• The Wall Street Journal

Dell erwägt Rückzug von der Börse

    Von STEVEN RUSSOLILLO

Der einstige PC-Platzhirsch Dell spricht offenbar derzeit mit Beteiligungsfirmen über deren Einstieg in den Konzern. Am Ende könnte die Aktie des Computerkonzerns von der Börse genommen werden, sagten informierte Personen. Der Aktienkurs ist dermaßen abgestürzt, dass ein solcher Schritt ernsthaft erwogen wird. Bereits im Jahr 2010 hatte Unternehmensgründer Michael Dell eine solche Entscheidung ins Spiel gebracht, schließlich aber verworfen. Dell ist nach Ende des PC-Booms gegenüber seinen Konkurrenten schwer ins Hintertreffen geraten.

Aktuell sprechen Konzernvertreter mit den Private-Equity-Gesellschaften Silver Lake Partners und TPG. Die Gespräche liefen bereits seit zwei bis drei Monaten, sagten mit der Angelegenheit vertraute Personen. Als „seriös" beschrieb eine der Personen die Verhandlungen. Ende des vergangenen Jahres hätten sie sich intensiviert. Ein möglicher Deal dürfte – wenn überhaupt – innerhalb der kommenden sechs Wochen erreicht werden.

Beteiligungsgesellschaften hätten Dell im Laufe der vergangenen Jahre immer mal wieder kontaktiert, sagten die informierten Personen. In letzter Zeit wurden die Pläne aber realistischer, da Dell-Papiere inzwischen so historisch niedrig bewertet seien, wie ein Branchenvertreter sagte. Silver Lake Partners und TPG könnten sich bei einem Buyout zusammenschließen. Auch eine Beteiligung weiterer Geldgeber – wie etwa Pensionsfonds – sei denkbar.

Noch habe sich keine endgültige Bietergruppe gebildet, und die Situation sei im Fluss, schränkten die Personen ein. J.P. Morgan Chase sei aber an der möglichen Transaktion beteiligt. Mehrere andere Banken verhandelten zudem über eine Beteiligung an der Finanzierung. Ein Dell-Sprecher wollte sich zu der Angelegenheit nicht äußern.

Spitzenplatz bereits 2006 abgegeben

Dell kam zuletzt auf eine Marktkapitalisierung von 19 Milliarden US-Dollar. Nachdem Berichte über die Gespräche durchsickerten, schossen die Aktien um 13 Prozent nach oben. Das im Verlauf des vergangenen Jahres um 30 Prozent abgestürzte Papier wurde zuletzt mit knapp 12,30 Dollar gehandelt.

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Die derzeitigen Gespräche sind symptomatisch dafür, wie sehr der einst weltgrößte PC-Hersteller inmitten eines sich dynamisch wandelnden Marktes ins Straucheln geraten ist. Dell wurde groß durch ein Verkaufsmodell, bei dem der Konzern für seine Kunden PCs auf Bestellung maßschneiderte. Anschließend lieferte Dell das Produkt direkt an den Wohnort.

In den letzten Jahren stand aber weit mehr der Einzelhandel im Vordergrund. Verbraucher sahen PCs inzwischen eher als Allerweltprodukte denn als eine wichtige neue Anschaffung. Im Jahr 2006 musste Dell die Spitzenposition als PC-Hersteller an Hewlett-Packard abgeben. Zur gleichen Zeit begann der Siegeszug von mobilen Geräten wie Smartphones und Tablet-Rechnern. Auf diesem Gebiet ist Dell sehr wenig präsent.

Noch heute machen PCs die Hälfte von Dells Umsatz aus. Aber dieser Markt schrumpft. Der Absatz ging im vierten Quartal 2012 laut dem Marktforschungsunternehmen Gartner um knapp 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Besonders heftig traf es Dell: Im Quartal, das am 2. November endete, brach der PC-Umsatz um knapp ein Fünftel ein. Der Gewinn von Dell kollabierte um fast 50 Prozent. Ganz im Gegensatz dazu weisen die Vorreiter des Tablet- und Smartphone-Booms - wie Apple und Samsung - Rekordgewinne und -umsätze aus.

Rückzug bereits 201 erwogen

Unternehmensgründer Dell kehrte im Jahr 2007 an die Konzernspitze zurück, nachdem er sich 2004 zurückgezogen hatte. Er wandte eine Vielzahl von Strategien an, um das Unternehmen wiederzubeleben, das er in seinem Zimmer im College auf den Weg gebracht hatte. Zunächst wollte er wiederum Computer und andere Geräte für Verbraucher produzieren.

Als diese Bemühungen in eine Sackgasse gerieten, setzte Dell auf Geschäftskunden. Das Unternehmen kaufte 2009 den Dienstleistungsspezialisten Perot Systems für 3,9 Milliarden Dollar. Seitdem nahm Dell weitere Beträge in Milliardenhöhe in die Hände, um sich in der Speichertechnologie und bei Sicherheitssoftware zu etablieren. Trotz allem: Bis heute machen diese zusätzlichen Einnahmen nicht den Rückgang bei PCs wett.

Im Jahr 2010 erwog Gründer und CEO Dell bereits einen Rückzug von der Börse. Es entstanden Gerüchte, dass ein solcher Deal schon auf dem Tisch liege. Später stellte der Finanzchef allerdings klar: Solche Pläne gebe es nicht.

Michael Dell hält nach Daten vom Mai rund 15 Prozent der Anteile an dem von ihm gegründeten Unternehmen. Ein Buyout des PC-Konzerns wäre der wohl größte solche Schritt seit vor der Finanzkrise im Jahr 2008. Mit der Finanzkrise trocknete nämlich das Kreditangebot der Banken aus, das nötig ist, um solche Großunternehmen wieder von der Börse zu nehmen.

Kredite von bis zu 15 Milliarden Dollar nötig

Einige Banker und Analysten sind skeptisch, ob sich ein Rückzug von der Börse wirklich stemmen ließe. Allerdings sind die Umstände derzeit günstig wie selten. Die Kreditmärkte sind so robust wie seit langem nicht mehr. Gleichzeitig war der Kurs der Dell-Aktie jüngst deutlich in den Keller gegangen. Käufer könnten mindestens 7 Milliarden Dollar Eigenkapital benötigen, ergibt sich aus ähnlichen Geschäften in jüngster Zeit. Ein Teil der Mittel könnte aus dem Anteil stammen, den Michael Dell am Konzern hält. Die restliche Summe könnte aber selbst für zwei oder drei Private-Equity-Häuser eine Nummer zu groß sein. Und allgemein sind Investoren in Beteiligungsfonds derzeit bei solchen gemeinsamen Deals angesichts der Risiken eher zurückhaltend.

Für einen Aufkauf in dieser Größenordnung könnten Kredite von bis zu 15 Milliarden Dollar notwendig sein. Das ist ein großer Brocken, besonders wenn man bedenkt, dass Analysten und Aktionäre zuletzt alles andere als zuversichtlich über die Geschäftsaussichten von Dell waren. Trotzdem spricht auch wiederum einiges für eine solche Transaktion. Gründer Dell hält immer noch eine große Beteiligung und in den Büchern stehen rund 11 Milliarden Dollar Barreserven. Teile dieses Vermögens könnten für eine mögliche Abkehr des Konzerns von der Börse verwendet werden.

Auch wenn Dell jüngst in raueres Fahrwasser geriet, erzielt der Konzern kräftige Gewinne, die die Beteiligungsfirmen als Sicherheit verwenden können, um Kredite für die Übernahme zu erhalten. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Dell 3,5 Milliarden Dollar, in den ersten drei Monaten des laufenden Geschäftsjahrs immer noch 1,8 Milliarden Dollar. Dell habe die Zügel in der Hand, um sich selbst neu zu erfinden, sagt der Analyst Brian Marshall von der ISI Group.

—Mitarbeit: Matt Wirz, Sharon Terlep, David Benoit und Katy Burne

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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