• The Wall Street Journal

Twitter als Investmenthilfe

    Von STEPHAN DÖRNER

Bewegt die Stimmung in Internetmedien wie Onlineforen und Twitter das Auf und Ab der Märkte? Dieser Frage wollten amerikanische MIT-Wissenschaftler gemeinsam mit chinesischen Forschern der National University of Defense Technology nachgehen. Sie untersuchten den Einfluss von Twitter auf den Dow Jones Industrial Index und fanden tatsächlich einen Zusammenhang: Je nervöser und emotionaler die Stimmung der Anleger war, die sich auf Twitter äußerten, desto eher ging es an den Aktienmärkten bergab. Eine besondere Ballung emotionaler Worte – egal ob positiv oder negativ – erwies sich als recht zuverlässiges Signal, dass es mit dem Dow kurz danach abwärts geht, während das Fehlen emotional aufgeladener Worte wie „nervös", „aufgebracht", „begierig" oder „hoffnungsvoll" auf ein Plus am Aktienmarkt hindeute, berichtet die Welt.

Screenshot

Website von Stockpulse.

Stefan Nann, Chef des Kölner Start-ups Stockpulse, hat sich ebenfalls wissenschaftlich mit dem Zusammenhang zwischen den Märkten und sozialen Medien im Internet auseinandergesetzt. Gemeinsam mitseinem Kollegen Jonas Krauss und Detlef Schoder, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Köln, Hat er untersucht, , ob es zwischen der Diskussion einzelner Aktienwerte in Onlineforen wie bei Yahoo Finance, Microblogging-Seiten wie Twitter und klassischen Zeitungsartikeln einen Zusammenhang mit der unmittelbaren Weiterentwicklung des Kurses an den Aktienmärkten gibt. Die Nachrichten wurden jeweils auf einzelne Werte untersucht und mittels Software wurde jeder Nachricht eine Tendenz in der Stimmung – positiv oder negativ – zugeordnet.

Satte Rendite - wenn Transaktionskosten keine große Rolle spielen

Daraus entwickelten die drei Forscher ein Modell für Kauf- und Verkaufssignale und führten auf dieser Basis 833 virtuelle Trades durch. Gehandelt wurden dabei nur Werte aus dem amerikanischen S&P-500-Index, die eine gewisse Mindestmarktkapitalisierung aufweisen und dadurch auch entsprechend häufig gehandelt werden.

Tatsächlich gelang es, mit dieser simplen Methode eine satte Rendite einzufahren – zumindest, wenn die Handelskosten außer Acht gelassen werden. Je nach Transaktionskosten lag die Rendite zwischen 200 und -11,5 Prozent. Bei Annahme branchenüblicher Transaktionskosten lag die Rendite von Juni bis Ende Nobember 2011 bei 72 Prozent - der Leitindes S&P 500 verlor in dieser Zeit 9 Prozent an Wert.

Für Kleinanleger wäre diese Methode allerdings nichts – denn die gehandelten Summen wären nicht groß genug, damit sich die kleinen Veränderungen am Aktienmarkt nach Abzug der Kosten für den Handel noch lohnen. Doch institutionelle Händler, die Intraday-Handel betreiben, könnten von diesen Informationen profitieren. Das Forschungspaper wird offiziell im Juni auf der ECIS-Konferenz vorgestellt.

Die Methode basiert dabei auf sogenanntem Backtesting: Softwarealgorithmen analysierten, wie sich die untersuchte Aktie in der Vergangenheit bei sehr ähnlicher Stimmung verhalten hat und handeln danach. „Wenn sich daraus eine Signifikanz ergibt, das heißt zum Beispiel in 80 Prozent der Fälle ist der Kurs gefallen oder gestiegen, dann sagt das System, dass der Kurs mit 80 Prozent Wahrscheinlichkeit steigt oder fällt", erklärt Stefan Maurer, Partner bei Stockpulse, die Methode. Das Unternehmen wertet Aktien auf Basis der Informationen aus, die es aus Gesprächen über die Werte im Netz filtert. Die Arbeit von Stefan Nann, Jonas Krauss und Professor Schoder an der Universität Köln ist dabei die Basis der Software.

Gute Stimmung bedeutet keine steigenden Kurse

„Blind danach zu handeln würde ich nicht empfehlen, aber es ist eine von fünf oder zehn Informationsquellen, die du benutzen musst", sagt Maurer. Gute Stimmung heißt nicht immer, dass der Kurs nach oben geht und schlechte bedeutet umgekehrt auch nicht, dass die Werte verlieren müssen. Mindestens die Hälfte der Signale sind Kontraindikatoren, erklärt Mauer – der Markt läuft also mit hoher Wahrscheinlichkeit genau entgegengesetzt der Stimmung in den ausgewerteten Medien.

Stockpulse will diese Informationsquelle zu den Brokern bringen. Das Kölner Unternehmen ist nicht das einzige, das im Bereich der Aktien-Stimmungsanalyse aktiv ist. Auch die New Yorker Börse beispielsweise will auf Informationen aus dem Internet nicht mehr verzichten. Wie das ZDF-Blog Hyperland im Mai berichtete, hat die New York Stock Exchange (NYSE) damit begonnen, systematisch Twitter nach börsenrelevanten Informationen zu durchforsten. „Es geht nicht darum, was passiert ist, es geht uns darum, was gerade passiert", erklärte eine Sprecherin der Börse im Gespräch mit dem Blog die Motivation des Unternehmens. Technisch wird die Twitter-Analyse an der Börse in New York von der US-Firma Social Market Analytics realisiert. Die Firma wertet allerdings nur ausgewählte und als vertrauenswürdig geltende Accounts wie Nachrichtenagenturen und Analysten aus.

Der Ansatz von Stockpulse ist ein anderer. Das Unternehmen bezieht alle Nachrichten von Twitter sowie weiteren Informationsquellen im Internet wie Aktien-Webforen mit ein. Facebook wird nicht ausgewertet, da die Daten nicht öffentlich sind. Das System muss dabei beispielsweise unterscheiden, ob es sich bei einer Äußerung im Netz auch tatsächlich um die Aktie geht. Borussia Dortmund beispielsweise ist an der Börse gelistet, die meisten Gespräche über den Fußballverein im Web dürften sich aber nicht um die Aktie drehen.

Jugendslang stört Softwarealgorithmus

Dabei stößt die Software immer wieder auf Hürden – Jugendslang zum Beispiel. Im Hip-Hop-Jargon ist der Ausdruck „Swag" beliebt, der gerne auch „$WAG" geschrieben wird – um das Wort cooler aussehen zu lassen. „$WAG" ist allerdings auch das Kürzel für die Aktie der an der New Yorker Börse gehandelten Firma Walgreen . „Am Anfang hat das System immer gedacht, die Leute redeten über die Aktie", sagt Mauer. „Da muss man das System trainieren – das ist auch wirklich eine langwierige Geschichte gewesen. Einmal die Aktie richtig zu erkennen und dann auch die Stimmung richtig zu erkennen."

Ein starkes Signal sei, erklärt Mauer von Stockpulse, wann immer ein Wert bereits große Aufmerksamkeit in den Internetmedien erhält und sich dann die Stimmung schlagartig verändert – entweder vom Negativen ins Positive oder umgekehrt. „Dann ist es meistens so gewesen, dass sich kurz danach auch der Aktienkurs in diese Richtung bewegt hat", erklärt er. Das habe beispielsweise recht gut beim Euro-Dollar-Kurs funktioniert. Der Kurs folge dem Stimmungsumschwung etwa 10 bis 15 Minuten später.

Ein weiteres Beispiel ist die Apple-Aktie. Die Diskussion über das Wertpapier war in den ausgewerteten Internetmedien in den Wochen vor den jüngsten Quartalszahlen sehr präsent – und zwar überwiegend negativ. Direkt nach der Veröffentlichung der jüngsten Zahlen drehte sich die Stimmung ins Positive und der Kurs hielt sich auch nachbörslich wacker. „Gegen zwei Uhr deutscher Zeit, also kurz vor Börseneröffnung in den USA, ist die Stimmung dann wieder total abgestürzt", berichtet Mauer – so stark, dass Stockpulse ihm eine Warnung über eine plötzliche Stimmungsveränderung schickte. Der Kurs sackte kurze Zeit später vorbörslich von 410 auf 395 Dollar ab und erholte sich zur Börseneröffnung wieder – zusammen mit der Stimmung.

Nur für kurzfristig orientierte Händler interessant

„Es ist aber nicht so, dass wir sagen, wir haben die perfekte Handelsstrategie – kauf die und dann läuft alles. Es ist nur eine Zusatzinformation, die es sonst noch nicht gibt", sagt Mauer. Für langfristig orientierte Anleger und Kleinanleger sind diese Information nicht relevant. „Du musst schon kurzfristig handeln, das sind ja Stimmungen", sagt Mauer. „Das sagt man ja auch so am Aktienmarkt: Kurzfristig spielt die Stimmung eine sehr große Rolle, langfristig basiert das dann wieder mehr auf Fakten." Als Kunden hat Stockpulse Banken und andere institutionelle Anleger im Auge. Aber auch Informationsdienstleister nutzen das Angebot – Stockpulse versorgt beispielsweise das Aktienportal Onvista bereits mit Informationen zur Stimmung in den sozialen Medien.

Soziale Medien sind daher natürlich auch ein Spielfeld für Aktienmanipulatoren. Besonders bekannt wurde der Tweet eines gehackten Account der Nachrichtenagentur AP auf Twitter, der eine Bombenexplosion im Weißen Haus meldete. Innerhalb von drei Minuten verlor der Leitindex S&P 500 vorübergehend mehr als 136,5 Milliarden Dollar an Wert. Die Stimmung zu verschiedenen Aktien ließe sich allerdings auch einfacher ohne Hack durch Fake-Accounts manipulieren – wenn die Stimmung für immer mehr Händler entscheidend wird, sind Manipulationen umso wirkungsvoller.

Katz-und-Maus-Spiel mit Twitter-Manipulatoren

„Im Moment ist etwa ein Drittel aller eingehenden Nachrichten Spam – und das wird aussortiert", sagt Mauer. „Das ist wie beim Wettlauf mit den Virenscannern und den Viren: Du musst immer dranbleiben, um Spammer zu identifizieren und auszusortieren." Wie hoch der Spam-Anteil ist, hänge stark von der Quelle ab – in bestimmten Börsenforen beispielsweise sei er eher niedrig, bei Twitter sehr hoch. Bei Stockpulse kommt keine Positivliste zur Auswertung der Accounts zum Einsatz. Allerdings wird jedes Konto gewichtet, wobei unter anderem das Netzwerk eine Rolle spielt.

Mauer geht davon aus, dass in absehbarer Zeit so gut wie jeder professionelle Händler Daten zur Stimmung im Internet als weitere Informationsquelle nutzen wird. „Es ist nun mal eine Informationsquelle – und wir arbeiten alle noch daran, wie man sie am besten nutzt. Aber die Informationen sind da und es werden auch immer mehr", sagt er. Wie stark sie anwachsen, sieht man beim Blick auf das Datenarchiv von Stockpulse: Vor fünf Jahren spielte Twitter bei den ausgewerteten Daten kaum eine Rolle, heute ist es die größte Datenquelle.

Wer als Daytrader heute auch auf Informationen zur Stimmung im Netz setzt, hat derzeit noch einen Informationsvorsprung, glaubt Mauer. Das werde aber nicht so bleiben, sobald der Rückgriff auf solche Informationen Standard werden. „Das ist ja immer so mit Innovationen", sagt er. Trotzdem brauche man diese Informationen auch dann noch – um nichts zu verpassen.

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com

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