung Mitte der 1990er nicht. Auch in Südkorea und Indonesien macht sich eine Mehrheit Sorgen über den militärischen Aufstieg Chinas.

Neuer Exportmarkt geöffnet

Sogar in der Sonderverwaltungszone Hongkong macht sich Unmut breit. Zehntausende demonstrierten hier gegen einen inzwischen verworfenen Plan, der verpflichtenden Patriotismus-Unterricht in den Schulen vorsah. Im streng kontrollierten Singapur tobte auf Webseiten ein Sturm antichinesischer Nachrichten, nachdem chinesisch stämmige Busfahrer in den Streik getreten waren und so den öffentlichen Nahverkehr lahmlegten.

Video auf WSJ.com

Chinese-owned businesses are buying up real estate in Mandalay, and a backlash is growing. Myanmar and other Asian countries are attempting to resist China's widening economic and military influence. WSJ's Patrick Barta reports.

Myanmar wurde vor etwa zwanzig Jahren zu einem der engsten Verbündeten Chinas. Die Militärjunta im früheren Birma hatte damals einen Grenzübergang zu China geöffnet. Schnell stieg der Handel zwischen beiden Ländern auf eine Milliardensumme an. So konnte das Regime auch die Sanktionen des Westens abfedern, die wegen Menschenrechtsverstößen erhoben worden waren. China verhinderte wie auch Russland 2007 eine Resolution im UN-Sicherheitsrat, in der ein demokratischer Wandel in Myanmar gefordert wurde.

Im Gegenzug für diese Unterstützung bekam China Zugang zu Myanmars Metallen, Holz und Wasserkraft. Zudem hatte man einen weiteren Exportmarkt. Chinesische Unternehmen bauten eine für die Energiesicherheit des Landes wichtige Pipeline. Eine Tochterfirma des Waffenherstellers China North Industries erwarb die Mehrheit an einem großen Bergwerk in Myanmar. China Power Investment und andere Unternehmen erhielten Baugenehmigungen für Staudämme.

Seit anderthalb Jahren zeigen sich aber Brüche in dieser Zweckehe. Da sich die Bürger in Myanmar mittlerweile freier äußern können, machen sie ihrem Ärger über die vermeintliche Ausbeutung von Arbeitskräften und Ressourcen immer lauter Luft. Viele werfen China vor, die Generäle all die Jahre an der Macht gehalten zu haben.

Überraschend kam dann im September 2011 die Entscheidung von Präsident Thein Sein, den Bau eines Staudamms auf Eis zu legen. Auch chinesische Anleger waren an dem 2,7 Milliarden Euro schweren Projekt beteiligt, bei dem ein Gebiet von der Größe von San Francisco überflutet werden sollte. Der erzeugte Strom sollte nach China fließen. Myanmar erklärte, man habe dem Willen der Bevölkerung Rechnung getragen. Das Außenministerium in Peking forderte jedoch, die „Rechte chinesischer Unternehmen" zu schützen. Der Chef der Baugesellschaft, die den Damm errichten sollte, sagte chinesischen Medien, er sie von dem Schritt „total erstaunt".

Aktivisten und Mönche besetzen Mine

Die Feindseligkeit manifestiert sich besonders in Mandalay. Die Stadt mit etwa einer Million Einwohnern ist über eine holperige Straße mit China verbunden. Hier herrschte in den 1880er Jahren der letzte König des Landes; glitzernde Pagoden zeugen von der einstigen Größe. Mittlerweile ist Mandalay der Umschlagplatz für Teakholz, Jade und andere Rohstoffe, die in Richtung China gehen. In der Innenstadt prägen staubige Ladenzeilen, Goldhändler und Firmen mit Namen wie das „Große-Mauer-Einkaufszentrum" das Bild.

Die letzte Grenze: Konzerne erobern Myanmar

Christopher Davy

Chinesische Staatsbürger haben sich 70 Prozent der Immobilien in Mandalay gesichert, berichtet ein erfahrener Makler. „Ich bin Geschäftsmann, also versuche ich, ihnen wo es geht Geld abzunehmen", sagt er. „Aber ich bin stolz", fügt er hinzu, und unglücklich darüber, wie die Chinesen sich die Ressourcen des Landes aneigneten. Tuchhändler Sein Win beschwert sich über die Billigware aus China, die den Markt beherrscht und den örtlichen Firmen das Wasser abgräbt. „Die brechen ständig zusammen", sagt er.

Konflikte gibt es auch im Hinterland. Wanbao Mining, eine Tochter des Rüstungskonzerns China North, gehört gemeinsam mit dem Militär Myanmars eine Kupfergrube, die ausgebaut werden soll. Anwohner haben erklärt, dadurch müssten mehrere Dörfer umgesiedelt werden. Bei Protesten besetzten Aktivisten und Mönche das Bergwerk tagelang, bevor sie von der Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern vertrieben wurden. Vertreter von Wanbao haben erklärt, man habe den Dorfbewohnern Entschädigungen angeboten und habe alle formellen Vorgaben erfüllt.

Myanmars Abhängigkeit von China hat lange Zeit die politischen Optionen des Landes eingeengt. So unternahmen die Militärs wenig gegen die bewaffneten Minderheiten, die das Grenzland kontrollieren. 2009 kam es zum Konflikt mit Peking, nachdem Myanmar eine Offensive gegen die Milizen eingeleitet hatte. Zehntausende Angehörige der Volksgruppe der Kokang flohen nach China, was für Peking zum Problem wurde. In seltener Deutlichkeit forderte ein chinesischer Regierungssprecher Myanmar auf, den Umgang mit seinen internen Problemen zu verbessern.

Großteil der Sanktionen aufgehoben

Aber unter der Oberfläche waren die Spannungen schon damals größer, sagen Analysten: auf solche Berichte reagierten die USA, viele Politiker forderten mehr Gespräche mit dem Land. Nach den Wahlen 2010 bekam Myanmar eine nominell zivile Regierung, die aber von ehemaligen Offizieren geführt wurde. Gleichzeitig sendete das Land Signale, dass es seine Beziehungen zum Westen verbessern wollte. Die neue Regierung ließ gefangenen frei, hob Beschränkungen für die Medien auf und modernisierte die Wirtschaft, um ausländische Anleger anzulocken.

Washington fühlte sich von Dissidenten ermutigt, die berichteten, dass China für das Land eine größere Bedrohung werde als das berüchtigte Militär. Man erstellte daher eine Liste mit Forderungen an Myanmar, darunter der Appell, den Dialog mit der Dissidentin Aung San Suu Kyi auszuweiten. Dem kam die Regierung nach. Mit 2012 hatte Washington einen Großteil der Sanktionen aufgehoben, und US-Konzerne drängten auf den neuen Absatzmarkt.

„China hat den öffentlichen Proteste gegen chinesische Projekte und die antichinesische Stimmung im Land absichtlich ignoriert", weil die Führung überzeugt war, dass Myanmar es sich nicht leisten konnte, Peking zu verscherzen, schreibt Yun Sun, Gastdozent an der Brookings Institution In Washington, in einem kürzlich veröffentlichten Bericht. Jetzt stünden die Politiker in Peking vor einer starken westlichen Konkurrenz in Myanmar und „möglicherweise unfreundlichen Vorschriften", schreibt sie, da Myanmar sein Wirtschaftssystem mit westlicher Hilfe umbaut.

Myanmar versucht, die Differenzen mit China herunterzuspielen. „China ist unser Nachbar. Wir können uns unsere Nachbarn nicht aussuchen. Daher werden wir gute Beziehungen beibehalten", sagt Zaw Htay vom Büro des Präsidenten. Aber die Zeiten änderten sich auch, während die Einwohner Myanmars den chinesischen Einfluss beklagten und das Land auch Verbindungen mit dem Westen eingehe. „Die Regierung versucht, gleiche Bedingungen zu schaffen. Jetzt müssen chinesische Anleger gegen westliche Anlegern antreten."

—Mitarbeit: Jeremy Page, Carlos Tejada, Kersten Zhang, Minh Zaw, Sun Narin und Celine Fernandez

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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