• The Wall Street Journal

Was die Statistiken zu Griechenland verschweigen

    Von RICHARD BARLEY

Die griechischen Wirtschaftsdaten lesen sich düster: Sechs Jahre hält die Rezession bereits an, die Arbeitslosigkeit liegt bei 27 Prozent. Abgesehen von den bloßen Zahlen könnte sich die Situation aber endlich zum Guten wenden.

Fortschritte werden sich aber nicht schnell zeigen: Die EU-Kommission erwartet für dieses Jahr einen BIP-Rückgang um 4,2 Prozent, und die Schuldenlast bleibt trotz zweier Umschuldungen mit 156,9 Prozent des BIP langfristig nicht tragfähig.

Und doch gibt es Gründe für Optimismus.

[image] Reuters

Einer der Hauptgründe dafür sind die politisch stabilen Verhältnisse in Athen – nach zwei emotional hoch aufgeladenen Wahlen im vergangenen Jahr hatten das nur die wenigsten erwartet. Jüngst gelang es Griechenlands Regierung problemlos, ein Gesetz durchzubringen, das die Entlassung von 15.000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst bis Ende 2014 vorsieht – als Teil eines größeren Programms zur Verkleinerung des Staatsapparats um 150.000 Beschäftigte zwischen 2010 und 2015.

In der Vergangenheit verfolgten die globalen Märkte derartige Debatten und Abstimmungen im Parlament hochnervös. Dieses Mal löste das Votum, obwohl sie mit den Stellenstreichungen im öffentlichen Dienst ein Tabu brach, nicht einmal ein leichtes Ruckeln am Markt aus. Zwar geht der Protest gegen die Politik der Regierung weiter, die gewalttätigen Zusammenstöße auf den Straßen sind jedoch abgeebbt.

Haushaltslage verbessert sich

Auf fiskalischer Seite hat Griechenland große Fortschritte gemacht. Im ersten Quartal erzielte das Land vor Zinszahlungen einen Haushaltsüberschuss; für das Gesamtjahr erwartet die EZB in der strukturellen Haushaltsbilanz einen Überschuss von 2 Prozent des BIP. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 stand noch ein Defizit von 14,8 Prozent zu Buche. Das ist eine enorme Verschiebung. Auch die Zinskosten haben sich durch die Schuldenschnitte drastisch verringert.

Inzwischen steigt auch das Vertrauen. Der jüngste wirtschaftliche Stimmungsindikator der Eurozone für Griechenland stieg auf 89,2 Punkte. Damit lag der Wert höher als der für die Eurozone insgesamt. Der griechische Einkaufsmanagerindex deutet bei einem Wert von 45 zwar noch auf einen weiteren Schrumpfprozess hin. Im April lag er laut Daten von Markit aber auf dem höchsten Stand seit 21 Monaten. Die Lohnstückkosten sind derweil kräftig gefallen – allein 2012 um 6,2 Prozent.

Wichtig ist auch, dass mit der schwindenden Angst vor einem Euro-Ausstieg allmählich wieder Geld nach Griechenland fließt. Der Ölkonzern Hellenic Petroleum zog kürzlich für Anleihen im Wert von 500 Millionen Euro Angebote über 2,75 Milliarden Euro an.

Die Privatisierung einer 33-prozentigen Beteiligung am Glücksspielunternehmen Opap nährt Hoffnungen auf weitere staatliche Anteilsverkäufe. Und die Ausgaben von Touristen steigen wieder: Der Verband der griechischen Tourismus-Unternehmen erwartet im laufenden Jahr 17 Millionen Touristen, eine Million mehr als 2012.

Staat begleicht Zahlungsrückstände

Auch im Inland kommt das Geld wieder unter den Matratzen hervor: Die Einlagen bei den griechischen Banken in privater Hand sind seit den Tiefständen im vergangenen Juni um 9 Prozent gestiegen. Im März blieben sie entgegen der Sorgen, dass die Rettung Zyperns für Abflüsse sorgen könnte, stabil.

Und es gibt noch mehr Hoffnungszeichen: Der Staat hat 2,2 Milliarden Euro an Zahlungsrückständen beglichen, von insgesamt 9 Milliarden. Auch die Arbeit an einigen größeren Autobahnprojekten wurde wieder aufgenommen, was Tausende Jobs schaffen könnte.

Die wahre Bewährungsprobe steht Griechenland aber noch bevor: Wenn das Land seinen Sanierungsplan erfüllen kann, winkt nämlich eine weitere Erleichterung bei den Schulden. Der IWF plädiert bereits für ein Entgegenkommen, die komplizierten politischen Verhältnisse in der Eurozone sprechen aber dafür, dass es noch eine Weile dauern wird.

Unter dem Strich legt Griechenland aber den Grundstein sowohl für Wachstum als auch für eine geringere Schuldenlast. Hat das Land mit beidem Erfolg, wäre das ein grundlegender Wandel.

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