• The Wall Street Journal

Griechische Unternehmen lernen die Kunst des Sparens

    Von DEBORAH BALL und ALKMAN GRANITSAS
dapd

Griecheland steckt bereits im sechsten Jahr in der Rezession, seit Anfang 2011 sind 68.000 Firmen im Land bankrottgegangen.

ATHEN—Als die griechische Firma Titan Cement einen neuen Sicherungsgenerator für ihre Brennöfen brauchte, hatte sie nicht genug Geld für die teure Anschaffung. Unternehmenschef Dimitris Papalexopoulos suchte nach einer kreativen Lösung – und fand sie: Seine Ingenieure bauten einen Automotor um und nutzten diesen als Generator.

„Wir haben die letzten zwei Jahre damit verbracht, brutale Veränderungen durchzumachen", sagt Papalexopoulos. Die Nachfrage nach Zement ist seit 2006 um 80 Prozent gefallen. Der Chef spart an allen Ecken und Enden: Wenn er unterwegs ist, nutzt er kostenlose Drahtlosnetzwerke, um seine E-Mails abzurufen, und Meetings hält er papierfrei, um Druckerkosten zu sparen.

Doch selbst nachdem Titan 35 Prozent seiner Mitarbeiter entlassen und einige Vermögenswerte verkauft hat, wird für das Jahr 2012 wahrscheinlich trotzdem ein Verlust herauskommen. „Kaum jemand hat erwartet, dass es so schlimm wird", sagt Papalexopoulos.

Griechenland steckt jetzt schon im sechsten Jahr in der Rezession. Die griechischen Banken sind nahezu insolvent, wodurch 70 Prozent der Unternehmen des Landes nicht ausreichend Zugang zu Krediten haben, berichtet das griechische Institut für Handel und Dienstleistungen. Und immer mehr ausländische Lieferanten und Kunden brechen die Verbindung zu griechischen Unternehmen ab.

Seit 2011 sind 68.000 Firmen bankrottgegangen

Seit Anfang 2011 sind etwa 68.000 griechische Firmen bankrottgegangen, und laut der Athener Handelskammer werden es bis zum Frühjahr weitere 30.000 sein.

Die Situation ist so ernst, dass auch die 44 Milliarden Euro an Hilfsgeldern von der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds kaum private Investitionen wieder aufleben zu lassen. Doch ohne Investitionen kann das Land der Abwärtsspirale nicht entkommen. Also werden griechische Unternehmen dieses Jahr voraussichtlich immer mehr Kosten einsparen.

„Ich glaube, es gibt keinen Kostenpunkt, den wir noch nicht geprüft haben", sagt Dimitris Valachis, Chef des führenden Fischzuchtbetriebs Andromeda. Das Unternehmen muss gegen Wettbewerber ankommen, die ihre Ware billig auf den Markt werfen, um Geld zu generieren. Andromeda hat darauf reagiert und die Gehälter der Angestellten um 20 Prozent gekürzt. Außerdem hat das Unternehmen Unterwasserkameras in den Fischbecken installiert, um zu sehen, wie viel die Fische fressen. Das Futter macht etwa die Hälfte der Kosten aus; durch die Kameras konnte Andromeda diese Ausgaben vergangenes Jahr um zehn Prozent reduzieren.

Viele Menschen hatten für dieses Jahr auf einen Aufschwung gehofft. Im November nannte Ministerpräsident Antonis Samaras die Freigabe der Hilfsgelder in Höhe von 44 Milliarden Euro einen „neuen Anfang für alle Griechen".

Doch nur wenige rechnen noch damit, dass sich die Situation bald bessert. Vergangenen Monat kündigte die Regierung an, dass es bis zu einem Jahr dauern könnte, bis sie die neun Milliarden Euro abgezahlt hat, die sie der Privatwirtschaft schuldet.

Diese Verzögerung bedeutet zum Beispiel, dass Bauunternehmen kurz vor der Insolvenz stehen, da sie für öffentliche Bauprojekte lange Zeit nicht bezahlt werden. Private Kliniken, denen der Staat Millionen schuldet, drohen bereits damit, die Kooperation mit dem öffentlichen Gesundheitswesen abzubrechen.

Obwohl 24 Milliarden Euro der Hilfsgelder dafür reserviert sind, die Banken zu rekapitalisieren, werden diese wohl trotzdem nur ungern Kredite vergeben, solange das wirtschaftliche Umfeld so unsicher ist. „Der Bankensektor wird so bald nicht zu seiner alten Form zurückkehren", sagt George Koulouris, stellvertretender Chef der Marfin Investment Group Holdings, zu der Unternehmen wie Olympic Airlines und die Nahrungsmittelfirma Vivartia gehören.

Auch nach der jüngsten Freigabe der Rettungsgelder mangelt es noch an Vertrauen, dass Griechenland wirklich in der Währungsunion verbleibt. Viele griechische Unternehmen überlegen, ihren Hauptsitz ins Ausland zu verlegen, um wieder Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten und zu Krediten zu erlangen, berichten Banker und Anwälte.

Griechische Firmen kommen nur schwer an Kredite

Doch nur wenige ausländische Banken gewähren griechischen Unternehmen Kredite. Einige ausländische Zulieferer verlangen Vorauszahlungen von den Griechen, während andere überhaupt nicht mit ihnen zusammenarbeiten.

Constantine Michalos, Besitzer einer Fabrik für Gummiprodukte wie Schnuller und Handschuhe, arbeitet seit über 60 Jahren mit demselben malaysischen Latexlieferanten zusammen. Er konnte seine Rechnungen immer 90 Tage nach Lieferung bezahlen. Doch vor kurzem verlangte der Zulieferer, dass er die Ware im Voraus bezahlt. „Das muss ich jetzt mit meinen eigenen Bargeldreserven finanzieren, und die verschwinden langsam", sagt er.

Bright Special Lighting, eine Firma, die Beleuchtung für Hotels, Kaufhäuser und andere öffentliche Gebäude herstellt, hat es schwer, das Vertrauen der Kunden aufrecht zu erhalten. „Die wollen wissen, was unser Notfallplan ist, falls es zum Beispiel einen Streik an den Häfen gibt", sagt der der leitende Manager Nikos Vasiliou. „Sie wollen abschätzen, ob das Unternehmen in der Lage ist, einen Auftrag zu erfüllen."

Seit einem Jahr lädt die Firma potenzielle Kunden daher nach Griechenland ein, anstatt seine Vertriebstruppe ins Ausland zu schicken. Bright Special Lighting gibt 3000 Euro für Flug und Unterkunft der Interessenten aus und führt sie durch die Fabrik vor den Toren Athens. In den vergangenen Wochen kamen Kunden aus Rumänien, Katar und Oman, dessen Regierung einen Auftrag für die Beleuchtung der Militärakademie zu vergeben hat.

„Die Besucher wollen sehen, dass wir ein funktionierendes Unternehmen sind", sagt Vasiliou. Neun von zehn Kunden, die zu Besuch kommen, unterschreiben Verträge, berichtet er.

Selbst die robustesten griechischen Unternehmen können in diesem Umfeld kaum in neue Projekte investieren, sei es in Griechenland oder im Ausland. Innerhalb von fünf Jahren sind Investitionen in Griechenland um 70 Prozent zurückgegangen, berichtet Credit Suisse, während die Industrieproduktion im November den 38. Monat in Folge geschrumpft ist.

Doch es gibt auch Lichtblicke. Diesen Monat wurde die Zementfirma Titan zum ersten griechischen Unternehmen, das seit dem Beginn der Krise vor drei Jahren eine Anleiheauktion abgeschlossen hat. Doch der Preis ist hoch: Das Unternehmen muss 8,75 Prozent Zinsen zahlen, ein Vielfaches der Rate, die Wettbewerber in Zentral- und Nordeuropa zahlen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 23. April

    Bayern-Fans in Madrid, kleine Toreros in der Arena von Sevilla, eine kalte Dusche auf den Philippinen und ein Hoffnungsschimmer für Griechenland. Das und noch viel mehr steckt heute in unseren Bildern des Tages.

  • [image]

    Die Auto-Neuheiten aus China

    Der chinesische Automarkt gilt als schwierig - aber auch als lukrativ. Im Jahr des Pferdes versuchen die Autobauer mit limitierten Editionen und protzigen Modellen, die Käufer zu umgarnen. Wir zeigen Ihnen die Neuheiten der Automesse in Peking.

  • [image]

    Panini-Sticker: Höhepunkte aus 40 Jahren

    Zur Weltmeisterschaft im eigenen Land kamen 1974 die ersten Panini-Klebebilder in Deutschland auf den Markt, inzwischen haben sie Kultstatus. Ein Rückblick auf 40 Jahre Fußballgeschichte.

  • [image]

    Diese Länder sind die Wachstums-Stars

    Die Weltwirtschaft gewinnt weiter an Schwung. Wachstums-Impulse kommen aus den Industrieländern, auch aus Europa. Die höchsten Wachstumsraten sitzen aber woanders. Wir zeigen Ihnen, wo die Wirtschaft am stärksten boomt.

  • [image]

    Die bestverdienenden Bankenchefs der Welt

    Das vergangene Jahr hat sich für die Chefs der internationalen Großbanken wieder gelohnt. Doch auch in der Liga der Großverdiener gibt es deutliche Klassenunterschiede. Wir haben aufgelistet, wer wie viel erhalten hat.