• The Wall Street Journal

Warum die Märkte die Fiskalkippe so fürchten

    Von FRANCESCO GUERRERA

In diesen Tagen erinnern politische Treffen in Washington an eine Konferenz von Steuerberatern. Während die USA Richtung Fiskalklippe taumeln, hallen in den Gemäuern der Macht Fragen über die Höhe von Unternehmenssteuern, ausgeglichene Haushalte und Insolvenzverwalter nach. Ich selbst hörte all diese Worte wiederholt während der CEO-Konferenz des Wall Street Journals in Washington vergangene Woche.

dapd

US-Präsident Barack Obama (rechts) und John Boehner, Sprecher der Repräsentantenhauses, sprechen am Freitag vor Journalisten. Nichts fürchten Investoren derzeit so sehr wie den politischen Stillstand der USA.

Außerhalb der Hauptstadt beobachten die Märkte und die Unternehmenswelt das Treiben. Man ist verwirrt, besorgt und alles andere als begeistert. Der Streit um die Klippe – eine 500-Milliarden-Kombination aus Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen, die automatisch im Januar in Kraft tritt, wenn sich Demokraten und Republikaner bis dahin nicht geeinigt haben – beunruhigt Investoren und flößt Unternehmen Angst ein. All das in einer Zeit, in der die Weltwirtschaft darauf angewiesen ist, dass die USA das Wachstum treiben und Vertrauen wiederherstellen.

Bevor sich Demokraten und Republikaner zum Feilschen hinter geschlossene Türen zurückziehen, sollten sie Folgendes berücksichtigen: Investoren, Händler, Banker und Manager wollen weder einen halbgaren Kompromiss noch Verzögerungstaktiken.

CEOs fürchten Fiskalklippe am meisten

Die rund ein Dutzend CEOs der Finanzunternehmen, welche die Konferenz CEO Council des Wall Street Journal besuchten, nannten die Instabilität, welche der politische Streit hervorgebracht hat, als ihre größte Sorge. Diese war sogar größer als die bereits seit Jahren genannten Sorgen um Regulierungen und die lahmende Konjunktur.

Stephan Schwarzman, Chairman und Geschäftsführer des Private-Equity-Unternehmens Blackstone, sagte: „Unserer Meinung nach würde ein Herunterfallen von der Fiskalklippe unvorhersehbare Konsequenzen haben – und nur die wenigsten davon wären gut. Außerdem ist es unklar, wie Verbraucher, Märkte und andere darauf reagieren würden. Das sorgt für einigen Druck bei den Verhandlungen."

Wenn Ihnen das einleuchtend erscheint, sind Sie vermutlich kein politischer Verhandlungsführer in Washington. Meine Zeit in der US-Hauptstadt hat mir einige Hinweise dafür geliefert, dass die beiden Seiten sich gerade auf ein erbarmungsloses politisches Spiel vorbereiten, das sie bis kurz vor den Rand der Fiskalklippe treiben könnte.

Da gab es beispielsweise ein ehemaliges Mitglied aus dem ökonomischen Beraterteam von Präsident Obama. Der hatte gefragt, wen es denn störe, wenn der politische Stillstand eine Abwertung der Kreditbonität der USA zur Folge hätte (Antwort: eine Menge Investoren). Es gibt Politiker auf beiden Seiten, die darüber diskutieren, wie es gelingen kann, den „richtigen Deal" auszuhandeln statt sich Gedanken darüber zu machen, wie es überhaupt möglich ist, einen Kompromiss zu finden. Und dann gab es da noch dieses Kongressmitglied, das tatsächlich sagte, die Märkte würden es „schon verstehen", wenn eine Lösung ein oder zwei Wochen ins Jahr 2013 verschoben werden muss.

Trotz der Aktienrally vom Montag gibt es nur wenige Hinweise darauf, dass die Märkte Verständnis aufbringen werden. Vor dem Gewinn von 207 Punkten am Montag verlor der Dow Jones Industrial Average an sechs der letzten acht Handelstage, seit mit der Wahl des US-Präsidenten am 6. November das Thema Fiskalklippe auf die politische Bühne kam.

Nicht nur die etablierten Standardwerte spüren den Druck. Der Technologie-Index Nasdaq Composite und der Russell 200 Index, der sich aus Aktien mit niedriger Marktkapitalisierung zusammensetzt, schlitterten beide in der vergangenen Woche in eine Korrektur – ein Minus von 10 Prozent und mehr von den jüngsten Höchstständen.

Die durch die Fiskalklippe bedingte Volatilität wurde am Freitag sichtbar, als die Nachricht über ernsthafte Verhandlungen zwischen beiden Seiten dem Dow dabei half, seine frühen Verluste wettzumachen und 0,4 Prozent höher zu schließen.

Es gibt natürlich auch andere Gründe für das Dilemma des Aktienmarktes, darunter Europas nicht enden wollendes Leiden, Chinas politischer Wandel und der Krieg im Nahen Osten. Doch die Zweifel an der Fähigkeiten der Politik, ein Problem zu lösen, das sowohl technisch komplex als auch voller politischer Spannungen ist, überschatten alles andere.

Pessimisten überwiegen

Eine Umfrage unter den Mitgliedern des CEO Councils zeigte, dass doppelt so viele CEOs glauben, dass es bis Silvester keinen Kompromiss geben wird, wie Optimisten, die dagegen halten. Dabei spielt Marktpsychologie ebenso eine Rolle wie Erfahrungen aus der jüngsten Geschichte. Während viele Laien daran glauben, dass der gesunde Menschenverstand siegen wird und ein Kompromiss zustande kommt, blicken Händler und Banker auf zwei traumatische Ereignisse zurück, bei denen sich Washingtons Ineffizienz bewies.

Das erste ist der „TARP"-Crash vom 29. September 2009. Damals hielt es der Kongress mitten in der Finanzkrise für angebracht, das Troubled Asset Relief Program (TARP) zur Rettung der Banken abzulehnen – was die Aktien ins Bodenlose fallen ließ. Der Dow verlor 778 Punkte und damit fast 7 Prozent an diesem Tag. Die überraschende Entscheidung wurde nur einen Tag später revidiert – doch der Schaden war da bereits angerichtet.

Das zweite Ereignis war das armselige Geschacher über die Erhöhung der Schuldengrenze im vergangenen Jahr. Die Verhandlungen endeten mit einem in elf Stunden ausgehandelten Kompromiss. Doch das vorangehende Feilschen verunsicherte die Investoren, was letztlich in der Aberkennung der AAA-Bonität der USA durch Standard & Poor's mündete. Die jüngste vierwöchige Verlustserie des Dow ist die längste seit August 2011, dem Monat der Schuldengrenzen-Übereinkunft.

Über die kommenden Wochen werden Politiker und Kommentatoren viel über die Fiskalklippe reden. Aus Sicht der Märkte sieht das, was vor uns liegt, allerdings deutlich mehr nach einer Achterbahnfahrt aus, als nach einer Klippe.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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