• The Wall Street Journal

Billiges Geld für Bund weckt Begierden

    Von STEFFEN GOSENHEIMER

Das Timing hätte kaum besser sein können. Das vorläufige Scheitern der Gespräche über weitere Hilfen für Griechenland spielt Deutschland in die Karten. Ebenso der Verlust der Bonitätsbestnote für Frankreich. Beide Ereignisse haben bei den Anlegern wieder für starke Verunsicherung gesorgt. Auf der Suche nach Sicherheit haben diese am Mittwoch wieder verstärkt Zuflucht im sicheren Hafen deutscher Anleihen gesucht.

Im Ergebnis bekommt Deutschland Kredite praktisch zum Nulltarif, was nicht nur international für Begehrlichkeiten sorgt. So scheint sich die Diskussion um sogenannte Deutschland-Bonds, gemeinsam vom Bund und den Bundesländern aufgelegte Anleihen, wieder neu zu beleben.

dapd

Kann sich wieder über günstige Schulden freuen: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Bei der Auktion zehnjähriger Bundesanleihen sank die Rendite auf 1,40 Prozent, verglichen mit 1,56 Prozent bei der vorangegangenen Versteigerung. Dies war die niedrigste Auktionsrendite seit Juli. Bei ebenfalls platzierten inflationsindexierten Papieren mit fünf Jahren Laufzeit fiel die Rendite dagegen sogar erneut negativ aus. Sie sank auf -0,86 von zuletzt -0,31 Prozent.

Die Finanzierungskosten Deutschlands waren am Sekundärmarkt mit der neuerlichen Zuspitzung der Schuldenprobleme Griechenlands zuletzt wieder stark gesunken. In den Monaten zuvor schwankte die Rendite zwischen 1,20 und 1,60 Prozent, je nachdem wie die jeweils aktuelle Stimmungslage mit Blick auf die Euro-Schuldenkrise war. Die erneute Verzögerung einer Entscheidung zu Griechenland unterstreiche die noch immer fragile Situation, betont die Commerzbank.

Anleger mussten von EFSF auf Bund wechseln

Profitiert haben könnte die Nachfrage nach den deutschen Papieren auch davon, dass der wie Deutschland derzeit noch mit "AAA" eingestufte temporäre Euro-Rettungsschirm EFSF am Dienstag eine Platzierung von dreijährigen Papieren im Volumen von 3 Milliarden Euro verschieben musste. Damit dürften sich einige Anleger nach Alternativen umgesehen haben und auf die deutschen Bundesanleihen gestoßen sein.

Der EFSF hatte die im Syndizierungsverfahren geplante Emission absagen müssen, weil ihn nach der Abstufung Frankreichs seine eigenen Regeln dazu zwingen. Da Frankreich über keine Spitzenbonität mehr verfügt, droht auch dem EFSF eine Herabstufung. Die dadurch bestehende "Ratingunsicherheit" zwang den EFSF zu einer Absage der Emission. Die mögliche Abstufung des EFSF könnte innerhalb einer Woche über die Bühne gehen, heißt es am Rentenmarkt.

Das Augenmerk richtet sich nun auf den kommenden Montag, wenn die Euro-Finanzminister ihre Gespräche über mögliche Hilfen für Griechenland wieder aufnehmen. Sollten sich im Vorfeld die Signale mehren, dass man dann zu einer Einigung findet, dürfte dies die Anleger wieder risikofreudiger werden lassen; deutsche Anleihen dürften dann wegen ihrer unattraktiven Renditen wieder eher verkauft werden.

Sollte allerdings bei den kommenden Verhandlungen erneut keine Einigung erzielt werden, dürften die Folgen gravierend sein, warnt Ciaran O'Hagan von der Societe Generale. Investoren dürften dann auch trotz der negativen Realzinsen, die sie mit deutschen Schuldtiteln derzeit erzielen, weiter ihr Heil in deutschen Anleihen suchen.

Bei der Auktion am Mittwoch wurden Papiere über 3,253 Milliarden Euro platziert. Die Emission war 1,5-fach überzeichnet, nachdem drei der vorangegangenen vier Versteigerungen der gleichen Papiere technisch unterzeichnet gewesen waren.

Begehrlichkeit nach Deutschland-Bonds wächst

Dass der Bund weiter extrem niedrige Zinsen auf seine Schulden bezahlen muss, lässt unterdessen nicht nur die europäischen Nachbarn und insbesondere die weiter unter hohen Zinsen ächzenden Krisenländer der Eurozone neidvoll auf Deutschland blicken. Auch innerhalb Deutschlands würden sich ärmere Länder über frisches Geld zum Großeinkaufspreis freuen und fordern seit Monaten gemeinsame Deutschland-Bonds. Unter anderem deswegen, weil sie sich wegen ihres geringen Kreditvolumens und ihrer schlechteren Länder-Ratings längst nicht so günstig Geld leihen können wie der Bund.

Diesen Ländern hat das Finanzministerium nun Hoffnung gemacht. Der Bund plant nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters 2013 erstmals eine gemeinsame Anleihe mit den Bundesländern. Verhandlungskreisen aus Finanzministerium und Finanzagentur zufolge wurden die Länder jüngst über die Bedingungen für solche "Deutschland-Bonds" informiert.

Diese Entwicklung kommt insofern etwas überraschend, als sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble bislang gegen jegliche Vergemeinschaftung von Schulden gewehrt hat, auch weil damit die neuerlichen Rufe nach sogenannten Euro-Bonds nicht lange auf sich warten lassen dürften. Dass sich der Bund nun doch zu bewegen scheint, ist auf eine maßgebliche Einschränkung verbunden: Dass er nicht für die Länder mithaften will.

Reiche Bundesländer wollen nicht mitmachen

Und in noch einem Punkt sind sich Länder und Bund offenbar nicht einig. Der Bund würde wohl nur einen relativ kleinen Anteil - entsprechend der durchschnittlichen Länderanteile - am Emissionsvolumen solcher gemeinsamer Anleihen übernehmen. Damit dürfte aber auch der zu erwartende Zinsvorteil verwässert werden.

Während sich kleinere Bundesländer in der Hoffnung auf niedrigere Zinssätze dennoch für die Idee begeistern dürften, kommt von anderen Ablehnung. "Niedersachen ist an einer solchen gemeinsamen Anleihe nicht interessiert", betonte Finanzminister Möllring. "Zum einen glauben wir, dass die Finanzierungsbedingungen günstiger sind, wenn wir alleine eine Anleihe ausgeben", zum anderen können wir dann auch die Konditionen selbst festlegen, wann wir mit welcher Laufzeit und zu welchen Bedingungen auf den Markt gehen."

Auch die finanzstarken Länder Bayern und Baden-Württemberg sollen laut Kreisen kein Interesse haben, weil sie sich auch alleine sehr günstig Geld leihen können.

Kontakt zum Autor: steffen.gosenheimer@dowjones.com

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