• The Wall Street Journal

Ungarn streitet sich mit „Dr. Doom" über schwachen Forint

    Von VERONIKA GULYAS und MARCIN SOBCZYK

BUDAPEST – Ungarns Wirtschaftsministerium gibt der Analystenfirma des amerikanischen Ökonomen Nouriel Roubini die Schuld für den Wertverfall der ungarischen Währung Forint – auch wenn Bemerkungen von hohen Ministerialbeamten zuletzt deutlich machten, dass eine Schwächung der Währung nicht unwillkommen war.

dapd

Ökonom Nouriel Roubini, auch bekannt als "Dr. Doom".

Der ungarische Forint hat Ende vergangener Woche sowohl gegenüber dem Euro als auch gegenüber dem Dollar deutlich an Wert verloren. Am Montag kostete ein Euro fast 300 Forint – so teuer war die europäische Gemeinschaftswährung für Ungarn in rund sieben Monaten nicht. Die Schwäche der Binnenwährung ist ein Problem für Privathaushalte, Unternehmen und die Regierung, die sich viel Geld aus dem Ausland geliehen haben.

„Nouriel Roubini, einer der einflussreichsten Finanzanalysten der Welt, empfahl in einer Nachricht an Investoren beim Forint eine Short-Position einzunehmen", erklärte das Wirtschaftsministerium am Montag. Die Empfehlung Roubinis wurde 3. Januar verbreitet. „Es scheint, dass Spekulanten den Rat von Roubni beherzigt und einen Angriff auf den Forint begonnen haben", schlussfolgerte das Ministerium.

Roubini-Firma spielt den Ball zurück

Nouriel Roubini selbst wollte sich dazu nicht äußern. Doch Julena Vukotic, Chefanalystin von Roubini Global Economics (RGE) für Zentral- und Osteuropa, reagierte. Aussagen von Ungarns Wirtschaftsminister György Matolcsy seien ursächlich für den Kursverfall des Forint, heißt es in einer Research Note. Das ist für den Minister unangenehm: Matolcsy gilt nämlich als heißer Kandidat für den Posten des Notenbankchefs in Ungarn. In einer Zeitungskolumne hatte der geschrieben, Ungarns bisherige Politik, den Forint stark zu halten, habe sich als „katastrophal" erwiesen.

„Die Märkte interpretieren diese Aussage dahingehend, dass sich die Regierung für eine aggressivere Geldpolitik mit quantitativer Lockerung und einer schwächeren Währung stark machen wolle", heißt es in der Mitteilung von Vukotic, die der Stellungnahme des Ministers vom Montag folgte.

Das ungarische Wirtschafsministerium bestritt diese Einschätzung und verwies darauf, dass der Verfall der Währung erst nach dem 3. Januar als Folge der RGE-Analyse eingesetzt habe. Spekulanten seien dort ermutigt worden, eine Wette gegen den Forint einzugehen. In seinem Bericht empfahl Roubinis Unternehmen die Währungen Forint, indische Rupie, tschechische Krone und den südafrikanischen Rand zu verkaufen. RGE verwies dabei auf „ungünstige Aussichten beim politischen Umfeld und makroökonomische Faktoren" in den genannten Ländern.

Nationalökonom Roubini, der schon als Berater des US-Finanzministeriums und für den Internationalen Währungsfonds gearbeitet hat, ist als „Dr. Doom" – „Dr. Untergang" bekannt geworden, weil er den Kollaps des amerikanischen Häusermarktes nebst der folgenden weltweiten Rezession der Jahre 2008 und 2009 vorhergesagt hat.

Besonders am vergangenen Donnerstag und Freitag hat der Forint an Wert verloren. Vorher wurde ein Euro für rund 288 Forint gehandelt.

Tschechien und Polen wollen ihre Währungen schwächen

In anderen Ländern Mitteleuropas, darunter Tschechien und Polen, haben Politiker zuletzt gezielt mit Äußerungen versucht, ihre Währungen zu schwächen, um die Ausfuhren zu stärken. Wird eine Währung schwächer, verbilligen sich Exportwaren im Ausland und lassen sich besser verkaufen.

Seitdem die RGE-Einschätzung zu Ungarn veröffentlicht worden ist, hat sich die tschechische Krone um 1,5 Prozent gegenüber dem Euro verbilligt. Der Wechselkurs des polnischen Złoty verlor zwar ein Prozent seit Beginn des Jahres, ist gegenüber dem Euro aber acht Prozent stärker als im Januar 2012. Der schwache Złoty hat nach Einschätzung von Ökonomen geholfen, dass Polen die erste Welle der globalen Finanzkrise 2009 konjunkturell relativ stabil überstanden hat.

Der südafrikanische Rand gab gegenüber der Einheitswährung fast vier Prozent nach – doch das meiste verlor die Währung, nachdem die Ratingagentur Fitch die Bonität des Staates und seiner Schulden herunterstufte. Die indische Rupie gab um 1,6 Prozent gegenüber dem Euro nach.

Hohe Verschuldung in Ungarn

In Ungarn, wo der Forint seit Bekanntwerden der Einschätzung um 2 Prozent nachgab, versucht die Regierung, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Der Geldpolitik sind dabei jedoch Grenzen gesetzt, weil die öffentliche Verschuldung auf Verbrauchern und Unternehmern ebenso lastet wie die Auslandsverschuldung. Derzeit ist Ungarn nach Angaben der Zentralbank mit 78,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet. Ungarns Notenbankchef Andras Simor hat sich Forderungen nach einer Leitzinssenkung nicht gebeugt.

Analysten und Ökonomen erwarten, dass wer immer Simor nach dem Ende seiner Amtszeit Anfang März nachfolgt, einen weniger konservativen Kurs fahren wird und die Geldpolitik stärker auf Wachstum ausrichten wird.

Ein neuer Zentralbankchef, der eher auf Regierungslinie ist, „vergrößert das Risiko von noch stärkeren Zinssenkungen" ebenso wie „unkonventionellen Maßnahmen", die „Investoren verunsichern und eine Kapitalflucht auslösen können", schrieb Vukotic am Montag als Reaktion auf die Aussagen des Ministers und möglichen ungarischen Zentralbankchefs.

Ungarns stark exportorientierte Wirtschaft befindet sich angesichts der europaweiten Krise inmitten einer Rezession, ebenso wie die Volkswirtschaft Tschechiens. Polen, der größte Wachstumsmarkt in der Europäischen Union, setzte sein Wachstum vergangenes Jahr dagegen fort. Allerdings hat sich das Wachstum unerwartet stark verlangsamt. Die Regierung in Warschau versucht, Defizit und Staatsverschuldung im Zaum zu halten.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 29. Juli

    Das Ende des Ramadan im Iran, bunte Ballons in Indien, ein dehnbarer Turner aus Schottland und Badespaß an einem nordkoreanischen Strand: Das und mehr steckt heute in unseren Bildern des Tages.

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die teuersten Hotelstädte Europas

    Paris, London, Berlin, Lissabon: im Sommer locken Städte die Urlauber. Bei den Zimmerpreisen sind die Unterschiede groß. Wir zeigen, wo Touristen sich das Hotel leisten können - und in welchen Städte die saftigsten Preise fällig werden.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.