• The Wall Street Journal

Italien will Steuerbetrügern Angst machen

    Von MANUELA MESCO

ROM—Die italienische Regierung hat in ihrem immerwährenden Kampf gegen Steuerhinterziehung eine neue Botschaft für Betrüger: Überprüfe dich selbst. Die Idee dahinter ist ein Steuer-Selbsttest. Mit diesem Online-Programm kann jeder überprüfen, ob seine Steuererklärung mit dem übereinstimmt, was er für Wohnen, Mobilität, Bildung und anderes wie das Fitnessstudio oder Maniküre ausgibt.

Bei dem "Einkommenstest" mit Auswahlantworten gibt man sein Gehalt ein und beantwortet anschließend Fragen zu seinem Konsumverhalten: etwa ob man einen Motorroller, ein Boot oder einen Hubschrauber sein eigen nennt; ob man in einer Villa oder einer Einzimmerwohnung lebt oder Geld für Antiquitäten und Elektrogeräte ausgibt. Ein grünes Feld signalisiert am Ende, ob die Ausgaben tatsächlich zu dem Einkommen passen, das man angegeben hat. Wenn ein rotes Feld aufleuchtet, sollte man die Ungereimtheiten besser geraderücken.

Screenshot des Youtube-Videos, mit dem die italienische Steuerbehörde ihren neuen Selbsttest vorstellt und erklärt.

"Wer ein rotes Feld sieht, kann ziemlich sicher sein, dass wir hinter ihm her sind", sagt Salvatore Lampone, einer der ranghöchsten Fahnder der italienischen Steuerbehörde, der den Test am Dienstag auf einer Pressekonferenz vorstellte. "Der Test soll so etwas wie ein moralisches Zureden sein."

Steuerhinterziehung ist eines der größten Probleme der italienischen Wirtschaft. Der Umfang des Schwarzmarktes – also alle inoffiziellen Wirtschaftsaktivitäten jenseits der kriminellen wie Drogenhandel – wird von der Statistikagentur Istat auf 275 Milliarden Euro geschätzt, das sind rund 18 Prozent der italienischen Wirtschaftsleistung.

120 Milliarden Euro entgangene Steuern

Die Steuerbehörde schätzt, dass sich die nicht gezahlten Steuern – von nichtdeklarierten Verkäufen in Cafés bis zu zu niedrig angesetzten Einkommen – jährlich auf rund 120 Milliarden Euro belaufen.

Daten von Sogei, einem IT-Dienstleister für das Finanzministerium, zeigen, dass im Jahr 2011 rund 27 Millionen Italiener ein Einkommen von unter 20.000 Euro deklariert haben. Mehr als 200.000 dieser Steuerzahler besaßen jedoch große Boote, Luxusautos oder gar Hubschrauber.

Der Test "ist ein Weg für die Steuerbehörde zu sagen: pass auf, wir beobachten dich. Und es hilft Steuerzahlern, sich selbst Fragen zu stellen und ihre deklarierten Ausgaben besser einzuschätzen"", sagt Guido Arie Petraroli, Partner der Steuerkanzlei Fantozzi & Associati in Mailand.

Ausforschen kann die Steuerbehörde die Steuerzahler mit dem Test aber nicht. Sie hat keinen Zugriff auf die eingegebenen Informationen, weil der Fragebogen Teil eines Programms ist, das auf den eigenen PC heruntergeladen wird. Er ist entsprechend nur dort einsehbar.

Programm kann Steuerbetrügern auch helfen

Die Bürger auszuspionieren sei auch nicht ihre Absicht, sagt die italienische Steuerbehörde. Der Test sei nur ein Mittel von vielen, um die Menschen zur Steuerehrlichkeit anzuhalten. Einige kritisieren jedoch , dass der Selbsttest letztlich nur ein Gag ohne praktische Relevanz sei – oder noch schlimmer, eine Hilfe für Steuerbetrüger.

Marco Paccagnella, Chef des Steuerzahlerverbandes Federcontribuenti, sieht ein Risiko darin, dass Steuerbetrüger mit dem Test recht gut einschätzen können, wie weit sie gehen können, ohne geschnappt zu werden. "Natürlich werden nur die ihn benutzen, die etwas zu verbergen haben", sagt Paccagnella.

Wikipedia/Snowdog

In Cortina d'Ampezzo fielen kurz vor Silvester 2011 massenhaft Steuerfahnder ein und sorgten in Restaurants, Geschäften und bei reichen Gästen teils für lange Gesichter.

Italien ist nicht das einzige europäische Land, das sich immer stärker auf die Bekämpfung der Steuerhinterziehung fokussiert. In Griechenland, wo die Steuerbehörden seit Jahren mit der grassierenden Steuerflucht kämpfen, erwägt die Regierung derzeit die Schaffung eines Vermögensregisters für alle Steuerzahler.

Als Teil einer umfassenden Reform des griechischen Steuersystems, die die Regierung in den nächsten Wochen auf den Weg bringen will, müssen alle Griechen auch Angaben zu ihrem Grundbesitz und anderen Investmentanlagen machen, damit diese dann mit den Einkommenserklärungen abgeglichen werden können.

Italiener verpfeifen immer öfter ihre Mitbürger

In Italien sorgte zum Jahreswechsel 2011/12 eine Razzia der italienischen Steuerbehörde im Nobel-Skiort Cortina d'Ampezzo für Schlagzeilen. Die Fahnder kontrollierten Restaurants und Geschäfte, ob sie ordnungsgemäße Quittungen ausstellten und filzten auch die Halter von Luxusautos, deren Lebensstil offenbar nicht zu ihrer Steuererklärung passte. Im Fernsehen wurden Spots gesendet, in denen Steuerbetrüger mit verschiedenen Tieren, Fischen, Holz und Darmparasiten verglichen wurden.

Das schärfere Vorgehen zeigt Wirkung: Während die Italiener unter den Sparmaßnahmen leiden, die sich tief in ihr tägliches Leben einschneiden, ist die Zahl der Anzeigen wegen möglichen Steuerbetrugs – über die kostenlose Hotline der Steuerbehörde – in den ersten neun Monaten dieses Jahres im Vergleich zu 2011 um 92 Prozent auf 50.000 gestiegen, wie die Steuerpolizei mitteilt.

Auf ihrer Pressekonferenz am Dienstag bezeichneten die italienischen Steuerbeamten ihren neuen Selbsttest als einen kleinen Teil ihrer intensiveren Anstrengungen gegen Steuerbetrug. Die Behörde hat auch ein neues System eingeführt, mit dem sie effizienter als bisher deklarierte Einkommen mit statistischen Daten zum Ausgabeverhalten abgleichen und auf ihre Plausibilität überprüfen kann. "Wer nicht betrügt, hat nichts zu befürchten", sagt Attilio Befera, der Chef der Steuerbehörde.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Werbung

  • [image]

    Biene, Eule, Pinguin: Die tierischen Maskottchen von Tech-Firmen

    Viele Produkte von Tech-Firmen sind schwer verständlich für Laien. Die Unternehmen haben es darum oft nicht leicht, für sich zu werben. Etliche setzen auf Tiere, um ihre Marke bekannt zu machen. Wir stellen 30 von ihnen vor.

  • [image]

    Die teuersten Hotelstädte Europas

    Paris, London, Berlin, Lissabon: Im Sommer locken Städte die Urlauber. Bei den Zimmerpreisen sind die Unterschiede groß. Wir zeigen, wo Touristen sich das Hotel leisten können - und in welchen Städten die saftigsten Preise fällig werden.

  • [image]

    Zu Besuch bei deutschen Start-ups

    Ständig wird über sie berichtet, ihre Dienste werden von Millionen genutzt: Deutsche Start-ups müssen sich vor der Konkurrenz aus den USA längst nicht mehr verstecken. Das zeigt auch ein Blick auf die Büros der jungen Firmen. Wir haben Onefootball, Eyeem, Wooga, Amorelie, Mymuesli, Researchgate und Outfittery in Berlin besucht.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 30. Juli

    Viel Wasser in Los Angeles, viel Sonne über Hongkong, bunte Hindu-Pilger in Indien, eine zerstörte Schule im Gazastreifen und Männerbeine in Glasgow: Das und noch mehr steckt heute in unseren Bildern des Tages.

  • [image]

    Die schlimmsten Stau-Städte der Welt

    Für alle deutschen Autofahrer im Stau gilt: Es geht noch schlimmer. Der Navigationsgeräte-Hersteller TomTom hat die Fahrzeiten in den Metropolen verglichen. Wir stellen die Stau-Hochburgen der Welt vor.

  • [image]

    Der neue Villen-Boom in Berlin

    „Arm, aber sexy" war gestern. Heute zeigt Berlin wieder Luxus. Besonders die Altbauvillen im Südwesten der Hauptstadt erleben derzeit eine neue Blütezeit.