• The Wall Street Journal

Zeitungen greifen Chinas Behörden wegen Smog scharf an

    Von LAURIE BURKITT und BRIAN SPEGELE
[image] Reuters

Dicke Luft herrschte am Montag auch in der Umgebung der Zentrale des chinesischen Staatsfernsehens CCTV.

PEKING – In Peking übersteigt die Luftverschmutzung alles, was die leidgeprüften Bewohner der chinesischen Hauptstadt ohnehin schon gewohnt sind. Unmut und Kritik kommt auch von den Staatsmedien. Das dürfte ein Hinweis darauf sein, dass auch in der Führung Krisenstimmung ausgebrochen ist und der Smog bald politische Folgen haben könnte.

In der offiziellen Propaganda wurde die schlechte Luft in Chinas Städten meist als Preis für den rasanten wirtschaftlichen Fortschritt dargestellt. Seit aber in Peking die Sichtweite weniger als 200 Meter beträgt, Flüge ausfallen und Autobahnen gesperrt werden mussten, hat sich die Tonlage in den staatlich kontrollierten Medien geändert.

Das Staatsfernsehen CCTV machte die vergiftete Luft zur ersten Meldung der Nachrichtensendungen am Sonntagabend und Montagmittag. Die Parteizeitung People's Daily brachte am Montag einen Kommentar auf der Titelseite mit der Überschrift „Ein schönes China beginnt mit gesunder Atemluft". Weiter heißt es: „Der ungeheure, sich nicht bewegende Dunst trübt unseren Blick, lässt aber die Dringlichkeit von Verschmutzungskontrolle um so klarer dastehen. Die Umweltschutzbehörden sollten gestärkt werden. Die Regierung sollte mit gutem Beispiel vorangehen und weniger oft mit Dienstwagen fahren."

Peking verschwindet unter Smog-Wolke

Laut Umweltexperten geht die Führung offensiver mit dem Problem um, weil der Unmut der Bevölkerung sich nicht länger ignorieren lässt. „Die Politiker wissen, dass das Volk noch 20 Jahre oder mehr auf Demokratie warten kann, aber nicht auf saubere Luft", sagt Liu Jianqiang, früher investigativer Reporter bei der als liberal geltenden Wochenzeitung Southern Weekly. Jetzt leitet er die Organisation China Dialogue, die sich mit Umweltproblemen beschäftigt und darüber auf Englisch und Chinesisch schreibt. Liu glaubt, dass die neue Deutlichkeit auch mit dem Machtwechsel im November zusammenhängt, bei dem Xi Jinping an die Staatsspitze rückte. „Die neuen Führer senden offenbar ein Signal, dass sie in Umweltfragen mehr Kritik zulassen wollen."

Die Lage in Peking ist dramatisch. Messungen in der amerikanischen Botschaft zeigten am Samstag, dass der Feinstaubwert das 35-Fache des von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Richtwerts erreicht hatte. Am Sonntag gab die Regierung erstmals die Smog-Warnstufe Orange aus; Ältere, Kinder und Menschen mit Atemproblemen wurden aufgefordert, ihre Häuser möglichst nicht zu verlassen. Gesichtsmasken und Luftreiniger fanden reißenden Absatz. In der Vergangenheit hätten Smog-Wellen wie die vom Wochenende zu vermehrten Todesfällen bei Patienten mit Herz- und Lungenkrankheiten geführt, erklärt Richard Saint Cyr. Der Arzt an einem Pekinger Krankenhaus berichtet, dass mehr Menschen als üblich über Atemwegprobleme klagen. „Luftverschmutzung ist ein entzündliches Toxin, das besonders Patienten mit bereits vorhandenen Problemen trifft."

Die Proteste gegen Umweltverschmutzung sind in China in den vergangenen Jahren lauter geworden, und die Aktivisten organisieren sich besser. 2012 wurde wegen des Widerstands von Anwohnern in der Stadt Ningbo der milliardenschwere Ausbau einer Chemiefabrik gestoppt. 2011 hatte die Stadtverwaltung von Peking versprochen, die Feinstaubwerte transparenter zu machen. Eine Kampagne unter Führung des Immobilienmoguls Pan Shiyi hatte gefordert, die Daten nach dem Vorbild der US-Botschaft zu veröffentlichen, die das seit 2008 tut.

Selbst die nationalistische Global Times kritisierte die Regierung am Montag scharf für ihren Umgang mit dem „verrückten Nebel". Früher hatte die Zeitung ihre Leser häufig ermahnt, in China keine westlichen Standards bei der Luftreinheit zu erwarten. In dem Meinungsartikel am Montag hieß es dagegen: „In der Vergangenheit hat die Regierung einen zurückhaltenden Ansatz beim Umgang mit Informationen zur Luftverschmutzung gepflegt. Sie hatte ihre Wahl zwischen Umweltschutz und der Entwicklung gefällt. Aber die Öffentlichkeit akzeptiert das nicht, was zu Konflikten geführt hat."

Am Montag verkündete die Regierung, dass in der Industriestadt Shijazhuang im Nordosten mehrere Fabriken geschlossen bleiben und 700 Baustellen ruhen, wie das Staatsfernsehen meldete. Gemäß den Messungen der US-Botschaft ließ der Smog am Montag etwas nach.

Video auf WSJ.com

Beijing residents were advised to stay indoors this weekend when the capital's pollution level surpassed the top range of the Air Quality Index. The WSJ's Wayne Ma and Sum Yin Kwong of Hong Kong's Clean Air Network talk about dirty air, human health and China.

Eine der Ursachen für die Verschmutzung sind die steigenden Zulassungszahlen für Neuwagen. Noch stärker jedoch trägt die Abhängigkeit von Kohle für die Stromerzeugung und die Stahlindustrie zum Smog bei. In den kommenden Jahrzehnten soll der Anteil des Stroms aus saubereren Quellen wie Gas und Kernkraft steigen. Die Internationale Energie-Agentur rechnet in ihrem 2012 veröffentlichten Welt-Energieausblick damit, dass im Jahr 2015 noch etwa 55 Prozent des chinesischen Stroms aus Kohle kommen. 2010 waren es etwa 80 Prozent. Der Anteil der Kernkraft soll dagegen von zwei auf zehn Prozent steigen.

Der Umbau des Energiemixes wird aber Zeit benötigen. Denn Kohle ist reichlich vorhanden, und die Alternativen würden zu unpopulären Preiserhöhungen für Verbraucher und Unternehmen führen. „Bei diesen Herausforderungen wird das Problem nicht an einem Tag, in einem Jahr oder einem Jahrzehnt verschwinden", sagt Xu Yuan, der an der Chinesischen Universität in Hongkong zur Vermeidung von Luftverschmutzung forscht.

—Mitarbeit: Josh Chin und Lilian Lin.

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