• The Wall Street Journal

Neue Mega-Bombe soll den Iran abschrecken

    Von ADAM ENTOUS und JULIAN E. BARNES

WASHINGTON – Das US-Militär hat seiner größte „Bunkerknacker"-Bombe eine Generalüberholung verpasst. Die verbesserte Waffe soll nun die am besten gesicherte und aufgerüstete Atomanlage des Iran zerstören können.

Die Entwicklung der Waffe sei essentiell, um Israel zu überzeugen, dass die USA den Iran von einem Atombombeneinsatz abhalten könnte, sollte der diplomatische Weg scheitern, sagen Vertreter des US-Staatsapparats. Das israelische Militär könne sich nicht selbst vor einem Nuklearangriff aus dem Iran schützen.

Associated Press

Ein Satellitenbild von 2009 zeigt die Baustelle einer mutmaßlichen Nuklearanlage im Iran.

In den vergangenen Wochen bekamen Vertreter des israelischen Militärs und der Regierung ein geheimes Video der US-Luftwaffe vorgeführt, in dem man sehen konnte, wie eine ältere Version der Bombe bei einem Test in großen Höhen ein Ziel traf. Dabei erklärten Vertreter der US-Regierung laut anwesenden Diplomaten, wie die Bombe umgebaut worden sei. Damit sollten die Israelis von den Möglichkeiten der Amerikaner überzeugt werden.

In dem Video ist zu sehen, wie die Waffe zielgenau in den Boden eindringt. Es folgt eine große unterirdische Explosion, beschreiben Menschen den Inhalt des Videos, die es gesehen haben.

Die Waffe ist die größte konventionelle Bombe, die das Pentagon besitzt. Schon in der alten Version wiegt der im Fachjargon Massive Ordnance Penetrator, auf Deutsch „Schwerer Bomben-Eindringkörper", kurz MOP, rund 13,5 Tonnen. Die sechs Meter lange MOP kann tief eingegrabene Bunkeranlagen mit einem Treffer zerstören. Die neue Version hat angepasste Zünder, die den Wühleffekt verstärken, verbesserte Peilsysteme, um die Präzision zu erhöhen und High-Tech-Ausrüstung, die die iranische Luftabwehr umgehen kann.

Das Ziel der weiterentwickelten Bombe ist die Zerstörung der iranischen Urananreicherungsanlage Fordow, die unter einem Berg in der Nähe der Stadt Ghom liegt. Noch wurde die neue MOP nicht von einem Flugzeug abgeworfen. Sollte dies geschehen, ist vor allem die verbesserte Zielgenauigkeit wichtig – US-Staatsvertreter sagen, dass die Air Force mehr als eine MOP auf die exakt gleiche Stelle werfen müssten, um Fordow tatsächlich komplett zu zerstören: Die erste Bombe soll ein Krater schaffen. Durch das dadurch entstehende Loch sollen weitere Bomben geschickt werden, die noch tiefer eindringen können.

Bisher sorgten sich Israelis und Amerikaner, dass Fordow nicht mit einem Luftschlag ausgeschaltet werden kann. Die Überwindung dieses Problems verbessert auch die Verhandlungsposition des Westens auf dem diplomatischen Parkett – der Iran soll davon überzeugt werden, sein Nuklearprogramm auf die zivile Nutzung zu beschränken.

„Hoffentlich müssen wir sie nie einsetzen", sagt ein ranghoher Vertreter des US-Staatsapparats über die weiterentwickelte Waffe. „Aber wenn wir müssten, würde es funktionieren." Der Pressesprecher des Pentagon wollte die Änderungen an der MOP nicht kommentieren, ebenfalls wollte er nichts über den Inhalt der Treffen zwischen US-Verteidigungsminister Chuck Hagel und israelischen Regierungsvertretern sagen.

Fordow galt lange als schweres, wenn nicht gar unzerstörbares Ziel, zumindest für konventionelle Waffen. Allein für die Entwicklung von rund zwanzig der neuen MOPs hat das Pentagon rund 330 Millionen US-Dollar ausgegeben. Zudem wurde zusätzliches Budget bewilligt, um die Bomben noch effektiver zu machen. Nach Angaben der Regierung wird die Waffe von Boeing gebaut und hat bis jetzt insgesamt über 400 Millionen Dollar gekostet.

Die US-Geheimdienste gehen davon aus, dass die iranischen Atomanlagen so gut gesichert sind, dass das israelische Militär die Anlagen nicht durch einen so genannten „K.o.-Schlag" ausradieren können. Sogar wenn Israel eine eigene MOP besitzen würde – und laut US-Regierungsvertretern hat die USA ihren Verbündeten eine solche nicht angeboten – wäre kein Kampfflugzeug in Israels Luftflotte dafür geeignet, die Bombe tief in den Iran zu transportieren.

Die Neuentwicklung und ihre mögliche Sprengkraft verringere zudem die Wahrscheinlichkeit, dass Israel im Alleingang in diesem und nächstem Jahr eine Bombardierung des Iran anstrebe, sagen US-Staatsvertreter. Das verschaffe der Regierung von Barack Obama mehr Zeit für diplomatische Verhandlungen nach den Wahlen im Iran, die im Juni stattfinden. Israelische Regierungsvertreter wollten dazu keinen Kommentar abgeben. Vertreter aus Jerusalem bestehen auf ihr Recht, den Iran im Zweifel anzugreifen.

US-Verteidigungsminister Chuck Hagel und andere hochrangige Regierungsvertreter hatten ihren Gegenparts in den jüngsten Wochen wiederholt versichert, dass die Regierung im Umgang mit dem iranischen Nuklearprogramm auch militärische Optionen genau abwäge – je nachdem, welche Richtung in Teheran nach der Wahl eingeschlagen werde.

Das Weiße Haus will zwar eine diplomatische Lösung, schließt eine Militäraktion aber auch nicht aus. Sowohl Präsident Barack Obama als auch Hagel hatten ihre jüngsten Besuche in Israel dazu genutzt, den Druck auf Teheran zu erhöhen, indem sie Israels Recht auf einen Militärschlag betonten.

Doch Israels Staatsvertreter bleiben skeptisch. Sie glauben nicht so recht, dass die Regierung von Obama wirklich auf einen Luftschlag gegen Fordow und andere Aufbereitungsanlagen vorbereitet ist. Davon gehen ehemalige und aktuelle Vertreter beider Staaten aus. Diese Skepsis habe die Rufe nach einem Alleingang innerhalb der israelischen Regierung verstärkt – auch wenn ein Angriff durch Israel das Nuklearprogramm der Iraner maximal um ein paar Jahre zurückwerfen könnte, statt es auszulöschen.

Israel glaube immer noch, dass seine eigene Luftwaffe der Aufbereitungsanlage ernsthaften Schaden zufügen könne, sagen israelische und US-Staatsvertreter. Die US-Geheimdienste sehen das ebenso. Verteidigungsminister Hagel kündete bei seinem Besuch in Israel in der vergangenen Woche an, dass Israels Militärausrüstung aufgestockt werden soll. Noch ist aber unklar, wann die neuen Waffensysteme und Kampfflugzeuge geliefert werden.

Die iranische Wahl im Juni wird von US-Vertretern als kritischer Test für die aktuelle Iranpolitik gesehen. Derzeit versuchen die USA, mit Wirtschaftssanktionen die Öffentlichkeit im Iran zu beeinflussen und die Hardliner an den Verhandlungstisch zurückzubringen. Nach der Wahl wird sich zeigen, ob diese Strategie den gewünschten Effekt hat.

Israel und die USA wollen laut Vertretern der US-Regierung bis nach der Wahl abwarten und beobachten, wie sich die dann gewählte iranische Regierung positionieren wird. Sollte die diplomatische Schiene in eine Sackgasse führen, werde die Diskussion über militärische Optionen intensiviert.

„Die Überprüfung der Wahlen" werde „einige Zeit" dauern, sagt eine hochrangige US-Regierungsvertreterin. Wie lange sich die USA und Israel für eine Entscheidung Zeit gegeben haben, wollte er nicht verraten. Man stimme sich „eng miteinander ab."

"Wir wollen die Sorgen um Irans Nuklearprogramm diplomatisch lösen. Aber wie Präsident Obama klar gemacht hat: Die USA wird dem Iran die Entwicklung einer nuklearen Waffe nicht durchgehen lassen. Iran ist am Zug und [Teheran] weiß, dass es nicht unendlich Zeit hat", sagt sie.

Regierungsvertreter aus den USA und Israel glauben, dass der Iran die von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu vorgegebene Anreicherungsgrenze nicht überschritten hat. Im Vorfeld der Wahlen wolle Teheran einen Konflikt mit dem Westen vermeiden.

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