• The Wall Street Journal

Softwaredesign-Papst zerreißt Windows 8

Jakob Nielsen ist der weltweit bekannteste Experte für die Benutzeroberflächen von Software. Microsofts neues Betriebssystem Windows 8 fällt bei ihm durch.

    Von STEPHAN DÖRNER

Microsofts neues Betriebssystem Windows 8 biete eine enttäuschende Bedienung sowohl für Neulinge als auch für professionelle Anwender, schreibt der bekannte Software-Berater und weltweit anerkannte Usability-Experte Jakob Nielsen auf seiner Website.

dapd

Kacheln statt Fenster: Microsoft-Chef Steve Ballmer vor Windows-8-Hintergrund.

Die Hauptkritikpunkte des Experten: Verstecke Funktionen, eine verwirrende Bedienung, eine Überforderung der Nutzer durch zwei verschiedene Benutzeroberflächen und eine schlechtere Ausnutzung der Vorteile des PCs, um das System besser an Tablets und Smartphones anzupassen.

Mit der jüngsten Veröffentlichung von Windows 8 und dem Tablet Surface habe Microsoft seine Strategie bei der Benutzerführung um 180 Grad gedreht, schreibt Nielsen. Bislang habe Microsoft die Funktionen der Software in den Vordergrund gestellt. Das sei teilweise sogar in „Featuritis" ausgeartet – das Überladen mit Funktionen, erklärt der Usability-Experte. Nun versuche der Software-Konzern das genaue Gegenteil - mit großen bunten Kacheln, die die benötigten Funktionen verbergen.

Mit der neuen Kachel-Benutzeroberfläche hat Microsoft das erste Windows-Betriebssystem veröffentlicht, das auch für Tablets und andere mobile Geräte wie Smartphones optimiert ist. Zunächst nannte der Softwarekonzern die neue Oberfläche „Metro", verzichtete dann aber aus Rücksicht auf den gleichnamigen deutschen Handelskonzern und Microsoft-Partner auf den Namen.

dapd

Usability-Experte Jakob Nielsen.

Microsoft sieht vor, dass auch Desktop-Nutzer zunächst immer die Kachel-Oberfläche sehen, die sich nur schließen aber nicht komplett deaktivieren lässt. Auf Windows 8 laufen damit beide Welten parallel: Die klassische Windows-Oberfläche mit Anwendungen im herkömmlichen Windows-Design und neue Apps für die Kachel-Oberfläche, die auf die Bedienung für Touchscreens mittels Fingern optimiert sind. Microsoft versucht, seinen Marktanteil bei Tablets zu steigern. Der Markt wird bislang von Apples iPad und verschiedenen Tablets mit Googles Android-Betriebssystem beherrscht.

Windows 8 überfordert selbst erfahrene Nutzer

Nielsen lud zwölf erfahrene Windows-PC-Nutzer ein, um die neue Benutzeroberfläche von Windows 8 sowohl auf klassischen PCs als auch auf Microsofts Surface-Tablet zu testen. Dabei stellte er durch den doppelten Desktop eine Überforderung seiner Probanden fest. Die Tatsache, dass sich Windows 8 dem Nutzer mit zwei verschiedenen Gesichtern präsentiere, führe zu einer Reihe von Problemen, führt Nielsen aus. So müssten sich die Nutzer daran erinnern, auf welcher Oberfläche sie sich befinden müssen, um eine bestimmte Funktion zu erreichen. Führt ein Nutzer einen Webbrowser in beiden Umgebungen aus, werden zwei unterschiedliche Instanzen gestartet - wodurch der Nutzer in beiden Browser-Versionen verschiedene Websites offen hat. Beide Umgebungen funktionierten außerdem auf unterschiedliche Weise, wodurch der Nutzer zusätzlich verwirrt würde.

Ein Windows ohne Fenster

Als eine der größten Verschlechterungen für professionelle Nutzer bezeichnet Nielsen die Tatsache, dass die neue Windows- 8-Oberfläche keine Fenster mehr unterstütze, was den Namen des Betriebssystems ad absurdum führe. Unter der neuen Windows-8-Oberfläche ist es nicht mehr möglich, mehrere Fenster nebeneinander anzuzeigen. „Die Hauptbenutzeroberfläche zwingt dem Anwender ein einzelnes Fenster auf. Daher sollte das Produkt vielleicht in Microsoft Window umbenannt werden", scherzt Nielsen. Damit orientiert sich Microsoft an den Tablet- und Smartphone-Systemen von Apple und Google – auch dort wird immer nur eine Anwendung im Vollbildmodus gleichzeitig angezeigt. In der klassischen Umgebung von Windows 8 ist das Nebeneinander von Fenstern aber auch weiterhin möglich.

Auch Microsofts Versuch, den Windows-Schaltflächen eine modernere und schickere Optik zu verpassen, ist für Nielsen misslungen. „Die Benutzeroberfläche von Windows 8 ist vollkommen flach", schreibt er. Dadurch habe der Nutzer keinerlei Hinweis darauf, welche der Schaltflächen anklickbar sind und welche nicht. So wirke das anklickbare Menü „PC-Einstellungen ändern" eher wie der Titel der entsprechenden Optionen. Bisher habe Microsoft hier mit 3D-Effekten gearbeitet. Immerhin gesteht der Software-Berater der Oberfläche aber eine elegantere Typografie zu. Außerdem wirkten die farbenfrohen Kacheln frisch.

Viel Platz, wenig Informationen

Screenshot useit.com

Viel Platz und wenig Informationen: Die Windows-8-App "Big Finance".

Ebenfalls kritisch sieht Nielsen die Empfehlungen von Microsoft für Applikationen unter Windows 8, die Microsoft selbst mit Apps wie der im neuen Windows integrierten Aktienchart-App umgesetzt hat. Die Microsoft-Empfehlungen führten zu Apps mit niedriger Informationsdichte, schreibt Nielsen. Das zeige sich bei verschiedenen Anwendungen, die bereits für die neue Windows-Oberfläche optimiert sind. „Obwohl die Applikation ‚Big Finance' auf einem großen 10,6-Zoll-Tablet ausgeführt wird, zeigt sie nur eine einzige Nachricht und drei Zitate zum Aktienmarkt auf dem Start-Bildschirm an". Auch die bereits auf die Windows-8-Oberfläche optimierte App der Los Angeles Time sei nicht viel besser. „Der Startbildschirm für die App der Zeitung ist auf drei Schlagzeilen und eine Werbung beschränkt. Tatsächlich zeigen sie nicht einmal die komplette Schlagzeile, und die Zusammenfassung lässt nur Raum für sieben Worte. Kommt schon! Diese Mini-Anzahl von Nachrichten ist alles, was ihr in 1366 x 768 Pixeln unterbekommt?"

Für die sich selbst aktualisierten Kacheln der Windows-Oberfläche gibt es von Nielsen auch Lob. So würde beispielsweise die Kachel für die Wetter-App die wichtigsten Informationen bereits auf der Oberfläche anzeigen, die E-Mail-Applikation zeigt dort bereits die Betreffzeile der neuesten Nachricht und die Kalender-App den nächsten Termin.

Die Live-Kacheln hätten aber auch einen erheblichen Nachteil: Schon bei Icons, die sich niemals ändern, hätten Nutzer-Tests ergeben, dass Anwender nur selten benutzte Programme schwer wiederfinden und sich den Namen oft nicht merken können. Das sei durch die sich verändernden Kacheln noch schlimmer geworden. „Die Theorie ist sicher, dass die Nutzer durch die Vorschau auf neue Fotos und interessante Inhalte in den Kacheln angesprochen werden. Doch das Ergebnis macht den Startbildschirm des Surface zu einer unaufhörlich blinkenden, unruhigen Umgebung, die wirkt, als würden einen ein Dutzend Kirmes-Ansager gleichzeitig anschreien", kritisiert Nielsen.

Windows versteckt Optionen

Ebenfalls kritisch sieht Nielsen die Tatsache, dass Microsoft Funktionen vor dem Benutzer versteckt. So lassen sich bestimmte Funktionen nur über die sogenannten „Charms" aufrufen – ein Menü, das erst im Bild erscheint, wenn der Nutzer von rechts in das Display wischt. Funktionen zu verstecken ergebe auf den kleinen Bildschirmen von Mobiltelefonen Sinn – nicht aber auf den größeren Bildschirmen von Tablets und schon gar nicht auf den in der Regel sehr großen Displays von PCs. „In der Praxis funktionierten die Charms schlecht – zumindest für einige Nutzer. Der alte Spruch ‚Aus den Augen aus dem Sinn' erwies sich als korrekt. Weil die Charms versteckt waren, vergaßen unsere Probanden sie aufzurufen, auch als sie sie brauchten."

Außerdem seien die Charms zwar über alle Anwendungen gleich, funktionierten aber nicht überall. So klickten die Anwender häufig auf „Suchen" nur um dann mitgeteilt zu bekommen, dass das Programm keine Suchfunktion habe. Auch hätten nicht alle der Testpersonen verstanden, dass die Funktionen je nach Programm verschiedenes bedeuteten.

„Fürchterlich" für PCs

Fazit des umfangreichen Tests von Nielsen: Die Benutzeroberfläche von Windows 8 sei für Tablets schwach und auf PCs „fürchterlich". Im Tablet-Modus habe Windows 8 zwar Schwächen – doch keine so gravierenden, dass sie nicht durch kleinere Anpassungen behoben werden könnten. Auf dem PC sei die neue Benutzeroberfläche dagegen „ein Monster, das arme Büroarbeiter terrorisiert und ihre Produktivität zerstört."

dapd

Laptops mit Windows 8.

Nielsen betont, dass er kein Microsoft-Hasser sei und selbst vor vielen Jahren vom Mac auf Windows gewechselt habe. Windows 7 sei ein sehr gutes Produkt, betont er. „Ich habe große Hoffnungen für Windows 9 für Smartphones und Tablets", schreibt er. „Nachdem Windows 7 das bessere Vista war, ist es wahrscheinlich, dass sich Windows 9 als das bessere Windows 8 herausstellen wird." Für den PC sehe es schlechter aus. „Das war einmal Microsofts Kernzielgruppe, und nun haben sie ihre wichtigsten Kunden den Wölfen zum Fraß vorgeworfen, indem sie ein Betriebssystem auf den Markt gebracht haben, das die mächtigen Vorteile des PCs verschwinden lässt, nur damit es besser auf kleineren Geräten funktioniert", kritisiert Nielsen. Es wäre deutlich besser gewesen, für den Desktop und mobile Geräte jeweils zwei verschiedene Systeme zu entwickeln, ist er überzeugt.

Microsoft-Chef Steve Ballmer hatte Windows 8 als Microsofts bislang riskantestes Produkt angekündigt. Damit scheint er recht zu behalten. Nielsen selbst schließt damit, dass er die nächsten Jahre bei Windows 7 bleiben wird und auf bessere Zeiten mit Windows 9 hofft. „Was an Microsoft großartig ist: Sie korrigieren Fehler für gewöhnlich."

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com

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