• The Wall Street Journal

Rebellengruppe sabotiert Friedensgespräche in Kolumbien

    Von DAN MOLINSKI

BOGOTÁ – Während die kolumbianische Regierung in dieser Woche neue Friedensgespräche mit der größten Rebellengruppe des Landes eingeleitet hat, fühlt sich eine weitere Guerillaorganisation übergangen. Mit einer Serie von Gewalttaten will sie ihre Stärke beweisen.

Die Nationale Befreiungsarmee (ELN) hat mehrfach versucht, zu den seit drei Monaten laufenden Verhandlungen zwischen der Regierung und der FARC-Miliz eingeladen zu werden. Das lehnt Präsident Juan Manuel Santos aber ab, dessen Regierung in der Gruppe keine große Bedrohung für die Sicherheit sieht.

Associated Press

ELN-Rebellen eskortieren freigelassen Geiseln.

Analysten glauben, dass die marxistische ELN deshalb in diesem Jahr zwei Polizeibeamte getötet hat. Zudem gab es zwei Anschläge auf die wichtige Caño-Limon-Pipeline, mit der das US-Unternehmen Occidental Petroleum täglich 70.000 Barrel Rohöl transportiert. Die relative Ruhe, die in der zweiten Jahreshälfte 2012 in Kolumbien herrschte, ist damit vorbei.

Die kolumbianische Regierung wollte dazu keinen Kommentar abgeben. Analysten sagen, dass Santos die ELN nicht bei den Verhandlungen haben will, weil sich die Forderungen beider Rebellengruppen widersprechen, was die Gespräche noch komplizierter machen würde. Die ELN hat „traditionell eine stärkere Beteiligung der Zivilgesellschaft an den Verhandlungen gefordert und legt mehr Wert auf Souveränität, wenn es um die Verwendung der Ressourcen des Landes geht" schreibt Insight Crime in einem kürzlich veröffentlichten Bericht. Der Washingtoner Think Tank hat sich auf das organisierte Verbrechen auf dem amerikanischen Kontinent spezialisiert.

Verhandlungen hängen am ersten Punkt fest

Die kolumbianische Regierung und die 8.500 Kämpfer starke FARC haben am Montag die jüngste Runde der seit Oktober laufenden Friedensgespräche begonnen. Mitte November hatten die Rebellen eine einseitige Waffenruhe ausgerufen, die am Sonntag ausläuft. Kolumbianische Behörden befürchten eine neue Welle der Gewalt.

Beide Seiten zeigten sich aber zunächst optimistisch. Die Regierung will bis zum November ein Abkommen erreichen, das den seit fast 50 Jahren tobenden Krieg beendet, der Hunderttausende Opfer gefordert hat. Noch hängen die Gespräche am ersten Punkt auf der Agenda fest: Landreform und ländliche Entwicklung. Themen wie Drogenschmuggel, Abrüstung und politische Macht der Rebellen wurden noch gar nicht in Angriff genommen.

Am Sonntag sagte der Verhandlungsführer der Regierung, Humberto de la Calle, vor seinem Abflug zum Gesprächsort Kuba, dass die Geschwindigkeit jetzt erhöht werden müsste. FARC-Unterhändler Iván Márquez erklärte am Montag: „Statt mit Rhetorik müssen wir jetzt mit konkreten Vorschlägen loslegen. Wir wollen schnell eine Einigung finden."

Der frühere ELN-Kämpfer León Valencia sagt aber, der Ausschluss der zweiten Rebellengruppe könne die Regierung teuer zu stehen kommen. Valencia – jetzt anerkannter Experte für die Konflikte zwischen Regierung und Rebellen – merkt an, dass in der Vergangenheit alle Friedensabkommen gescheitert sind, an denen nur eine Organisation beteiligt war.

Geldquelle Drogenschmuggel

Vor knapp zehn Jahren schloss der damalige Präsident Álvaro Uribe eine Übereinkunft mit den schwer bewaffneten Autonomen Selbstverteidigungskräften Kolumbiens, einer rechten paramilitärischen Gruppe, auf deren Konto der Tod von Tausenden Bauern, Aktivisten und Guerillas ging. Die Entwaffnung der Organisation verringerte die Gewalt im Land, brachte aber keinen Frieden. „Sobald die Regierung mit einer Rebellengruppe Frieden schließt, werden die anderen stärker und übernehmen das frei gewordene Territorium", sagt Valencia.

Sowohl die ELN, die über etwa 3.000 Kämpfer verfügt, als auch die FARC finanzieren sich hauptsächlich durch Drogenschmuggel. Während die FARC im vergangenen Jahr der Geiselnahme als Einnahmequelle entsagte, weigert sich die ELN nachzuziehen. Beide Organisationen werden von der EU und den USA als terroristisch eingestuft.

Langer Weg zum Frieden

26. Februar 2012: FARC-Rebellen beenden Entführungen von Zivilisten.

27. August: Präsident Santos gibt Gespräche mit der FARC bekannt.

18. Oktober: In Oslo werden die Verhandlungen offiziell eröffnet.

19. November: Die erste Gesprächsrunde auf Kuba wird ohne Ergebnis abgebrochen.

3. Dezember: Die ELN erklärt, man sei in frühen Gesprächen mit der Regierung, was diese weder bestätigt noch dementiert.

11. Januar 2013: Nach ELN-Anschlägen nimmt die Caño-Limón-Pipeline wieder den Betrieb auf.

Auch wenn sie über weniger als die Hälfte der Kämpfer der FARC verfügt, ist die ELN ein Machtfaktor im Land. Beide Gruppen entstammen der Zeit nach den blutigen Religionskonflikten der 1940er und 1950er Jahre, die als „La Violencia" bekannt sind. Der 62-jährige ELN-Anführer Nicolas „Ganino" Rodríguez nahm schon mit 14 Jahren den bewaffneten Kampf auf und ist damit der dienstälteste Rebellenchef Kolumbiens, nachdem FARC-Gründer Manuel Marulanda 2008 gestorben ist.

Die Regierung ignoriert die Angriffe der ELN bisher weitgehend und macht die FARC für die Taten verantwortlich. Die FARC „beauftragt die ELN, ihre kriminellen Aktivitäten fortzuführen", sagte Verteidigungsminister Juan Carlos Pinzón am Freitag. Zwar haben beide Gruppen schon oft beim Drogenschmuggel zusammengearbeitet. Analysten sagen aber auch, dass sie sich genauso oft bekämpft haben.

Für die Gespräche auf Kuba hat die ELN ein eigenes Verhandlungsteam benannt. Am Freitag berichtete die Zeitung El Colombiano, die ELN-Vertreter seien dafür sogar nach Kuba geflogen. Dort sei ihnen aber die Einreise von den Behörden verweigert worden. Die Experten von Insight Crime halten es dennoch für wahrscheinlich, dass Präsident Santos in den kommenden Monaten offizielle Gespräche mit der ELN aufnimmt: „Die zweitgrößte Rebellenarmee in die Verhandlungen einzubinden ist unabdingbar für einen dauerhaften Friedensprozess in Kolumbien." Andere Beobachter rechnen aber damit, dass die Regierung die ELN weiter vom Verhandlungstisch fernhält.

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